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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-08 · Heft 36 (8.9.1911) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
Seite 431 (sequence 11)
Language
German
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Segelboot emporheben werden, mögen Sie Nagyshröds gedenken, wo ein Flesch l^bt, der Sie beneidet. Jetzt aber, meineHerren, gestatten Sie/ daß ich Ihnen im .Namen der Zivilisation die Hand drücke. A .rivederci, wie wir gebildete Leute zu sagen pflegen. Dies aber lege ich mit Ihrer werten Erlaubnis auf dem Altar der Kultur nieder." ^-.Sr/:legte.-.-fünß.Aehnerbariknaten' ''auf den Tisch und eilte zur Tür. Die Burschen konnten das Geschenk weder zurückweise^ noch sich dafür bedanken, denn er eilte hinaus. In der Tür blieb er einen Moment stehen. „Meine Hochachtung, geehrte Herren. Ja, Herren.". Liweitzer blickte ihm lange'nach. .Dann ging er langsam zUm Tisch hin, nahm die fünf Banknoten und verteilte dieselben unter, den Burschen. ' „Auch dieses gehört Euch," sagte er auf die fünfte deutend. „Und Du?" „Ich brauche es nicht." „Es gebührt Dir." .„Jch. brauche .es nicht." . . „Dann brauchen wir auch nichts." „Streiten wir nicht darüber. Tut damit, was Ihr wollt." „Wir lassen es Srole Posbenak," sagte Heilmann vergnügt. „Der arme Junge hat uns dieses Brot hier gebracht. Ich könnte wetten, daß er außer diesem keinen Bissen mehr hatte und er wollte uns einreden, daß er einen Laib Habe." Allen gefiel der Einfall. Sie taten die Banknote m einen Briefumschlag und übergaben diesen Tante Breindl zur Weiterbeförderung. Liweitzer nahm sein Kofferchen auf die Schulter. Die anderen taten desgleichen. Aus der Türfchwelle blieben sie stehen, küßten die Mesuse, und Tante Breindl wunderte sich, daß sie gar nicht weinten. Nun, sie weinten wirklich nicht, doch ihre Herzen bebten, was Tante Breindl nicht sehen konnte. Dieser Auszug war ein herzbewegender, trauriger Anblick, ein Glück, daß ihn nicht viele sahen. Sie gingen in langsamem Tempo hinaus, und bis sie die Landstraße erreichten, schlug ihnen mehrmals das Herz laut. Vor dem Beshamedresch blieben alle fünf wie auf ein Kommandowort stehen. Das stumpfe Licht des Oe.llämpchens konnte kaum durch die Fensterscheiben dringen. Doch darum wußten sie, daß die Bachurim jetzt beim Tische sitzen und dem Vortrag des Rabbi lauschten. „Hundert Jahre soll er leben," stammelte Mordche Danzinger und dachte an den Rabbi. „Omen", sagten darauf die anderen und sie schritten weiter. Sie begegneten ein paar Leuten, einige blickten ihnen aus dem Fenster nach. In der immer dichter werdenden Finsternis konnte man sie vielleicht gar nicht erkennen, dennoch schaute man ihnen nach. Auch im Eschkelesschen Hause waren die Fenster halb geöffnet. Und als sie dort vorüberkamen, drang ein leiser Schrei heraus. Liweitzer wurde erschüttert, er wankte und der Koffer fiel von seiner Schulter mit lautem Gepolter zur Erde, „Ist es schwer?" srug Heilmann. Liweitzer schaute ihn mit verstörten Blicken an. Seine Lippen verzogen sich zu einem gezwungenen- Lächeln: Er wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, dann hob er den Koffer wieder auf die Schulter. „Dies ist nicht schwer," sprach er.leise, „dieses nicht." Es war pechschwarze Nacht, als sie die Landstraße erreichten. Sie schritten langsam und unsicher vorwärts, wie die Schatten und schauten weder.rechts noch links. ' ' Als dann nach Ablauf einer Stunde der Mond hinter . den Wolken hervortrat, schritten sie tapferer vorwärts. Und wie sie so gingen, bemerkten sie, daß rechts und links zwischen den Bäumen huschende Schatten sichtbar wurden. Mordche Danzinger klammerte sich ängstlich an Heilmann. . „Siehst Du sie?"/ - „Ja, ich sehe sie." - „Sie werden uns. noch erschlagen." „Fürchte nichts." Doch darum dachte auch Heilmann an nichts Gutes. Denn jene Gestalten schlichen ihnen nach wie Wegelagerer. Am Kreuzweg erschrak der-arme Mordche Danzinger erst recht. Er meinte, das Ende der Welt sei gekommen/ Mit schreckenerregender Entschlossenheit hatten sich dort vier Männer ausgepflanzt. Und wie er um sich blickte, wurden aus den vieren fünf, dann sechs, dann acht, dann zehn. „Nun also," dachte er und schloß die Augen, „ich werde Berlin nicht erblicken." Da plötzlich begann der eine zu reden. Gewiß war es der Räuberhäuptling. „Wir wollen Abschied nehmen. Der Rebbe weiß es nicht." Mordche Danzinger atmete auf. Das sind ja keine Räuber. Das ist jaMoische Iwi Mandldas Jtzig Lewkowitsch und das Pinches Jude Kleinmann. Die Burschen umarmten einander. „Wirklich wirst Du Doktor werden?" srug Jtzig Lewkowitsch und blickte mit großer Achtung auf Liweitzer. „Ich weiß es nicht," erwiderte dieser lächelnd. „Bestimmt wird er Doktor werden," flüsterte Moische Zwi Mandl dem Pinches Jude Kleinmann zu, „für ihn ist es ja ein Leichtes, er kennt ja auch die Kabbala" . . Kleinmann -nickte mit dem Kops. Freilich ist^s für den ein Leichtes, der auch die Kabbala versteht. :: Nach einigen herzlichen und warmen Worten gingen die ausgewiesenen Studenten weiter. Und in der stillen Nacht ertönte am Kreuzweg leise das Gebet: „Jeworechecho ..." Nur so leise, als ob das BlätterlaUb geflüstert hätte, doch die Heimatlosen vernahmen es, und ihr Herz wurde von trostreichem Frieden erfüllt. „Wir haben das Geschwür herausgeschnitten", rühmte sich der Bäcker, und bei jeder Gelegenheitüberall und jedermann erzählte er, auf welche Weise er den Hasen aus dem Busch gelockthat. Die Brotlaibe gärten in den Körben und die Weiber wurden ungeduldig darüber, daß das teure Brot verderben werde, doch der Biedermann erzählte unbeirrt, mit epischer Weitschweifigkeit die wunderbaren Aufregungen jener abenteuerlichen, nächtlichen Lauer. „Wie ein General bin ich vorgegangen. So soll ich leben, wie ein Garibaldi. Kommt Leute, sagte ich. Gehen wir Leute, sagte ich. Und die Nacht war finster, und wir sind unter dem Fenster gestanden. Breindl kann es ja sagen — was?" Da hatte er sich an die Richtige gewendet. In Tante Breindl kochte die Wut: Erstens,* weil sie sich kompromittiert fühlte, zweitens, weil sie die jungen Leute bedauerte, welche man unschuldig vertrieben hatte, drittens, weil ihre Zimmer jetzt leer ständen und sie bis zum Laubhüttenfest auf neue Bewohner warten konnte. Sie ■ warf dem Bäcker durch das runde Augen-^ : glas giftige, ..stechende Blicke-zu,7 „Und.wenn Die bersten,„Reb. Bünem," sagte sie, „so. war jener Gedalje doch.ein?großev/Zadik." -

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