Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-15 · Heft 37 (15.9.1911) · p. Seite 437

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
Seite 437 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228999--67772-3280008
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

eine Anklage, der ein so angesehenes Blatt, wie die „London Times“ seit 27. Juli wiederholt ihre 'Spalten geöffnet hat, mag es aktuell erscheinen darauf hinzuweisen, daß bei den ewigen Wirren auf der Balkan-Halbinsel die Juden oft unverdient in den Ruf der Teilnahme an grausamen Mißhandlungen unterdrückter Nationalitäten kommen. . Alfred Stern in seiner „Geschichte Europas seit den Verträgen von 1815 bis zum Frankfurter Frieden von 1871" (Band II, S. 216, Berlin 1897), sagt bei der Darstellung der Hinrichtung desgriechischen Patriarchen Gregor. 22. April 1821: „Der Leichnam ward einer Schar von Juden überliefert, die ihn durch die Straßen schleiften und ins Meer versenkten." Der Leser muß den Eindruck gewinnen, daß eine Schar von Juden mit kannibalischer Grausamkeit auf den Augenblick warteten, wo sie an dev Leiche des Patriarchen ihre rohen Gelüste befriedigen konnten. Obwohl die Juden von Brachori (21. Juni) und die von Tripolitza (5. Oktober) die Tat ihrer Glaubensbrüder in Konstantinopel schwer büßen mußten, indem sie von den griechischen Rebellen grausam hingeschlachtet wurden, war die Handlung der Juden in Konstantinovel durchaus keine freiwillige. Die Türken hatten von den Griechen gelernt. Die letzteren, seit Jahrhunderten Meister im Raffinement der Judenquälerei, hatten den Sport erfunden, die Juden, zu Henkersdiensten zu zwingen und ihre Friedhöfe als Exekutionsplätze ausersehen. Das wird ausdrücklich von Korfu berichtet, wo Karl II. von Anjou, 1294, Erleichterungen in der Lage der Juden gewährte. (Miller: The Latins in the Levant, p. 520, London 1908.) Der Gebrauch scheint aber auch dann noch fortbestanden zu haben, da aus i dem Anfang des. 14. Jahrhunderts wieder berichtet wird, das Philipp von Tarent die Bestimmung aufgehoben habe, welche die Juden zwang. Henkerdienste zu verrichten und verurteilten Einbrechern auf ihrem Friedhof die rechte Hand abzuhauen. (Jewish Ghroniele, 19. Sep. tember 1902, pagina. 24.) Finlay. der den Juden durchaus nicht wohlwollend gesinnt ist, sagt in seiner Darstellung der griechischen Unabhängigkeitsbewegung, daß die Schändung der Leiche des griechischen Patriarchen dem jüdischen Pöbel eine Befriedigung seines Hasses gegen die Griechen bot. fügt aber auch hinzu, daß die damals verbreitete Meinung, die türkische Regierung hätte dadurch den Christen einen Hohn antun wollen, falsch ist, denn diese Art der Leichenschändung durch Juden war türkisches Gesetz und wurde im folgenden Jahr (1822) auch gegenüber einem Mohammedaner angewandt, der im griechischen Viertel Unruhen gestiftet hatte. (Finlay: History of Greece, VI, 187—188, Oxford, 1877.) Die Sache hat insofern auch aktuelles Interesse, als es. wichtig wäre, die Wahrheit über die Teilnahme der Juden an der Unterdrückung der Albanier zu erfahren. Welches Interesse die Juden an der Angelegenheit haben sollten, die sie kaum berührt,, da in.den eigentlichen Aufstandsdistrikten keine oder nur sehr wenige Juden wohnen, ist nicht ersichtlich, aber wir wissen, daß ' Rußland der traditionelle Hüter der Gewissensfreiheit, mitunter wie das in Polen nach der Konföderation von Bar geschah, gezwungen . war, seine Truppen in ein benachbartes Land zu schicken, um der heiligen. Sache der Gewissensfreiheit zum Sieg zu verhelfen. Ganz zufällig wurden dann von den Kreuzfahrern der Gewissensfreiheit ein paar tausend Juden hingeschlachtet, wie in Um an am 20. Juni 1768. Geh. Aommerzienrat tzerz in Posen. . 1841 — 23. August — 1911. Dieses Gemetzel, von Gratez nicht erwähnt, ist'mach. sehr dürftigem Quellen von Gurland in L’Koroth-hageseroth, 1889 und 1892 und von ' Litinski in Koroth Podolien, Odessa, 1895 behandelt. Sehr verdächtig ist auch an.der ganzen Geschichte, daß als Beweis für den verderblichen Einfluß der Juden auf die türkische Politik der Brief eines Mohammedaners zitiert wird, der im Wiener „Vaterland" publiziert wurde. Es scheint doch etwas ungewöhnlich für einen Mohammedaner sich ein österreichisches klerikales Blatt für eine Mitteilung an Europa auszuwählen, wenn es ihm nicht etwa von einer-Seite suggeriert wurde, die seinerzeit die Juden für die Reformation Und für den Kulturkampf verantwortlich machte und dem greisen Papst Pius IX die Aeußernng in den Mund legte, daß er „propter timorem Judäorum“ den Vatikan nicht verlassen könne. Der Hilfsverein der deutschen Juden und die Alliance Israelite Universelle könnten sich durch Aufhellung der Stellungnahme der Juden zu den Kämpfen in Albanien ein dauerndes Verdienst erwerben. .; - Lin deutscher Monier. (Dr. Lilienthals Kulturversuch in Rußland.) " : Von Leon Scheinhaus-Memel. ... IV- ‘ Vrrad) bester Erledigung seiner V * großen Reise, ganz im Sinne der Instruktion, kehrte Lilienthal nach St. Petersburg zurück, um Bericht zu erstatten und an der aus seinen Rat abzuhaltenden ersten Rabbiner-Kommission teilzunehmen. Mit der Einsetzung dieser Kommission zur Bildung der Juden in Rußland ging die Regierung augenscheinlich von dem Gedanken aus, den Juden jede Gewähr zu geben, daß der Religion keine Gefahr drohe Unter der besonderen Aufsichtdes Ministers für Volksaufklärung, unter Vorsitz und Schriftleitung von .hohen Staatsbeamten, trat die Rabbiner- Kommission im April 1843 zu St. Petersburg zusammen, bestehend aus dem Dr. Lilienthal... als Ministerialkommiffär und aus vier Mitgliedern : dem bedeutendsten Rabbiner in Littauen Rabbi Jitzchak - Wolosin, dem. Oberhaupt der Chassidim in Reußen Rabbi Mendel Schneyersohn-Lubawitz, dem Direktor Stern-Odessa, und Bankier Israel Heilpern-Berditschew. Die Sitzungen dauerten bis zum August. Eine Verständigung Unter den Mitgliedern konnte kaum erreicht werden, wie es auch vorauszusehen war. Es endigte, damit, daß sie alles, was die Regierung verlangte, unterschrieben und die ihrer Durchsicht vorgelegten Bücher und Lehrbücher für die künftigen Schulen sanktionierten, Der Regierungsvorlage dienten die beiden schon existierenden Schulen in Odessa und Riga als Muster; es muß aber nicht außer acht gelassen werden,, daß . diese beiden Schulen als Ausnahme unter einer mehr intelligenten jüdischen Bevölkerung aus eigener Initiative der Gemeinde entstanden und unter deren lebhafter Teilnahme so schnell entwickelt worden sind. Im Gegensatz zu diesen beiden Schulen mußten Me .neu zu begründenden Schulen als'Bildungsstätten in entlegenen-Ortschaften in solchen Kreisen eingerichtet werden, die ganz abseits

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.