Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- Seite 438 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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von der allgemeinen Kultur lagen. Von diesen Schulen war Wohl spärliches, aber sicheres Resultat zu erhoffen. Das wußten Lilienthal und der Volksaufklärungs-Minister, in dessen neunten Generalbericht an den Kaiser es unter anderem heißt: „Ungeachtet aller, teils aus der Mitte der Israeliten selbst Hervorgehenden, teils von ihnen unabhängenden Hindernissen, kann man bei dem kräftigen Willen Eurer Majestät der Hoffnung Raum geben, es werde sich der sittliche und bürgerliche Zustand, wenn nicht des jetzigen, doch des zukünftigen Geschlechts der Israeliten verbessern lassen." Am 13. November 1844 haben die Vorlagen Gesetzeskraft erhalten. Das Wesentliche dieses Reglements ist, daß einerseits zwei höhere Schulen in Wilna und Schitomir zu gründen sind, die ein Kontingent Männer als Aufklärer' ihres Volkes — die künftigen Lehrer und Rabbiner — vorbereiten sollen, und anderseits überall Elementar- und Realschulen für die Juden errichtet werden sollen, die mit angemessenen Rechten zu versehen sind. Zum Unterhalt dieser Anstalten ist eine spezielle Steuer, die Lichtsteuer, eingeführt und die Abgaben der zwei jüdischen Monopoldruckereien in Wilna und Schitomir angewiesen.. Als Einleitung zu der Verordnung dient ein Vortrag des Ministers der Volksaufklärung an den Kaiser. Zu Anfang bezieht sich Graf Uwarow auf die europäischen Kulturstaaten. In der jüdischen Frage haben diese Staaten schon längst den Verfolgungen und Vergewaltigungen aller Art entsagt und sich zu Maßnahmen der Milde und der gesunden Logik gewandt. Auch für Rußland ist die Zeit gekommen, in diesem Sinne auf die in seinem Gebiet wohnenden Juden zu wirken. „Um das Schulwesen auf ganz regelmäßiger Grundlage zu errichten, die sich den Eigenheiten der jüdischen Lage und ihren religiösen Anschauungen anpaßten, ist die Errichtung eines Systems spezieller Schulen für die Juden erforderlich." Während seiner Anwesenheit in Warschau 1843, wo der? edle Minister sich von den bedeutenden Kulturverbesserungen der jüdischen Gemeinde überzeugte, gab er die Versicherung, daß die Absichten des Kaisers durchaus nur dahin gerichtet seien, eine ihrer Religion gemäße, von keinerlei Proselhtenmacherei bestimmte Entwicklung herbeizuführen?) Generalgouverneur v. Bibikoff sagte den versammelten polnischen Edelleuten in Käminiez-Podolsk? „Ich wiederhole hier die Worte, die mein Monarch zu mir gesagt hat: „Ich will, daß in meinem Reiche die Freiheit der verschiedenen Konfefsionen in ihren bzw. Gebräuchen geachtet werde, und erkläre hiermit, daß ich alle meine Untertanen, welcher Religion sie auch angehören, gleichachte??) Diese Worte hatten entschieden auch für die Juden, die dem russischen Szepter unterworfen, Geltung, und so hatte ja daS Schulgesetz vom 13. November 1844 zu mannigfachen Hoffnungen berechtigt. Viele angesehene Mitglieder mehrerer Gemeinden fanden sich sogar bewogen, ihre Dankbarkeit offenkundig zu bezeugen, und beabsichtigten, dem Kaiser Nikolaus I. ein großes historisches Gemälde zu überreichen, das zu diesem Zweck bei Professor Oppenheim in Frankfurt a. M. bestellt ward; dieses Gemälde sollte den Anbruch des neuen Tages symbolisch veranschaulichen?) Aber alle frohen Hoffnungen und glänzenden Entwürfe trübten sich: die Regierung selbst hatte ihren eigenen Plänen beinahe den Boden entzogen, und daher blieb die Vollbringung ihres Werkes des Fortschritts hinter den so groß y und Jost, Neuere Geschichte der Israeliten, Teil II p. 311 und 312? «Allgemeine Zeitung des Judentums* 1842 Nr. "51.: angelegten Entwürfen weit zurück. Denn während die Regierung sich so groß anschickte, das Bildungstreben Dr. Lilienthals zum: geistigen und bürgerlichen Emporkommen der Juden durchzuführen, ließ dieselbe Regierung zu gleicher Zeit ein furchtbares Zwischenspiel eintreten, das den Juden Rußlands wiederum zeigte, daß sie noch nicht auf Menschenrechte zählen durften. Neue viele Einschränkungen standen aus der Tagesordnung?) Der langwierige Kamps ums Recht, die nie aufhörenden neuen Zurücksetzungen ließen wieder die Bedenken aufkommen, ob nicht auch die Einrichtung der Schulen doch böse Absichten enthalte, denn statt der von Lilienthal erhofften und empfohlenen Uebereinstimmung aller Verwaltungsteile in bezug auf die Juden hat die Regierung in der Umgestaltung ihrer ökonomischen Lage einen ganz änderen Weg, den der Unterdrückung und mannigfachen Beschränkung wiederum eingeschlagen. Jede neue Einschränkung, jede neue Serie von Unterdrückungen, waren daher nicht ohne böse Wirkung, auf das Geschick des kaum ins Leben gerufenen Schulwesens. Und hier begegnen wir auch der sonderbaren Tatsache, daß die beiden MänNer, die die Hauptschöpfer dieses Schulgesetzes waren, von der Bildfläche verschwinden, bevor das neue Schulgesetz seine Anwendung findet. In den ersten Jahren der Einrichtung der Schulen verläßt Uwarow selbst seinen Posten, und die Leitung dieserneuen und weitverzweigten Kulturbewegung ging bald in die Hände von Männern über, die an der Initiative für die Organisation keinen Anteil hatten. Dr. Lilienthal, der mit begeisterter Hingebung für die geistige Hebung seiner russischen Glaubensgenossen wirkte und schon die Schranken gefallen glaubte, sah seine Hoffnungen fehlschlagen, seine idealen Erwartungen durch Enttäuschungen entweiht und gedachte der ernsten Worte, die er in gehobener Stimmung seiner Glaubensgemeinschaft in Wilna zu Anfang seiner Kulturreise zugeschworen hatte. Mit dem Gefühl des Unbehagens quittierte er den russischen Staatsdienst und wanderte Ende 1845 nach dem freien Amerika, wo er ein Rabbinat annahm und als hervorragender freisinniger Kanzelredner in New York und später in Cincinnati fungierte, auch als Professor an dem „Hebrew Union College" und im Direktorium der Universität. An seinen Freund Dr. Rottenberg in Berditschew (auch ein Westeuropäer) schrieb er in kurzen Worten den Grund seiner Abreise: „Ich verlasse meine elenden beklagenswerten Glaubensgenossen, denen ich nicht zu helfen vermag, um nach den Freistaaten zu meinen freilebenden Brüdern überzusiedeln." Außer den äußeren Kalamitätendie eine Vermehrung der Erpressungen brachten und auch die gewünschte Ausführung des Schulgesetzes so heftig gefährdeten, waren es Hindernisse innerer Natur, die Dr. Lilienthal zwangen, seine besseren Erwartungen aufzugeben. Gleich beim Beginn des Unternehmens hatte ihn das Ministerium der Volksaufklärung autorisiert, sich mit den berühmtesten jüdischen Männern Deutschlands in Verbindung zu setzen, um die Anzahl derjenigen zu ermitteln, die einen Ruf an die neuzuerrichtenden Schulanstalten übernehmen würden. Bald träfen auch durch die gütige Verwendung der vvr. Philippson, Jost, Geiger, Mannheimer, Auerbach u. dgl. die Namen von über 200 Männern ein, die unter günstig gestellten Anträgen einwandern und die zu errichtenden Stellen einnehmen wollten. Die erprobten jüdischen Pädogogen aus dem Kreise der deutschen Schulmeister, die reiches jüdisches -Wissen mit allgemeiner Schulbildung in sich zusammenfassen, wärendie richtigen Pioniere der Kultur am rechten Ort und den y Ausführlich in Meiner Schrift „Zur Geschichte der -russischen Juden im 19 Jahrhundert? S. 39 bis 42. : ""1 - -