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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-22 · Heft 38 (22.9.1911) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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75; Jahrgang Nr. 38 Berlin, 22. September 1911 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungr-Ratr Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. -21 könnements»preis: durch den Luch. Handel oder die. Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Httftftlt Bußzelt - Religiosität. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. — ipUlJlUl« Die Woche. — Ein Monumentalgemälde des Judentums. Von Lothar Brieger-Wasservogel. — Die jüdische Gemeinde zu Berlin. — Zwei jüdische Monisten. Von Professor Kl ein-Stockholm. — Ein deutscher Pionier. Von Leon Scheinhaus-Memel. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. — Letzte Nachrichten. . Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums".) Berlin, Königsberg i. Pr., Hamburg, Frankfurt a. M., Wien. — Von Nah und Fern. jguWrit-Seligmütst. . 'Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. uch sie beginnt, etwas von ihrer großen Macht zu verlieren. Wohl ziehen noch immer die Scharen der Tausende Israels am 1. und 10. Tischri. am ersten und letzten Tage der zehntägigen Bußzeit nach .den Gotteshäusern, Männer und Frauen beeilen sich noch immer, sich rechtzeitig einen „Sitz" für diese beiden Tage in irgendeinem Bethause zu sichern. Aber heften sich die Augen prüfend auf den „Andächtigen", will ich dem Geist nachspüren, der in den Herzen unserer Frommen waltet, dann habe ich das Gefühl, als ob Andacht und Weihe an Innigkeit und Tiefe eher verloren als gewonnen hätten. Auch im Hause, in der Familie. Kommt es mir nur so vor, oder sehe ich richtig: es fehlt auch da der Odem Gottes, das undefinierbare religiöse Fluidum, jene unbeschreibliche religiöse Getragenheit, die Ergriffenheit des Gemüts, das Bei-Gott-sein der Seele, von denen einst das jüdische Heim an diesen Tagen erfüllt war. Es ist ja Festtag, und doch macht alles einen so werktagsmäßigen prosaischen Eindruck; nichtbic Atmosphäre duftenden Blühens umfängt uns, sondern des Melkens, Absterbens. Kann es. denn anders sein bei der Pflege, die der moderne Jude seinem religiösen Leben angedeihen läßt? Das Verhältnis des Menschen zur Welt! des Unerkennj baren ist Religion. -Die kteinmenschliche Welt, die der äußeren \|/ Erscheinungen, ist das. Erkennbare, diese Welt der Sinne und Triebe mit ihrer Schönheit, Anmut und Größe, mit ihrer Macht und ihrem Reiz, aber auch mit all dem Schein und Trug, mit all der Niedrigkeit und Gemeinheit, die sich in ihr tummeln. Gegen diese Welt stellt sich und stemmt sich aus der innersten Seele heraus, eine ganz andere Welt: die der Güte, der Hilfsbereitschaft, der Wahrheit, der Versöhnlichkeit und Verzeihung/ der Opferwilligkeit und der selbstlosen Hingebung. Sie ist zwar in uns, aber sie ist nicht sinnfällig, sie i^.unerkennb'ari Und doch istdiese Welt allein der Sinn ästes Lebens,- der Kern aller Wirklichkeit. Aller Fortschritt wird sinnlos, Wissenschaft, Technik, Staatskunst werden zwecklos, so sie nicht der Welt des Unerkennbaren, dieser geistigi sittlichen Gotteswelt dienen. Und die jüdische Bußzeit bedeutet,^ eben die Höherschätzung der geistig-sittlichen Gotteswelt, ihre!? Anerkennung; sie bedeutet unsere Reue darüber, daß wir ims: Leben die kleinmenschliche Welt höher schätzen als unser Innenleben, zugleich den Vorsatz, von dem Irrweg abzuläsfen,^ unser Sinnen und Streben mehr auf die Gotteswelt zu j richten. r Es gibt aber auch nichts, das schwerer zu erfassen und zu erleben wäre als gerade diese Welt des Unerkennbaren. Mit seinem analysierenden Verstände vermag es der Mensch schon gar nicht; die Gotteswelt in sich aufnehmen kann er nur durch intuitives Erfassen, durch eine Art von Offenbarung. . Wer mit dem Verstände erlernen will, daß der eigentliche Sinn des Lebens doch nicht die äußere Welt ist, müht sich vergeblich ab. Die Gotteswelt will intuitiv ergriffen sein, in der Extase des Gemütes, dann erst gibt sie sich dem Menschen zu eigen. Doch weniger als es je eine andere war, ist Unsere nüchterne, praktische, auf das nützliche gestellte Zeit für Intuition geeignet. In unserem harten, immer mehr sich veräußerlichenden Leben wird immer weniger Platz für das Intuitive, der Verstand schlingt seine knorrigen Arme immer fester um das Dasein, der religiöse Geist flieht, verläßt Haus und Hof und Tempel und räumt das Feld. Und wir fragen noch, warum auch die Religiosität der Bußzeit im Schwinden begriffen ist? Was also not tut, ist, die Intuition wieder aussenden, daß sie das Verlorene wieder zurückerobere. Ist das^aber möglich, ist Intuition nicht eine angeborene Fähigkeit, kann sie angeeignet werden? Gewiß kann sie das. Die intuitive Kraft ist dem Menschen ebenso gegeben wie der Verstand. Nur daß er im Leben von diesem weit mehr Gebrauch macht als von jener. Wir sind mehr gewöhnt, mit dem Verstände zu arbeiten als mit der Intuition; wäre das Umgekehrte der Fall, fiele uns die Verständestätigkeit schwerer. Infolge unserer Gewohnheit, mehr mit dem Verstände zu arbeiten, bedarf es einer außerordentlichen Anstrengung/ fast könnten wir sagen einer strengen philosophischen Schulung, um intuitiv etwas zu erfassen. Diese Anstrengung entfällt, wenn wir uns zur Intuition erziehen. Wie eine medizinische Offenbarung dem ganz anders sich erschließt, der in der Medizin große Erfahrungen und Beobachtungen gesammelt hat, wie ' einem großen Künstler die Intuition von selber kommt, wenn er an den großen Kunstwerken der Jahrhunderte sich gebildet hat, so kommt au,ch die religiöse Intuition ohne jeden Zwang und ohne jede Anstrengung jedem, dem die Religion nicht fremd, geworden ist. Wer sie aber gleich dem modernen Juden wie einen äeos dx machina einmal im Jahr heraufbeschwören will, dem wird sie

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