Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-: 436 - nur Mob befindet, begeistert gebrüllt wird, schildert die Juden in kaum wiederzugebender Weise und endet rbit den Worten: „Juden raus* . . . . r ' Das ist kein Rassenkampf mehr, das ist bornierte Roheit in höchster Potenz. Ich mußte an Joseph Israels denken, der jetzt seine gütigen Meisteraugen für imnier^geschlossen hat. Er hat dasselbe Meer gemalt, das diesem Pöbel gewinnbringende Heimat ist. Er hat dieselben Menschen gemalt; denn der friesische Stamm auf Borkum gleicht den Männern aus Zandvoort aufs Haar. Das war sein Stoffkreis, den er unsterblich gemacht hat in seinen Werken. — Ich : mußte an Heine denken, dessen unsteter Genius uns die „Nordsee-' bilder" geschenkt hat. In all ihrer berauschenden Stärke und kraftvollen Monumentalität. Und dann sehe ich dieses armselige Volk hier kribbeln und krabbeln und aus schnöder Gewinnsucht eine grelle Melodie sMeien, deren Dissonanzen das harmonische Lied dieses menschlichen ^Jahrhunderts stören wollen. Man sollte , lachen über solches Beginnen, wenn es nicht so verdammt traurig wäre in all seiner Unduldsamkeit, in all seiner Dummheit und niederen Gesinnung, & Dem „Berliner Tageblatt" wird aus Petersburg unter dem 6. September gemeldet: Das Kädettenblatt „Rjetsch* versichert entgegen einer Mitteilung des Finanzministeriums aufs neue, daß'das, Ministerium des Innern mit eiyem Entwurf zur Nationalisierung des Kredits beschäftigt ist, und daß die'Frage demnächst im Kabinett zur Sprache kommen würde. Das Ministerium wünscht, daß. die Staatsbank die Diskontierung jüdischer Wechsel beschränke. Nach der Ansicht deß Ministeriums sollen die Banken auf allen der Staatsbank zum Dsßkont präsentierten Wechseln vermerken, welche Wetzjsel von Juden stammen. . Die Staatsbank würde für den Diskont jüdischer Wechsel eine bestimmte Norm einführen. Wie hoch die Norm angesetzt , wepden . soll, lei unbekannt. Finanzminister Kokowzew soll indes'erÜärt haben, daß er die Verwirklichung zü dieser Idee des Premiers nicht zulassen werde, da die Staatsbank dadurch gewaltige Verluste erleiden müsse. Im Zusammenhang damit sind vielleicht die Gerüchte von dem bevorstehenden Rücktritt Stölypins zu erklären, die trotz aller Dementis nicht verstummen wollen. Die Berliner „Tägliche Rundschau", die wahrlich nicht im Gerüche des Philosemitismus steht, schreibt:? Wie uns eine eigene Petersburger Drahtmeldungmitteilt.-soll eine Gruppe einflußreicher Mitglieder des Reichsrätes einen richtigen Feldzug gegen Stolhpin eröffnet haben, um ihn in Hofkreisen unmöglich zu machen. . Es wird eine Denkschrift v-rb^rmtet, worin die Mißerfolge des Ministerpräsidenten in der viie in der äußeren Politik dargestellt werden. Die wachsende Unzufriedenheit im ganzen Lande wird auf seine Politik zurückgeführt. Das gegenwärtig beurlaubte Reichsratsmitglied Durnowo, einer der eifrigsten Gegner Stölypins, soll demnächst zurückbernfen werden. Auch diese Maßnahme wird zuungunsten des Ministerpräsidenten gedeutet. Wie dem auch sei, vorläufig ist nicht nur keine Aussicht auf Besserung, sondern die Lage unserer russischen Glaubens' genossen wird immer schlimmer, immer unhaltbarer. Von den uns in den letzten Tagen übermittelten Meldungen führen wir nur folgende an: Im Justizministerium wird zurzeit eifrig an einem Gesetzentwurf zur Reform des Advokaturwesens gearbeitet. Ueber die Natur der geplanten Reformen wurde bis' jetzt von seiten des Ministeriums nichts Bestimmtes verlautbart. Bei dem gegenwärtigen extrem-antisemitischen Kurs der russischen Rcgierungspolitik und insbesondere bei der bekannten erzreaktionären und judenfeindlichen Gesinnung der leitenden Beamten des Justizministeriums kann jedoch kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß diese Reformen in erster Reihe gegen die Juden gerichtet' sein werden. In juristischen Kreisen zirkuliert denn auch das ganz bestimmte Gerücht, daß den jüdischen Rechts- I anwälten verboten werden soll, als Vertreter christlicher Auftraggeber vor Gericht aufzuireten. > In Warschau wurde vor kurzem eine neue Spar- und Leihkasse eröffnet, die statutengemäß Juden keinen Kredit gewährt. Die Zahl der ausgesprochen jndenfeindlichen Finanzinstitute steigt in Russisch- Polen überhaupt von Tag zu Tag. - Nach Warschauer Blättern sind mehrere Personen von Sosnotvice, dem Vororte Pogon und von Orten an der preußischen und österreichischen Grenze zu einer Vereinigung zusammengetreten, die alles boykottieren wollen, was aus jüdischen Händen hervorgeht. Diese Bewegung hat einen „religiösen* Hintergrund. Alle Mitglieder ' gehen von dem Standpunkte aus, daß ein guter Christ'-und Katholik Waren aus den Händen „Ungläubiger* nicht anrühren, nicht kaufen, nicht essen, nicht trinken dürfe. Alle Mitglieder der neuen Sekte binden sich durch einen heiligen Eid. / . * . Unter den Karäern macht.sich in den letzten Jahren eine Art nationaler Renaissance bemerkbar. Das erste kräftigere Lebenszeichen gaben die Karäer, wie wir seinerzeit berichteten, vor einigen Monaten, als sie in einem Kongresse in Eupatoria . verschiedene, die Erhaltung und Entwicklung ihrer Sekte bezweckende Beschlüsse faßten. Die Moskauer karäischen Studenten ■ haben bald darauf die statistische Erforschung der Karäer der ganzen Welt in Angriff genommen, und nun ist auch die erste Karäerzeitschrift erschienen. Die erste Nummer dieser Zeitschrift enthält sehr interessante Aufsätze über diese Sekte. In einem Artikel über die Anthropologie der Karäer unternimmt der Autor den Nachweis, daß in den Adern der Karäer mehr chazarisches Blut fließt, als in denjenigen der Juden, das natürlich beweisen soll, daß die Karäer mehr Gemeinschaft mit den Russen als mit den Juden haben. Die; Zahl der Kcrräer in Rußland beträgt nach einer aus dem Jahre 1897 stammenden Statistik im ganzen 12 890 Seelen, die sich in zwei Gruppen teilen: in Kmmepund in..litauische Karäer.Die Krimer Karäer sind im Twarer Gouvernement konzentriert. Die meisten von ihnen wohnen in Eupatoria (1505 Seelen), dann folgt Feodoria (mit 1233 Seelen), Odessa (1049), Sebastopol (813), Simferopol (709), Nikolajew (554) usw. In den mittelrussischen Städten finden sich in Mpskau 332 und in Petersburg 310 Karäer. Bloß 60 Prozent de^Karäer,sind des Lesens und Schreibens kundig. 21 Prozent gaben als Muttersprache russisch, der Rest tatarisch an. Seit 1897 hat die Zahl der Karäer nicht zugenommen« sie sind in Abnahme begriffen, und die karäischen Studenten an der Moskauer Universität haben es sich, wie oben erwähnt, eben zur Aufgabe gemacht, über den heutigen Stand der Karäer genaue statistische Daten zu sammeln und in ihrer Zeitschrift zu veröffentlichen. Zugleich wird mitgeteilt, daß sämtliche russischen Karäer-Gemeinden sich geeinigt haben, ein gemeinsames religiöses Oberhaupt mit dem beständigen Sitz "in Troki zu wählen. Die soeben getroffene Wahl fiel auf Magister Schäpschall, der an der Petersburger Universität orientalische Sprachen studiert und bis zum Jahre 1904 am Hof des Schah von Persien als Lehrer der russischen Sprache gewirkt und kurze Zeit auch den Posten eines Ministers und persönlichen Beraters des Schah bekleidet hat. Der neue Chacham ist 40 Jahre alt und war bis jetzt im russischen Ministerium des Aeußeren als (Pomotschnik) Gehilfe tätig. * Von Professor Dr. Gotthard Deutsch in Cincinnati erhalten wir folgende Zuschrift: Im gegenwärtigen Zeitpunkt, wo die Juden wieder einmal als Sündenbock für die ungeheuerliche Anklage herhalten I muffen, daß sie das Gemetzel in Albanien verschuldet haben,