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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-08 · Heft 36 (8.9.1911) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
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streben sie alle vereint dem erhabenen Ziel ^der Bildungent» gegen."'' - ' Das erfolgreiche Entgegenkommen, das dem Anwalt des Fortschritts aus seiner großen Reise gebracht wurde, gibt dem genialen Redakteur der .-Allgemeinen Zeitung des Judentums", Rabbiner Dr. Ludwig Philippson, Magdeburg Anlaß, unterm 3. Januar 1843 einige bemerkenswerte Betrachtungen daran zu knüpfen, die wohl auch gegen unsere Widersacher Mttend gemacht werden können: ■j: Hier' Zhv7üls0 die «tief gesunkenen," die »entarteten", und Ihr 'sie sonst, noch bezeichnet, russischen Judery Man bietet ihnen — Mittel zur Bildung, zur Erhehung in Wissenschaft und Gesittung -7>- und sie strecken ihre Hände sehnsüchtig danach aus, sie greifen danach mit allgemeinem Verlangen, alSj nach, einem wahrhaften Rettungsanker! Freilich wird ihnen diese Wohltat nicht durch Zwangnicht Missionäreaufgedrungen — auf wahrhaft humane Weise sendet man ihnen einen für seine Sache begeisterten Israeliten zu, um sie aufzuklären, .man fordert ihre-Rabbiner zusammen, um die Sache dürchzüsprechen und unter Leitung des Ministeriums zu ordnen, man ruft Männer herbei, die die Lieblinge der jüdischen Masse' gewordenum auch durch sie die Maßregelzu sanktionieren das sind hbwane^das sind aufrichtige Wege. Aber die Masse selbst begreift dieses auch und begeistert sich dafür, sie hat so' vielintelligente Kraft,' um den ganzen Segen, der ihr daraus erwachsen wird/ zu fassen, sind freudig auf die Häupter ihrer Kinder zu legen Von weitem 5zeigt ftch auch die Aussicht, mit der Zeit den höheren Bildungsstand' durch größere bürgerliche Berechtigung gekrönt zu sehen» Es sind zwei. Resultate, die sich aus diesem erfreulichen Gange der Ereignisse ziehen lassen: von der einen Seite, daß die Regierung d^en einzigen richtigen Weg eingeschlagen, der, wo es sich um Reförüien im Judentum handelt, geschritten werden muß, die Juden durchich selbst reformieren, kultivieren zu lassen, dann aber dieser 'Bewegung von oben her Schutz, Kraft. Impuls - -zü geben. Von der anderen Seite, daß endlich die Befähigung der Juden zuhoher geistiger Bildung und- Entwicklung durch ihre Hinneigung zudieser sich abermals glänzend herausstellt. Nein, es ist kein geistig-versunkenes Volk, auf so viele Abwege es auch durch Jahrtausende falscher Behandlung hat geraten müssen, es hat sich gei stig immer tüchtig nUd hoch erhalten, und wodurch? — weil'es eben nur.in einem geistigen Gute seine Existenz gefunden, in seiner Religion." (Fortsetzung folgt.) NnioerlÄtiktilchrs und psttikulsMilchks Judentum. -Ho» B. Ke bl er m a«.n-Berlin., - (Schluß.), Su diesem Schluß gelangt auch die Psychologische Ueberlegung- Man darf nämlich nie übersehendaß bas Sittengesetz in seiner unendlichen Fülle idealer Aufgaben von keinem Sterblichen völlig erfüllt werden kann.' Wenn nüN trotz der ewigen Unerfüllbarkeit des Sittengesetzes die endliche Willenskraft des Menschen durch einen weiteren Gesetzeskomplex belastet wird,' so werden dem sittlichen Arbeitsprozeß genau so viele Willenskräfte' entzogen, als die rituelle Praxis erfordert: Es bildet also in Wahrheit das Plus von Ritualyesetzen gegenüber dem Sittengesetz -keine erhöhte Belastung des jüdischen GetneinschafttzwillenK-'-^Vn-rweine Entlastung dott der moralischen Verantwortlichkeit. -- besten diese Deduktionkann -nicht--der- Einwand erhoben werden, daß m der pietätvollen Pflege! und Verherrlichung des Ritus die poetische Kraft - des- Judentums ' ihren Ursprung hat. Wollte man hieraus das ethische Recht des' Ritus ableiten, so müßte man auch das ethische Recht der neutestamentlichen Wunder und Dogmen anerkennen, die äls bas singuläre- Ursprungsmaterial,'als das schier unerschöpfliche Objekt der klassischen Kunst' figurieren. - ' Ein anderer Einwand sieht in dem Ritualgesetz-kemdn GegensatzHurSittlichkeit, sondern ein Vehickel für sie: Auch diese Meinung .ist unhaltbar. Sie bedeutet direkt einen Ziveifel an der Möglichkeit - der sittlichen Realität, einen Zweifel an Gott, der all ein die Realität der Sittlichkeit in der Geschichte der Völker verbürgt. — Wenn übrigens die Sittlichkeit für ihre Verwirklichung bei außersitttichen Motiven eine Anleihe äufnimmt, so hat sie sich ihres souveränen Primatcharakters begeben. Sie stände dann in demselben Abhängigkeitsverhältnis zum Partikulärismus wie die religiöse Ethik zur Kirche. Diese Argumente können auch nicht von dem Vorwurf einer paulinisierenden Tendenz getroffen werden. Auf Grund neutestämentlicher Forschung unterliegt es nicht.dem leiststen. Zweifel, daß Paulus nicht nur das Ritualgesetz, sondern auch * das Sitten ge setz ablehnte, daß er die Berechtigung eines j e d en Sollgesetzes bestritt: - Denn aus der Liebe zu Jesus quillt die Liebe zum Gesetz automatisch hervor. * ' III. Sonach ergibt sich mit zwingender . Evidenz der Schluß: Der Begriff eines Religions ge setz es ist ethisch . widerspruchsvoll und haltlos. Mithin dürfte es sich erübrigen, aüf die ästhetische Bedeutung des gesetzlich fixierten Ritus näher einzugehen: Denn, was ethisch erledigt ist, kann durch keine Aesthetikrn.^her, Welt,.rehabilitiert werden» Mahnen doch die kulturwidrigen Folgen der .Romantik taut, gesiug an die Gefahren einer der Ethik sich überürdnenden Aesthetik!j Mer Materialismus und Naturalismus in der Kunst haben in dem erschlichenen Primatchärakter der Aesthetik" ihr psychologisches Heimatsrecht. Freilich muß hier gleich betont werden,' daß es sich' bei solchenUebergrifsen-der Aesthetik niemals um die von Kant begründete, vom Klassizismus erfüllte Aesthetik hes reinen Gefühls handeln kann?) Wie nämlich das reine Denken und das reine Wollen ihren Gegenstand nicht von außenher empfangen, sondern ihn selbst erzeugen, so darf auch das reine Gefühl der Aesthetik nur solche Schöpfungen ausweifen, die sein ureigenstes Erzeugnis sind. Es darf weder die Natur noch die Ethik „abschreiben", vielmehr muß es in einer eigenartigen gesetzmäßigen Vereinigung dieser beiden ausschließlichen Inhalte des Bewußtseins seine spezifische Aufgabe offenbaren. Es muß die Ethik naturalisieren, indem es die Ideen aus dem Reiche „jenseits des Seins" herabhölt und ihnen sinnliche Hüllen verleiht, es muß die Natur ethisieren, indem es in die Synthesen naturgesetzklcher Relationen ethische Ideen „einfuhlt" und sie zu Symbolen sittlicher Forderungen erhebt. Diese, beiden, Kulturinhalte, Natur und Ethik,, bilden also, nur das stoffüche Rohmaterial für das zuyr'Kunstgebilde kristallisierte Gefühl. "Wahllos darf sich deshalb das an sich neutrale und inhaltslose Gefühl,allen- Gegenständen der unendlich weiten Nytur und Geschichte:anschmiegen, selbst vor dem logisch und ethisch Bizarren braucht es nicht zurückzuschrecken: es wird sich dennoch nicht an den ihm als Ausgängspunkt und „Wecker" dienenden Gegensiand ^verlieren, ^mmer ünd immer wieder wird es diesen einer totalen Um- und Neuschöpfung im Sinne jener Vereinigung unterwerfen, bis schließlich Erhellt, daß auch hier so, wenig ein Abschluß der Einheitsbildung möglich ist, wie auf dem - * ^'Vergleiche hierzu den Abschnitt ^Aesthetik und Religion" aus' meiner Schrift: Der wissenschästliche Idealismus und die Religion-' S. 56ff., Berlin'1908. -- - ....

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