Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
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„Du! Du!" drohte noch einmal Eschkeles und eilte hinaus. Natürlich verzichtete erdarauf, zum Rabbi zu gehen und Liweitzer gegen die naiven Fanatiker in Schutz zu nehmen. Liweitzer und dessen Genossen hatte nicht der Verrat des Bäckers, sondern Reb Joßeles kindische Schadenfreude in wirkliche Gefahr geschleudert. Der mächtige, einflußreiche Eschkeles Hätte die Gefahr beseitigen können, und er hätte es auch getan. Doch zu solcher Vergebung konnte sich sein ehrliches, gutes Herz nicht entschließen. Möge man nur jenen Liweitzer aus der Ieschiwa hinauswerfen. Vergebens kam Lajtinant Flesch um die Mittagszeit, um zu erfahren,, mit welchem Erfolg Eschkeles. im Interesse Liweitzers interveniert habe, dessen Teilnahmslosigkeit verblüffte ihn. „Nun gut, Herr Eschkeles. Die Geschichte wird Nagysöröds Schande verewigen. Ich wasche meine Hände in Unschuld." Eschkeles zuckte die Achseln. Was kümmerte ihn jetzt die Weltgeschichte. Sein Herz war angsterfüllt wegen Esterchen. Was ist mit dem Mädchen geschehen? Ist sie verliebt und ernstlich verliebt? Oder ist es nur Spiel, kindische Zersteuung? Wenn es. Ernst sein sollte, dann wäre es ein großes Unglück. Denn es kann doch keine Rede davon sein, daß Esterchen Liweitzers Frau wird. Wenn er den Mann für .seine Tochter aus den ersten Familien, aus priesterlichen Dynastien wählen kann! . Dasselbe sagte Frau Eschkeles zu Esterchen. Sie sprach ihr zu Herzen: Was sie sich denn gedacht habe?. Esterchen weinte und sagte, daß sie sich noch gar nichts ge-, dacht habe. So viel harmlose Aufrichtigkeit war in den geschluchzten Worten enthalten, daß Frau Eschkeles sich beruhigte. „Also gut, weine Dich aus, dann komme zum Mittagessen hinein." Mittag war schon da und sie weinte noch immer. In der Stadt zwitscherten schon die Spatzen von den Dächern, daß der Rabbi über Liweitzer zu Gericht gesessen ist und ihn aus der Ieschiwa hinausgewiesen hat. Esterchen wußte es noch nicht, ihr brachte Blümele die Nachricht. Esterchen biß die Zähne zusammen und sprach kein Wort, sondern zitterte bloß. ^„Jch habe es von meinem Vater gehört. Und am Wege hat es mir auch Heimlich gesagt. Also mir geht es nicht nahe. Ein bißchen habe ich geweint, aber jetzt geht es mir nicht mehr nahe."; Esterchen schaute sie mit tränenvollen Augen groß an: „Es ist dir gleichgültig?" Blümele kam sichtlich in Verlegenheit. „Nun weißt Du, beim Hierhergehen hat mir Heimlich gesagt, daß mich die Kinder sehr gern haben ... und daß es auch ihm recht wäre . . ." „Und was hat er noch gesagt?" „Daß die Kinder nicht ohne Mutter bleiben können und daß es auch für ihn gut wäre, denn dann könnte er die Fleischbank zurückbekommen. Und das wäre gut. . . es ist ein gutes Geschäft . .::F und ich darf nicht wählerisch sein, Esterchen." Esterchen preßte die Hände an den Busen. „Also Du hast ihn nur so. geliebt?" fragte sie mit unaussprechlicher Bitterkeit. „Ich, ich will kein altes Mädchen werden," verteidigte sich Blümele. „Und Du warst doch böse aus mich?" -- „Damals, damals... mein Gott. . . es denkt doch -jeder daran." „An was?"; ' „Mein Gott, nun — an das Heiraten." „Jeder? Ich — ich habe ihn nicht so geliebt." „Nicht so?" wunderte sich Blümele. Esterchen warf sich auf das Sofa, drückte ihr Gesicht aus das Kissen , und schluchzte: „Nem, nicht so ... Ich habe ihn nur geliebt ... Und ich habe ihn nur geliebt." Irgendeine Ahnung dämmerte in Blümeles Herzen, daß die menschliche Seele von mancherlei Empfindungen schmerzen kann, und daß Esterchens Leid wohl nicht das kleinste sein mochte. Mit tiefem Mitgefühl betrachtete sie eine Weile die Bedauernswerte und dann entfernte sie sich still. Draußen wischte sie die Tränen aus den Augen und blickte dann zum Himmel empor. An dem heiteren Nachfrühlingstag war das Firmament hell und klar. Blümele seufzte, und dann stahl sich ein unsicheres Lächeln auf ihre Lippen, ängstlich, wie ein Schmetterling, der nicht weiß, ob er sich wohl auf dem zarten Blümenstengel niederlassen soll. „Mein Gott," seufzte sie, „Mittag ist's schon und Aronchen hat noch nicht gebadet." Sie beschleunigte ihre Schritte, und je näher sie zu Ores Haus kam, um so ruhiger wurde sie. Unter süßem, vertraulichem Lachen machte sie die Tür weit aus: „Kinder, hier bin ich." Die Kinder liefen ihr entgegen. Die größeren hängten sich an sie, Aronchen aber streckte ihr bloß die Händchen entgegen und lallte glückselig: * „Mam-ma!. Mam°ma!" Blümele nahm ihn in die Arme, und als sie ihr glühendes Gesicht an das nackte Körperchen des Kindes preßte, dachte sie, daß man so lieben kann, wie Esterchen liebt, so wie sie geliebt hat, aber auch so, wie sie jetzt liebt. Die Juden von heiligem Lebenswandel können sich nur schwer eine menschliche Entwicklung vorstellen, welche außerhalb der Mauern des Beshamedresch ihren Anfang genommen hat. Hier, nur hier muß man in treuem Sichversenken in die heiligen Wissenschaften die zum Leben nötigen Kräfte sammeln. Wer seine Wurzeln in anderen Boden versenkt, der kann nur ein Leben zweiten Grades leben. Ansehen genießt nur derjenige, der Bocher war. Der es war, denn das Ansehen beginnt dann, wenn er es nicht mehr ist. Wenn der Bocher kein Bocher mehr ist, sondern ein Balbos, ein selbständiger Mensch. Die Ausweisung Liweitzers und seiner Genossen hatte eben deshalb das Interesse der Naghsöröder nur sehr kurze Zeit wachgehalten. Sie sind fort, also sind sie fort, wer kümmert sich um sie. Die Aermsten hatten vielleicht noch gar nicht die Landesgrenze überschritten, als sie schon vergessen würden. ' Nur Lajtinant Flesch gedachte ihrer freundlichen Herzens. Er wußte zwar nicht genau, welcher Weg nach Berlin führt und welche Städte sie berühren müssen, dennoch begleiteten sie seine Gedanken. Na, jetzt sind sie hier, na,'jetzt sind sie da angelangt. Und als er meinte, sie wären schon in Berlin angelangt, da wurde er wahrhaftig nervös. Ob sie sich wohl in der ungeheuren Stadt nicht verirren? Was sie wohl beginnen werden? Ob ihnen von dem wenigen Geld, welches sie mitgenommen haben, noch etwas übrig geblieben war? Er machte sich bittere Vorwürfe, denn er fühlte, daß die Kultur ein größeres Opfer von ihm verdient hätte. Die paar