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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-15 · Heft 37 (15.9.1911) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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Unser Jesuit sagt nichts von dem Jüdischen indiesen Gedichten, deren poetische Schönheit er freilich anerkennt. Aber mit Unbehagen findet er in ihnen „ein getvisseffHllgemeines Christentum, eine Bevorzugung des von den Hcotestanten so gern zitierten Alten Testaments; und die Toleranz, diese Lieblingsidee Moores, zeigt sich auch hier nicht gelten?' Freilich, ein Jesuit kann jetzt schon die Toleranz entbehren. — Wir müssen ihm aber zustimmen, wenn er sagt, daß es die katholische Kirche war, der Irland im letzten Grunde die Erhaltung seiner Nationalität trotz aller Verfolgungen und Strafgesetze zu verdanken habe, und daß die Segnungen und Tröstungen der Religion das niedergetretene, arme Volk immer wieder aufrichteten und stärkten. Freilich hatten die Irländer das Glück, Länder zu finden, in denen ihre Religion nicht eine unterdrückte, sondern die herrschende war, und wenn auch viele auswanderten, mehr aus ökonomischen als aus konfessionellen Motiven, so konnte doch die Mehrzahl in ihrer alten Heimat bleiben. Und jetzt bilden sie sogar eine die Politik des großen britischen Reiches stark beeinflussende Partei im. Parlament, während die Juden in Oesterreichs und Rußlands Volksvertretungen nicht einmal soviel Stimmen haben, als ihnen nach der Volkszahl gebührte. Wenn Moore jetzt lebte, er würde kaum Stoff zu Klagen finden. Wann wird eine solche Zeit oder wenigstens ein solcher Dichter für die Juden kommen? Seim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsöni. XXXII. Esterchen weinte wahrhaftig auch. . Sie hatte hundert Gründe dazu, nicht bloß den einen. Denn ihr armes Herz wurde von vielen Seiten gemartert. Ihr nächtliches Briefschreiben war nicht geheim geblieben. Reb Joßele sammelte die Papierfetzen, tanzte und lachte bei dem Gedanken, was für Augen sein Sohn und seine Schwiegertochter machen würden, wenn er das große Geheimnis verrät. Esterchen pochte vergeblich an seine Tür: „Großvater, geben Sie es her!" Das vertrocknete Männchen kicherte bloß: »Ich geb' es nicht, ich geb' es nicht." Und er versteckte die Papierstückchen unter dem Kopskiffen, als ob es teure Reliquien gewesen wären. In der Frühe aber lockte er Macerl herein: „Macerl kriegst Zucker, feinen Kartoffelzucker!" Mäcerl aß gern Kartoffelzucker, demnach widerstrebte er nicht. Der Großvater gab ihm Zucker und sagte: ' „Macerl, kannst Du lesen?" „Ja, ich kann." „Du kannst es nicht, Macerl." „Aber ich kann," sprach Macerl, selbstbewußt mit dem Fuße stampfend. „Na, wenn Du kannst, dann lies nur dieses da." Und er legte ihm die Papierstücke vor. Er las, doch ohne viel Verständnis. Hier ein Wort, dort ein Wort. Lieber Herr Liweitzer! Geehrter Herr Liweitzer! Reb Joßele sprang vergnügt herum und kicherte: „Hehe! Lieber Herr Liweitzer! Sehr gut, Maeerl, aus Dir wird ein Oberrabiner?' Und aus Freude über diese herrlichen Aussichten gab er Macerl einen Nasenstüber, dann zog er ihn bei den Ohren. Der Oberrabiner kreischte, stampfte mit den Füßen und lief weinend zu seiner Mutter. „Na, weine nicht, Macerl," beschwichtigte ihn der Alte, indem er ihm nachtrippelte. „Kriegst Zucker, Macerl." „Ei Papa" — sprach Frau Eschkeles vorwurfsvoll. „Ich Hab' mich gefreut. Also darf man sich nicht freuen?" — lächelte der Alte. „Er liest prächtig. Hetze, ich weiß ja, daß es dich nicht freuen wird. Was steht darin, Macerl? Süßer Herr Liweitzer . . . teurer Herr Liweitzer . . . Ihr treues Esterchen." „Was reden Sie da durcheinander?" sprach verwundert Frau Eschkeles. „Macerl weiß es", kicherte der Alte. „Auch ich weiß es. Großartig, großartig. Ein Briefchen, ein Briefchen. Großartig, großartig." Es war schwer, aus dem kindischen Geplapper, etwas Verständliches zu entnehmen, doch endlich gelang dies doch. Der Alte übergab schadenfroh die verräterischen Papierschnitzeil seiner Schwiegertochter. Als diese die Briesfragmente gelesen hatte, erstarrte sie zur Bildsäule. Also das mußte sie erleben. Ihre Tochter, die mit solch ängstlicher Sorgfalt erzogen wurde, stand mit jungen Leuten in Briefwechsel. Mein Kind," rief Eschkeles von der Schwelle herein, „Flesch war hier und erzählte, daß man . Liweitzer ein großes Unrecht zufügen will. Man will ihn ausweisen. Ich gehe, mein Kind, zum Rabbi hin. Jener Jüngling verdient es, daß man ein gutes Wort . . ." , Er brachte den Satz nicht zu Ende, denn der ungewöhnliche Seelenzustand seiner Frau fiel ihm auf. „Was fehlt Dir?" fragte er besorgt. Frau Eschkeles überreichte ihm die Papierschnitzel. „Sieh'!" sprach sie mit erstickter Stimme. Eschkeles betrachtete die Papierschnitzel. „Was ist das?" frug er verwirrt. „Ein Briefchen, ein Briefchen," kicherte Reb Joßele und wälzte sich vor Freude auf dem Diwan. „Deine Töchter schrieb es an jenen Liweitzer," klärte ihn Frau Eschkeles auf. Eschkeles prüfte lange wortlos die Papierfetzen. Dann ging er zu Esterchens Zimmer hin, öffnete die Tür und rief mit heiserer Stimme Esterchen heraus. ' Esterchen wankte leichenfahl herein. Sie wußte ja, was man von ihr haben wollte. „Hast Du das geschrieben?" fragte ihr Vater rauh. Esterchens Kopf sank auf ihre Brust. Man konnte hörenwie sie stammelnd erwiderte: »Ich." ' „Warum?" fragte der Vater mit Donnerstimme. Esterchen preßte die gefalteten Hände auf die Brust, hob ihr blasses Gesichtchen empor und blickte scheu, wie ein erschrockenes Vögelchen aus ihren Vater. „Also warum?" entrang sich ihren zitternden Lippen die Antwort. „Du! Du!" drohte Eschkeles, und harte Worte wollten sich ihm auf die Lippen drängen. „Vater! Vater!" beschwichtigte ihn Frau Eschkeles, die in der Seele ihres Kindes las und mit der großen Barmherzigkeit der Mütter schon vergessen hatte, daß sie selbst noch eben böse gewesen war. „Laß. nur, Vater, ich werde ihr schon den närrischen Kopf zurechtsetzen."

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