Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sehr von Einfluß darauf, welcher Kandidat in die Stichwahl kommt. In sechs Wahlkreisen des Regierungsbezirks Liegnitz liegen die Verhältnisse so, daß Konservative, Freisinnige und Sozialdemokraten ungefähr die gleiche Stimmenanzahl erhalten. Oft ist nur ein Stimmenunterschied von 30 bis 40 Stimmen ausschlaggebend, um einen Kandidaten aus der Stichwahl ausscheiden zu lassen. Herr Rektor Kopsch hat beispielsweise nur mit 32 Stimmen Mehrheit gesiegt. Wären , die jüdischen Wähler in seinem Wahlkreise zu Hause geblieben, er wäre dem Konservativen unterlegen. Man muß. zugeben, daß diese Tatsache heilvollen Einfluß auf Herrn Kopsch gehabt hat. Er ist in sehr energischer Weise gegen Herrn Rab zu Felde gezogen. Zweideutige Bemerkungen wie die in Breslau von der Rücksichtnahme aus die antisemitische Volksströmung werden dem Gehege seiner Zähne sicherlich nicht mehr entfleuchen. In der Provinz Sachsen liegen die Dinge ähnlich. In | Mülhausen) in Naumburg, in Halle und in Wittenberg sind *1 die jüdischen Stimmen von sehr gewichtiger Bedeutung für» die Wahl des Kandidaten. Unter, den 24000 Wählern in k Wittenberg sind sicherlich 200 wahlberechtigte Juden, die Mann für Mann für den prächtigen Herrn Dove eingetreten sind und diesem zur Wahl verholfen haben, da Herr Dove nur mit einer Majorität von 200 Stimmen gesiegt hat. In Hannover greifen wir nun den Wahlkreis Hildes-L heim heraus. Dort erhallen Konservative, Nationalliberale z und Sozialdemokraten ungefähr die gleiche Stimmenzahl. Wenn die Hildesheimer Juden den Sozialdemokraten wählen und nicht den Nationalliberalen, dann kommen die Sozialdemokraten in die Stichwahl. Ein gutes Beispiel, wie die jüdischen Wähler einen bedeutsamen Einfluß bei der Ausstellung eines nationalliberalen Kandidaten haben. Im Königreich Sachsen, das nunmehr aufgehört hat, * die größte antisemitische Domäne Deutschlands zu sein, werden 1 die Stimmen der jüdischen Wähler sehr eifrig gesucht. Wenn aber Herrschaften ä Ja Generalleutnant von Liebert als Vorsitzender des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie auf die wenigen jüdischen Stimmen rechnen, dann müssen sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Die wenigen Beispiele, die sich sehr vermehren ließen, zeigen klar, wie ausschlaggebend jüdische Stimmen bei den Wahlen sein können. / Unter den hervorragenden Männern des 19. Jahrhunderts, die von höheren Idealen getragen, ihr Wirken und Schaffen in den Dienst der Allgemeinheit gestellt haben, ist nicht zuletzt Ludwig Loewe zu nennen, der sowohl als begeisterter Wortführer oes^deutschen Volkes wie auch als treuer Anhänger der jüdischen Glaubensgemeinschaft sich schon bei Lebzeiten ein unvergängliches Denkmal in den Herzen seiner Zeitgenossen errichtet hat. Die „Voss. Ztg." gedenkt dieses unvergeßlichen Kämpfers für Recht und Freiheit mit folgenden Worten: Am 11. September ist ein Vierteljahrhundert seit dem Tode Ludwig Loewes, des ausgezeichneten Volksmannes, vollendet. Ein Gewerbetreibender großen Stils, ein glänzender Vertreter der Bürgerschaft im Roten Haus, ein Meister des Wortes in der Volksversammlung wie im Parlament und vor allem ein echter, treuer, edler Mensch, so lebt er in unserer Erinnerung. Ein Charakterzüg kennzeichnete dem ganzen Mann — seine Einfachheit: Mit 25 Jahren war er Stadtverordneter des größten deutschen Gemeinwesens, mit 37 Jahren Landtags- und Reichstagsäbgeordneter für denersten Berliner Wahlkreis, aus eigenerlKraft Schöpfer eines in der ganzen' zivilisierten' Welt-' w'ohlbekaMten industriellen Unternehmens/ zeigte er sich niemand gegenüber schroff! oder hochfahrend; seine. Untergebenen und Arbeiter verehrten ihn Z wie einen Vater. Was er als Parlamentarier' für sein engeres und weiteres Vaterland geleistet hat, ist im Buche der politischen Geschichte Deutsch lands, die Verdienste, die er sich insbesondere als Führer der Linken der Berliner Stadtverordneten erworben hat, sind in den Annalen der Reichshauptstadt verzeichnet. Tief mußte ihn die gehässige „Berliner Bewegung" schmerzen. Indessen, ihm gebührt der Hauptanteil an dem Siege, den der Liberalismus nach der vom Minister v. Puttkamer verfügten Auflösung der Stadtverordnetenversammlung im Jahre 1883 errang. Ein selbstgemachter Mann im besten Sinne des Wortes, hat Ludwig Loewe, der Schöpfer des nach ihm genannten großartigen Werkes, zu früh heimgehen müssen. Er war am 27. November 1837 in Heiligenftadt als Söhn eines armen Lehrers geboren und schloß schon am 11. September 1886 für immer seine Augen. Vor wenig mehr als Jahresfrist ist ihm sein Bruder gefolgt. Es waren beides prächtige Menschen, deren Bild bei allen, die sie kannten, nicht verlassen wird. * . Bei der Uebergabe des Steuben-Denkmals sprach das Mitglied des amerikanischen Kongresses, Herr Richard Barthold, in seiner Anrede an den Kaiser von „jener- Treue, von der der Dichter sagt, daß, wenn sie nicht so alt wäre wie die Welt, gewiß ein Deutscher sie erfunden hätte". j. Der Dichter, der hier zitiert wird, ist, wie das „B. T." treffend bemerkt, jener Heinrich Heine, der kürzlich aus dem Park des Achilleion herauskomMmentiert wurde, und der bei preußischen Denkmalsenthüllungen bisher noch keine Verwen- [ düng gesunden hatte. Die angeführten Worte stehen in der Harzreise (Elster, Gesamtausgabe Band 3, Seite 31). Von Adolf Bartels dürfte demnächst an die Adresse des Herrn Barthold ein Paket? Schimpfwörter eintreffen. k * Ueber das wüste Treiben der Antisemiten auf Borkum schreibt Heinr. Binder in dem „Plauener Sonntags- Anzeiger", Nr. 1649: . In Borkum, diesem herrlichen, grünen Eiland, dachte ich in seliger Ruhe den Rest der Ferientage zu verleben. Keine Insel der Nordsee hat solche Schönheiten aufzuweisen. Saftgrüne, endlose Wiesen liegen wie endlose Teppiche ausgebreitet. Der lange, breite Strand und der Wellenschlag, der hier in prächtiger Machtfülle heranbrastdet, laden zum Verweilen ein und können das Herz erheben. Nur die Menschen müßten nicht auf der Insel sein. Wenigstens nicht die Sorte von Menschen, die seit Jahren wie ein Heuschreckenschwarm über das Eiland herfällt und im Verein mit einem pöbelhaften Jnsulänervolk Kämpfe niederster Art ausführt, zu denen ihnen kein Mensch Veranlassung gibt. Es muß endlich einmal Front gemacht werden gegen die dumme Intoleranz und gegen ft die üble Judenhetze, die auf Borkum getrieben wird. Als Arier ji vom reinsten Wasser, der zur Judenheit keinerlei Beziehungen hat, » muß ich doch Protest erheben im Namen der Menschlichkeit gegen so f viel Borniertheit, durch die jedem gebildeten Menschen der Auf- K enthalt auf unserer schönsten Nordsee-Insel verleidet und unmöglich 1 gemacht wird. U An dem Fenster eines Hauses fand ich ein Schild, auf dem in | klobigen Schriftzügen zu lesen steht: „Juden und Hunde, dürfen j nicht hier herein." Halbwüchsige Burschen tragen Plakate auf dem 1 Rücken: „Ich bin kein Jude." Ein Haus trägt ein Plakat: „Dieses f Haus Ist judenrein, verdammt soll jeder Jude sein!" Man muß l sich, fragen, ob solch eine unwürdige Bosheit im zwanzigsten Jahrf hundert im Lände Goethes noch geduldet wird! — An allen Ecken und Enden werden Postkarten verkauft, auf denen die „Borkumer Nationalhymne" gedruckt ist. Dieses Lied, das von der Kurküpelle^ immer, gespielt und von den Badegästen,' unter denen.sichleider nicht