Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-15 · Heft 37 (15.9.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228999--67768-3280004
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Berlin, 15. September 1911 75. Jahrgang Nr. 37 Begründet von RabbinerDr. Ludwig PHMppson Unter Leitung des Geheime« Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 4K/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Das jüdische Tluswanderungswesen. Von I. Turvsf- Berlin. — Die Woche. — Ein deutscher Pionier. Von Leon Sch ein ha ns-Memel. — Irländer und Juden. Von Dr. Marcus Landau-Wien. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter Ujv Lri. — Z ei tsch ristenschau. — Sprech saal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Berlin, Lauenburg i. Pom., Gemen, Nürnberg, Augsburg, Stuttgart, Wien, Petersburg. — Von Nah und Fern. Das jüdische Uuswsnderungüwelen." VonJ. T uro ff-Berlin. ie jüdische Auswanderung, welche im Jahre 1908 infolge der ökonomischen Krise in Nordamerika stark zurückgegangen war, hat bereits im folgenden Jahre feine steigende Tendenz wieder ausgenommen. Im Berichtsjahre waren es schon 105 794 Juden gegen 78 550 im Vorjahre, die allein nach Amerika ausgewandert waren. Davon entfielen 94 000 auf die Vereinigten Staaten, 5213 auf Kanada und 6581 auf Argentinien. Da außer nach Amerika viele tausende Juden alljährlich nach Südafrika, Australien und Palästina wandern, da ferner große Scharen den müden Schritt nach Frankreich, Deutschland und England lenken, so wird die Annahme, daß jahrein, jahraus 130000 bis 150000 Juden ihre diversen östlichen „Vaterländer" verlassen, um sich anderswo eine neue Heimat zu suchen, nicht allzu übertrieben erscheinen. Als Auswanderungsläuder kommen bekanntermaßen fast ausschließlich nur Rußland, Galizien und Rumänien mit etwa sieben Millionen Juden in Betracht, so daß von je 200 Juden dieser Länder alljährlich drei die Heimat verlassen müssen. Auf dem weiten Weg von dem Heimatstädtchen in Ruß- \ lernt) oder Galizien bis zur Niederlassungsstätte im fernen : Nordamerika haben die jüdischen Wanderer die fürchterlichsten Entbehrungen zu erdulden. Mit knappen Geldmitteln versehen, j ohne alle Sprachkenntnisfe und Führung sind sie mitten in einer fremden, ihnen feindlich gesinnten Umgebung jeder Ausbeutung schutzlos preisgegeben. Wie eine Schar Wandervögel von Krähen,, Falken und Aasgeiern werden die bemitleidswerten Wanderer von einer schier unübersehbaren Schar Schiffsagenten, Geldwechslern und sonstigem beutegierigen Gesindel umschwärmt, bei jeder Gelegenheit übervorteilt und um den letzten Notgroschen gebracht. Es erscheint daher unbegreiflich, daß bis vor wenigen Jahren sich niemand um die' jüdische Emigration gekümmert hat. Auf vielfache Anregung aus Deutschland entschloß sich endlich die JCA. im Jahre 1905, *) Aus dem Jahresbericht der JEA^pro 1910. den ersten Schritt zur Schaffung einer Organisation für die Ueberwachung des gesamten jüdischen Emigrationswesens zu tun. Noch ist diese zukunftsreiche Schöpfung sehr jung und nicht über die ersten Stadien ihrer Entwicklung hinaus, dennoch hat sie Tausende unserer Glaubensgenossen bereits vor großem Schaden bewahrt und weiteren Zehntausenden direkten _ positiven Nutzen gebracht. An der Spitze der umfassenden Organisation steht ein Jnformationsbureau mit dem Sitz in Petersburg, welche mit wachsendem Erfolg bemüht ist, an allen wichtigsten Plätzen Kreiskomitees zu etablieren. Letztere sind ihrerseits bestrebt) überall Subkomitees oder Agenturen zu begründen. Das Bestehen dieser Komitees wird von Zeit zu Zeit durch Zeitungsinserate und Anschläge der örtlichen Bevölkerung bekanntgegeben und diese aufgefordert, im Bedarfsfälle sich vertrauensvoll an sie zu wenden. Zur Orientierung der Vertrauensmänner und Belehrung der gesamten Bevölkerung werden nebst einem alle zwei Monate im Jargon erscheinenden Blatte „Der jüdische Emigrant" zahlreiche kleine Broschüren und Flugblätter verbreitet. So unter anderen die Schriften. „Amerika", Kanada", „Argentinien", „Texas", Palästina und Syrien", „Libau". Ferner sei rühmend die Herausgabe und Gratisverteilung von Hand- und Wörterbüchern der englischen und spanischen Sprache hervorgehoben. Nicht ohne Interesse ist endlich die Schaffung und Unterhaltung von Auswandererschulen, in welchen der jungen Generation Kenntnisse der Sprache und Sitten der wichtigsten Einwanderungsländer beigebracht werden. Einstweilen bestehen nur zwei Schulen in Minsk und Lodz; eine dritte wird demnächst in Ko wnow eröffnet werden. Das Volk faßt immer mehr Vertrauen zu der von der JCA. geschaffenes Organisation, und die Zahl der Auswanderungslustigen, die sich mündlich oder schriftlich um Rat oder Auskunft an sie wenden, wächst von Jahr zu Jahr. Von den 80 000 Juden, welche im Berichtsjahre Rußland verließen, haben 46 294 vorher sich mit den verschiedenen Komitees der Organisation in Verbindung gesetzt. Seit ihrer Begründung im Jahre 1906 hat das Jnformationsbureau nebst Filialen 137 000 Personen Auskunft, Rat und Hilfe gewährt. Der Rat besteht häufig in der Empfehlung, die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten und Kanada doch lieber zu unterlassen. Im erstgenannten Lande werden nämlich die ohnehin harten Einwanderungsgesetze, seit einigen Jahren von den Behörden so willkürlich angewendet und derart im fremdenfeindlichen Sinne aus gelegt, daß sie die Wirkung von Prohibitivmaßregeln haben. In Kanada schließlich werden die jüdischen Einwanderer nicht viel bester als Nigger oder Chinesen behandelt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.