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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-15 · Heft 37 (15.9.1911) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
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zukünftigen russischen jüdischen Mentoren bahnbrechende Vorbilder geworden. Die russische Regierung hätte entschieden die schönsten Resultate für das jüdische Schulwesen von der Berufung deutscher Ordner und Bildner gezogen. Als aber die Schulen eröffnet werden sollten, trat. die Regierung von ihrem Vorhaben -zurück. Sie konnte es nicht mit ihrem System der Russifizierung vereinbart finden, jüdische Lehrer aus Deutschland zu berufen, und beschloß, die jüdischen Schulen ohne deutschen Einfluß zu gründen, die erste Klasse nach Muster der allgemeinen parochialen Schulen, die zweite nach Art der Kreisschulen und die Rabbinerschulen nach Muster der Seminare für kirchliche Theologie?) Den Nachfolgern des Grafen Uwarow fehlte jene Energie und jener Eifer, die dem Initiator eigen waren. In einem Punkt aber sind sie dem Meister sogar zu beharrlich gefolgt: In den Grundlagen zur Aufklärung der Juden, die anfangs der vierziger Jahre entworfen waren, längere Zeit geheim und unveröffentlicht gehalten und auch Dr. Lilienthal unbekannt; in diesen Grundlagen finden wir die Meinung Uwarows, die er ganz der Stimmung des Monarchen, anpaßte, daß die spezifisch jüdischen Fächer nach Möglichkeit eingeschränkt werden sollen, „die jetzige Lehrweise des jüdischen Glaubens durch einen Katechismus zu ersetzen, den Talmud nur zum Schein einzuführen, die religions-philosophischen Kommentarien bei der ersten Möglichkeit nuszuschalten^?) (Schluß folgt.) 'yägzr- Irländer und Inden. Von Dr. Marcus Landau-Wien. tellen wir uns vor, Heine hätte einmal, etwa zwischen „Buch der Lieder" und „Atta Troll" — eine umfangreiche, mit reichlichen Zitaten aus Bibel und Talmud und scharfen, höhnischen Verspottungen des Christentums gespickte Apologie des Judentums geschrieben, und denken wir uns den eben so unwahrscheinlichen Fall, die Zensur hätte damals den Druck des. Werkes in Deutschland gestattet — was wäre dessen Erfolg gewesen? Die frommen Juden, die seine Gedichte nicht kannten, hätten dem Verfasser, wenn sie sein Werk überhaupt gelesen hätten, gewiß Mangel an Sachkenntnis, geringes Verständnis der heiligen Schriften und dergleichen vorgeworfen, und die Christen, namentlich die alldeutschen Chauvinisten, wenn es deren zu jener Zeit schon gegeben hätte, und die Theologen, protestantische sowohl als katholische wären mit noch größerer Wut über ihn hergefallen. Was uns bei Heine kaum denkbar erscheint, das hat zu jener Zeit, anfangs der dreißiger Jahre, der englisch-irische Dichter-Thomas Moore getan. Er hat Gedichte, so wohllautend, geistvoll und witzig wie Heine und ebenso keck, frivol, revolutionär und Patriotisch wie dieser geschrieben und dann — eine Apologie des Katholizismus oder vielmehr eine Anklage des Protestantismus unter dem Titel „Iravels ok an irisd Oentlsman in 8earell of a religion“ (Reise eines Irländers auf der Suche nach einer Religion) verfaßt, die ohne jedes Hindernis in England gedruckt wurde. Und es ist ihm nichts geschehen, er ist nicht bestraft, nicht geschmäht und beschimpft worden.. Die frommen Katholiken, namentlich die irischen, haben ihn ob dieser Apologie und seiner patriotischen Lieder die leichtfertigen, anakreontischen verziehen und die Protestanten haben über seine herrlichen, rührenden und herzerfreuenden Lieder die Apologie vergessen. 1) Zederbaum im Jahrbuch (1881) Koheleth (hebräisch) S. 14. 2) Bramsohn a. a. O. S. 316. Heine aber wird,, obwohl er eine solche christenfeindliche Apologie nicht geschrieben hat, von den Germanen, chauvinistischen sowohl als christlich-frommen, so geschmäht und herabgesetzt,, als ob er sie geschrieben hätte. Wir können hier auf die Ursache dieses Unterschieds in der Behandlung großer Dichter, der in das Gebiet der Völkerpsychologie gehört, llicht weiter eingehen. Aber wir müssen noch eine Ähnlichkeit der zwei Dichter erwähnen: Sie sind beide von der Religion, in der sie geboren wurden abgefallen, haben aber keine andere angenommen; sie sind in Herz und Gemüt geblieben, was sie früher waren. Heine ist formell zum Christentum übergetreten wohl nicht aus Ueberzeugung. Als Moore zu Vermögen und Ansehen gelangt war, sagte er einmal: „Jetzt könnte ich protestantisch werden." Das heißt, man würde nicht sagen können, daß er es aus Interesse tue. Er ist Katholik bis zum Tode geblieben, aber er hat eine Protestantin geheiratet und seine Kinder protestantisch taufen und erziehen lassen. In bezug auf Glauben und Dogma war der eine nicht Katholik, der andere nicht Protestant; sie führten kein christliches und kein jüdisches Leben, waren eigentlich nur Theisten. Aber bei beiden identifizierte sich die Religion, in der sie geboren waren, mit der Nationalität.. Sie fühlten sich beide als Kinder eines unterdrückten Volkes und zum Kampfe gegen die Unterdrücker, die sich auch zu einer anderen Religion bekannten, berufen. Des Deutschen Waffen waren Spott und Hohn, der Irländer hieb dabei auch mit einem schweren, dogmatischenSchwerte aufden Gegner los, während er die Unterdrücker seines Volkes, ja auch die anderer Völker und die ganze heilige Allianz, mit Hohn und scharfer Satire verfolgte. Und bei alledem gaben sich beide keinen Illusionen, keiner Ueberschätzung der Volkskraft hin. Moore hatte keine Sympathie für die Agitation O^Conells, und Heine, wenn er lebte, würde kein Zionist sein. Aber ihr Schicksal war, wie wir gezeigt haben und noch zeigen werden, im Leben wie nach dem Tode, ein verschiedenes. Die Irländer ehren noch immer, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode, ihren großen Dichter und Patrioten. Und die protestantischen Engländer fühlen sich in ihrer Religion und ihrer Nationalität so sicher, daß sie den Gegner beider mit Ruhe und ohne Haß anhören können. Anderseits genießt Moore wegen seiner „religiösen Forschungsreise" noch immer die Gunst der eifrigen Katholiken, nicht bloß der irischen: Ein deutscher Jesuit, Alois Stockmann, hat vor kurzem eine recht brauchbare, mäßig große (170 Seiten) Biographie des Dichters und des Patrioten, „Thomas Moore, der irische Freiheitssänger, biographischliterarische Studie", als Ergänzungsheft zu den klerikalultramontanen „Stimmen aus Maria Laach") erscheinen lassen. Berücksichtigt man die Tendenz dieser Zeitschrift und den Stand des Verfassers, so kann man sein Werk als verhältnismäßig tolerant bezeichnen. Freilich zeigt er den Meister, in dem, was er verschweigt. So spricht er mit berechtigtem Tadel von der Knechtung Irlands durch die Engländer, verschweigt.aber, daß die Eroberung und Unterjochung der Insel im XII. Jahrhundert auf Antrieb und Ermunterung der Päpste Hadrian IV. und Alexander III. erfolgte. Der Vorwand war „Ausrottung der Laster und Verbreitung der christlichen Religion", der Zweck die Auflegung einer Steuer (Peterspfennig) zugunsten der Päpste. Uebrigens y Freiburg i. Br. 1910.

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