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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-15 · Heft 37 (15.9.1911) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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Des weiteren werden die Auswanderungslustigen in vielen Distrikten von Aerzten auf etwaige Gebrechen untersucht, welche den Einwanderungsbehörden in den überseeischen Ländern als Vorwand zu einem Landungsverbot dienen könnten. Da erfahrungsgemäß in Nordamerika besonders auf Trachom gefahndet und jede leichte Augenentzündung im Hafen von New York gern als eine ansteckende Krankheit erklärt wird, sind in Minsk, Lodz und Homeln Augenkliniken eröffnet worden, in denen im Berichtsjahre bereits 3237 Personen untersucht bzw. behandelt wurden. Weitere 9000 Personen wurden in Warschau und Libau ärztlich untersucht. Das Bureau warnte ferner die Bevölkerung unausgesetzt, sich ohne die nötigen Auskunftspapiere auf die Wanderung zu begeben. Da jedoch die Beschaffung von Auslandspässen in Rußland mit unendlichen Scherereien verknüpft ist, wird die Bevölkerung' über die zur Erlangung von Pässen nötigen Schritte durch Flugblätter und Bekanntmachungen unterrichtet. Auch werden Formulare für betreffende Eingaben an die Behörden gratis verteilt. Gleichzeitig sind sämtliche Subkomitees angewiesen, den Emigranten auf Wunsch solche Pässe selber zu verschaffen. Nicht weniger als 15 719 Auswanderungspässe sind so im Berichtsjahre durch Vermittlung der Organisation ausgehändigt worden. Endlich haben 2850 Personen billige Schiffskarten bzw. Begünstigungen bei den Eisenbahnen und ebenfoviele Unterstützungen in Bargeld erhalten. Um den zahlreichen Schwierigkeiten und Hindernissen, welche der Auswanderer beim Ueberschreiten der russischen Grenze harren, zu begegnen, wurden an sieben Grenzpunkten, nämlich Wirballen, Mlavä, Alexandrowo, Wolotschisk, Radsiwilowo, Jwanetz und Novoseliza Grenzkomitces errichtet, welche mit den vom Hilfsverein der Deutschen Juden an der deutschen und der Wiener Allianz an der österreichischen Grenze begründeten korrespondierenden Komitees Hand in Hand gehen. Die russischen Grenzkomitees haben zahlreiche und vielseitige Aufgaben zu erfüllen. Viele Auswanderer holen sich über Reisekosten, Einschiffungshafen und Herbeischaffung von Pässen erst in zwölfter Stunde, nämlich, wenn sie im Begriff sind, über die russische Grenze zu schreiten, die erforderlichen Auskünfte! Ihre wichtigste Aufgabe ist aber der Kampf mit den zahlreichen Agenten. Dieser nimmt von Jahr zu Jahr immer größeren Umfang an und wird von beiden Seiten mit großer Energie und Hartnäckigkeit geführt. Die den Emigranten so gefährlichen Elemente leisten den Steuerbehörden freiwillige Vigilantendienfte und sind deswegen bei ihnen häufig sehr gut angeschrieben. Nicht selten gelingt es ihnen, die Tätigkeit der Grenzkomitees empfindlich zu stören oder, ganz lahm zu legen. So konnte das' Komitee von Nowoseliza im Jahre 1910 nur zehn Monate in Funktion bleiben und mußte im Januar 1911 seine Tätigkeit schließlich ganz einftellen. Auch in Jwanetz, einem wichtigen Grenzorte des Gouvernements Podolien, hatte das Komitee von den Agenten das Jahr über schwer zu leiden. Als diese endlich mit Hilfe des Petersburger Hauptbureaus wegen verschiedener Betrügereien zur Verantwortung gezogen werden sollten, gingen sie über die Grenze nach Oesterreich und konnten erst nach großer Mühe gefaßt und der österreichischen Justiz übergeben werden. Eine bedeutende Rolle spielt endlich das Komitee zu Libau, einer russischen Hafenstadt, welche bei der Einschiffung der Auswanderer von wachsender Bedeutung wird. Im Jahre 1910 haben 39161 Personen, darunter 18 815 Juden, Rußland via Libau verlassen. Das Komitee hatte gegen 8000 jüdischen Einwanderern beizustehen. Die Fürsorge der JCA. für die Auswanderer hört an der russischen Grenze noch keineswegs auf. Nur ^arbeitet die Gesellschaft in Westeuropa nicht mehr allein, sondern in Gemeinschaft mit anderen Organisationen. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, deffen segensreiche Tätigkeit zugunsten der Emigranten bekannt ist, hat von ihr eine Subvention im Betrage von 124 000 Mark erhalten. In Oesterreich geht sie zusammen mit der Wiener Allianz, welcher es gelungen ist, für die in diesem Lande sich einschiffenden Emigranten eine Preisermäßigung von 50 Prozent zu erlangen. In Basel, das im Berichtsjahr von 48 917 Emigranten, darunter 6107 Juden, passiert wurde, besteht ein Hilfskomitee für jüdische Auswanderer, dem es gelungen ist, eine bedeutende Ermäßigung für Schiffskarten zu erlangen. Auch der Verein „Ezra" in Antwerpen, welcher die Einschiffung jüdischer Emigranten am Platze überwacht, ist mit Erfolg bemüht, ihnen billigere Schiffskarten zu verschaffen. In vielen Fällen ist es ihm auch gelungen, den Agenten, welche jüdische Auswanderer übervorteilt haben, den Raub wieder abzujägen. Nicht weniger als 2015 Auswanderer haben die Hilfe des Vereins in Anspruch genommen. Ferner hat die „Montefiore-Vereinigung", welche in Rotterdam eine billige Herberge für die Auswanderer unterhält, im Berichtsjahr von der JCA. eine Subvention erhalten. Das gleiche ist von dem bekannten Loard of Gnadiens' in London zu melden, der unter anderem jüdische Emigranten nach überseeischen Ländern, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten, befördert. Er hat 236 Personen auf Kosten der JCA. zur Auswanderung verholfen. Endlich sei noch die Auswanderung aus Rumänien mit einigen Worten erwähnt. Dieselbe hat in den letzten Jahren wesentlich nachgelassen, so daß im Berichtsjahr im ganzen nur 1059 Juden das Land verlassen haben, um nach Amerika zu gehen. Bon diesen sind 976 nach den Vereinigten Staaten, die übrigen nach Argentinien und Kanada ausgewandert. 907 von ihnen haben durch die JCA. Pässe und billigere Fahrkarten und 152 eine direkte bare Unterstützung erhalten. Im ganzen - haben 83 500 Juden aus Rußland und Rumänien ihre Heimat verlassen. Davon gingen 61000 nach den Vereinigten Staaten (darunter 51 493 nach New Dort!). Der Rest ging nach anderen Ländern. Ueber die Zahl der jüdischen Auswanderer aus Galizien liegen im Bericht nähere Angaben nicht vor. mt Mache. Berlin, 12. September. icht selten hört man in den Kreisen unserer Glaubensgenossen, wenn man zum Wählen auffordert: „Was sollen wir wählen, auf unsere Stimmen kommt es doch nicht an." Ganz abgesehen davon, daß dieser Standpunkt verwerflich ist, auch wenn die jüdischen Stimmen nicht ins Gewicht fallen sollten, da es gerade sür uns Juden Ehrenpflicht sein muß, für unsere Gleichberechtigung wenigstens bei der Wahl zu demonstrieren, —. auch abgesehen von diesem irrigen Standpunkt kann zu Recht die Behauptung aufgestellt werden: Die jüdischen Stimmen wiegen gar nicht so | leicht, wie man oft annimmt. Nicht nur nicht bei den J Landtagswahlen, sondern auch bei den Wahlen zum Reichstag. Zum Beweise für diese Behauptung sehen wir uns einmal in Wahlkreisen auch außerhalb der Provinz Posen um. Daß die Juden in der Provinz Posen bei den Reichstagswahlen ausschlaggebend sind, ist schon oft bewiesen worden. Man braucht nur an den Grafen von Westarp zu denken. Außer in Posen sind vor allem in Schlesien die jüdischen Stimmen

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