Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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war die ganze Insel dämäls schon katholisch und die dortige einheimische Geistlichkeit eher moralischer und sittlicher als die englische. Doch ich will hier weder eine Kritik von Stockmanns Büch geben noch die Lebensgeschichte Mooreserzählen. In bezug auf letztere mag es genügen, zu erwähnen, daß er im Jahre 1779 in Dublin geboren wurde, 1795 bis 1799 die dortige Universität besuchte, den Titel' Bachelor of arts erwarb und dann nach London ging. Dort betrieb er juristische Studien, gab sie aber bald auf, um sich ganz der Literatur zu -widmen, übersetzte Anakreon und dichtete selbst anäkreontische und Liebeslieder. Eine Anstellung als Regierungsbeamter in Bermuda, deren Pflichten er durch einen Stellvertreter erfüllen ließ, brachte ihm nur viel Aerger und Geldverlust (bei 6000 Pfund). Er mußte deshalb für einige Zeit England verlassen, hat aber, ohne die angebotene Hilfe seiner reichen Freunde anzunehmen, den Verlust aus dem reichen Ertrag seiner Werke gedeckt. Sie haben ihm 30000 Pfund eingebracht, aber er litt trotzdem oft an Geldmangel; er' war kein Verschwender, aber ein schlechter Haushalter. Im Jahre 1804 besuchte er Kanada und die Vereinigten Staaten, von wo er ebenso unzufrieden und enttäuscht wie Lenau zürückkehrte. Einige Jahre nach dieser Reise hat er geheiratet und lebte'dann, seine Eltern reichlich unterstützend, in glücklicher Ehe. Aber der' Verlust von zwei erwachsenen Söhnen (1842 und 1846) wirkte sehr deprimierend' auf ihn, und er verbrachte die letzten vier Jahre bis zu seinem am 26. Februar 1852 erfolgten Tode in geistiger 'Umnachtung. -Heine mußte jahrelang schwere körperliche Leiden ertragen, aber sein Geist blieb bis zuletzt gesund. -Außer seinen anäkreontischen, satirisch-politischen und patriotischen Gedichten hat Moore das vielfach Übersetzte orientalische Epos „Lalla Rookh" und andere poetische Werke geschrieben. Von seinen Prosawerken sind, 'äußer der bereits' genannten Apologie des Katholizismus, noch besonders erwähnenswert: „Die Geschichte Irlands" und die „Biographie desirischen politischen Märtyrers Lord Eduard Fitzgerald", der am 4. Juni 1798 im Kerker, an den bei seiner Arretierung erhaltenen Wunden gestorben ist. Moore hat auch - eine Biographie des dramatischen Dichters Sheridan geschrieben und die Briefe und Tagebücher (leider sehr unvollständig) seines besten Freundes, Lord Byron, herausgegeben. Doch wir können hier auf alle diese in jeder Beziehung sehr interessanten Werke nicht eingehen und müssen uns begnügen, nur das ausführlicher zu behandeln, was sich in seinen Gedichten aus Bibel, Religion, Patriotismus und Nationalgefühl bezieht. Denn das Schicksal der Iren, das bis in die neueste Zeit dem der Juden in mancher Beziehung ähnlich war, hat seiner Leier Töne des Schmerzes, des Zornes und der Erbitterung, aber auch des Trostes und der Hoffnung entlockt, wie sie ähnlich nur aus einer jüdischen Brust kommen könnten. Auch Byron hat ergreifende „hebräische Melodien" gesungen, — ich erinnere nur an „Oh! w'eep for those that wept by Babels stream“ und an „We sat down and wept by the waters of Babel“ sowie an das an des Propheten Jeremias Klagen erinnernde „On Jordans banks“. Das Motiv „An den Strömen Babylons" ertönt auch in Moores „The harp, Ihat once through Tara’s halls“ und in /wieder: „Dear harp of my Country“ Die Harfe, deren süßer Klang, So seelenvoll rmd'rein, Die Hallen Taras einst durchdrang, Sie ruht, verstummt," allein. So schläft der Stolz vergangner Zeit, Der Wünsch nach Ehre nun. Und Herzen, treu einst und bereit. Sie schweigen und sie ruhn. Teure Harfe von Erin, verstumme, vertöne! Dies Lied sei das letzte, das von dir erschallt. Geh schlafen, bis einer dir würdiger'n Söhne, Dich wieder ergreifet mit Dichtergewalt! Wenn, Liebende, Krieger im sanften Gebete Gelauscht meinem Lied — sei der Ruhm dir allein! Ich war nur der Windhauch, der über dich wehte, Und all die melodische Schönheit war dein. . ' Und eine weitere Ausführung eines Verses dieses 137. Psalms „Sollt ich dein vergessen, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen", finden wir in Remember thee! und in Erin! oh Erin! , - Dich vergessen! Solange mein Herz sich regt, Jst's für dich, armes Land, stets in Liebe bewegt, Trotz all deines Kummers, trotz all deiner Qual Lieb ich mehr als die übrige Welt dich zumal! Erin, o Erin, Juwel dieser Welt, - Dein Stern wird noch glühn, wenn der stolzeste fällt! „Fallen is the throne, oh Jsrael“ ist fast ganz aus Versen Jeremias zusammengesetzt. Und „Sound the loud timbrel o’erEgypts dark sea“ tft eine Erweiterung von Mirjams Triumphgesang (Exodus XV, 20) mit Benutzung einiger Verse aus Moses Siegeslied „Singen will ich dem Herren." Ganz jüdisch klingt das Träuerlied Fallen is Üiy throne, oh Jsrael!. Silence is over thy plains, Thy dwellings all lie desolate, ■ j. Thy children weep in chains. Als ein gewisser Hamilton in einer Abhandlung die Abstammung der Iren von den Juden zu beweisen suchte, benutzte es der Dichter gern, um eine Parallele zwischen den zwei Völkern zu ziehen. „Beide sind besiegt und niedergebrochen," singt er, „der Krone beraubt. Ihre Kinder sterben fern von dem Land ihrer Sehnsucht, an die alte Herrlichkeit denkend und auf ihre Wiederkehr hoffend.. . In Leid und Not, in Kummer und Herzbrechen erweisen wir uns als Deine Kinder, Zion. Aber Du hast doch einen Tag der Rache (an Babylon) erlebt, als dieses den Kelch der Bitternis leeren mußte, und der Fluch des Himmels die Stolze traf, ihre habgierigen Kaufleute und. ungerechten Herrscher." So ist ihm Zion Irland, und England wird das Schicksal Babylons treffen. „Und wenn Du kommst in Deinem Zorn, Allmächtiger, dann laß die Sünder wie die Aegypter von Finsternis bedeckt werden, während Jsrael im Licht Deiner Liebe erstrahlt," heißt es im Come not, oh Lord. Gewiß, Byron war der größere Dichter, aber Moore ist uns mitfühlender, jüdischer als er, ja, jüdischer als Heine. Es steckt in seinem tiefen Schmerz, in seinem glühenden Zorn - aber auch in seiner unzerstörbaren Hoffnung etwas, das selbst da, wo er nicht von Juden, sonderü von Iren, oder anderen unterdrückten Völkern singt, an Jehuda Halevy erinnert.