Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 426 (sequence 6)
- Language
- German
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ist nämlich sehr wichtig, zu -Zviffen^:d.aß. w/Nochedem nrcht.--s.twa der einzige und erste Arzt ist, welcher die große Ausbreitung der Zuckerkrankheit gerade unter den-, heutigen Juden behauptet. Frerichs vielmehr, der berühmte Berliner Kliniker und der Karlsbader Badearzt Seegen teilen sich in das Verdienst, diesen Satz, allerdings allein auf Grund ihrer Person» lichen Erfahrungen, und nichtmit Zugrundelegung allgemeiner statistischer Zusammenstellungen, so ällgemeingültig hingestellt zu haben, mit der Wirkung, daß er von christlichen wie jüdischen Aerzten leider in ganz gleicher Weise widerspruchslos ausgenommen ist. Heute noch gilt in der ganzen medizinischen Literatur die besondere und auffällig leichte Neigung der Juden für die Zuckerkrankheit fast als Axiom. Und doch ist hierbei unbestritten nur, daß Frerichs, Seegen, v. Noorden und andere Koryphäen unter ihrer großen Zahl von Zuckerkranken einen auffällig großen Prozentsatz, ja öfters bis zur Hälfte, jüdische Kranke halten und haben. Zurückzuweisen ist dagegen mit aller Energie und Beharrlichkeit der Schluß, auf die Juden im allgemeinen, einmal aus der immerhin nur kleinen Zahl von Beobachtungen des einzelnen Autors, welche dazu noch ein besonders charakterisiertes Material umfassen, .dann aus dem Mangel und der Unmöglichkeit — wegen vollständigen Fehlens — umfassender Statistiken, und endlich aus der Berücksichtigung einer lobenswerten, ich möchte sagen, spezifisch jüdischen Eigentümlichkeit der Juden, nämlich jener, für die Gesundheit schon früh die größten Opfer zu bringen und möglichst den allerersten und besten Arzt zu befragen. Daher kommt es, daß gerade Juden „herdenweis" die Sprechzimmer - „berühmter Professoren" belagern und die meistverfprechenden, wenn auch teuersten Bäder Mfsuchen: ohne Unterschied in der Art der Krankheit! >- Hätten deshalb aber z. B. der Berliner Chirurg Langenbeck oder der Frauenarzt Schroeder oder der Wiener Chirurg Billroth — ich zitiere mit Absicht keine lebenden Koryphäen — den Schluß aus der zufälligen Zusammensetzung ihrer Klientel auf die ganze Rasse zu übertragen gewagt? Wäre nicht ihre Folgerung, weil sie Persönlich etwa 30 bis 50 Prozent Juden in ihrer Praxis zählten, müßten die Ztzrden für chirurgische und gynäkologische Leiden eine besondere Disposition haben, als widersinnig zu bezeichnen gewesen? So urteilt nuch die Wirklichkeit: der Jude ist allen anderen Volksstämmen gleichwertig! Frerichs und der anderen Zuckerärzte Schlußfolgerung bleibt ein Fehlschluß! Die neuere Forschung in der Diabetes- Frage hat nämlich die gleiche ungewöhnlich große Ausbreitung der Zuckerkrankheit bei allen Raffen, Völkern, Ständen nachgewiesest' sowohl z. B. in Schweden wie bei den Indern Und Siamesen, bei den Bewohnern der Insel Malta und Tripolis, bei Reichen und Armen. Anderseits ist und bleibt in ganzen jüdischen Gemeinden Deutschlands, allerdings von nur geringerer Größe, die Zuckerkrankheit, wie ich es durch eine Umfrage bei 500 Gemeinden im Jahre 1903 habe hören können, eine nur wenig bekannte oder gar unbekannte Krankheit: nur die großen und größten Gemeinden mit dem Hasten und Treiben des weltstädtischen Lebens gibt uns ein anderes Bild; doch durchaus nicht anders, wie bei der christlichen Stadtbevölkerung — und ganz gleich dem Gange der Kriminalität, weil eben Nicht die Rasse, sondern das aufregende Leben, die intensive Sotge, der Verkehr die Disposition schafft. Daher tritt allmählich auch unter den Aerzten eine Reaktion gegen die bisher so willkürlich^ Annahme bezüglich der ,-Judenkrankheit" ein. Ichbrauche hier nur - die Worte eines unserer besten — chrMchen — ^Gelehrten, des Professors Dr..Naunhn-Straßburg — Baden-Baden, -aus der 2. Auslage (1906) seines -großen Werkes über.„Diabetes melitus“ hierher zu setzenum den Umschwung zu beweisen: „Für allgemein ausgemacht gilt, daß der Diabetes melitus bei Juden besonders häufig sei; auch ich habe nicht daran zu zweifeln gewagt! Und doch bleibt.nichts übrig als anzuerkennen, daß das ein Urteil, war, dessen wir uns, wie Pollatschek zu verstehen gibt, schämen sollten. Pollatsch ek, Arzt in Karlsbad, verfügt über ein Gesamtmaterial von 4714 Kranken, unter diesen sind 653 Diabetiker. Bon seinen 4714 Kranken sind nun 2333 Juden, und auf diese kommen 289 Diabetiker,. das ist 124 auf 1000, während für das Gesamt sich 138 Diabetikerauf 1000 berechnen." (S. 157). - Die Juden hätten es schließlich nicht nötig sich zu wehren gegen die erörterten Behauptungen, welche für sie stets nur das Gute der immer größeren und intensiveren gesundheitlichen Sorge schaffen; doch ist nicht zu leugnen, daß, wären die v. Noorden und anderen Aerzten aufgestellten Sätze zutreffend, Uebelwollende — und wer ist heute dem Juden wohlwollend? — den Juden den Stempel körperlicher Minderwertigkeit aufdrücken könnten: in-unserer für das Judentum so unheilvollen Zeit scheinbar ein weiterer und auch triftiger Grund für weitere Drangsalierung und Zurücksetzung! Darum die Wachsamkeit! Also, weder ist bewiesen, daß die „heutigen Juden" in größerer Zahl als die Christen von der Zuckerkrankheit heimgesucht werden, noch steht fest, daß „die jüdische Rasse" mehr als irgendeine andere für den Diabetes disponiert ist. Herrn Fl. aber gebührt der Dank auch vor dem Forum der Leser dieser Zeitschrift die Diskussion der vorliegenden in mehrfacher Beziehung interessanten Frage angeregt zü haben. .. .,. Lin deutlchrr (Dr. Lilienthäls Kulturversuch in Rußland.) Von Leon Scheinhaus - Memel. III. A^urch ähnliche Debatten, worin Lilienthal voll herzinniger Liebe zu seinem Stamme der währen Aufklärung das Wort redete, hat er, der junge Deutsche, die ihm gebührende Achtung erobert und unter Mitwirkung der Beffergesinnten — von denen in Wilna viele waren — lebhafte Stimmung für seine Pläne gewonnen. Währenddessen gelangte eine Einladung von den Rabbinern und den bedeutenden Mitgliedern der Judengemeinde in Minsk an ihn, zu demselben Zweck, zu dem er nach Wilna gekommen war, in diese Stadt zu reisen. In Minsk jedoch, wo ebenfalls ein neuer Geist schon die ersten Wurzeln zu schlagen begann, war es unmöglich die Opposition zum Schweigen zu bringen. In dieser Stadt, die sich zu den wohlhabenderen unter den jüdischen Städten zählt, sind dem edlen Vorkämpfer der Kultur die mannigfachsten Kränkungen nicht erspart geblieben. „Aber wir lernen ja meistens nur im Unglück, und so hatte ich auch nur hier die verschiedensten Meinungen, den Geist und die Gesinnungen der Juden kennen gelernt, und konnte, um den Zweck meiner Mission zu .erfüllen, der Regierung die Mittel und Wege zeigen, durch die sie ihre Absichten erfüllen könnte." : . : ";;i;. In feuriger Debatte ist in Minsk jedev Antrag Dr. Lilienx thals aus-folgendem Gründe zurückgewiesen worden: „Solange der Stagt hem Juden keine bürgerlichen-. Rechte zw gestehe, wäre Bildung ihn nur ein Unglück: Röh. uytzM,vifsend, verschmähe er nicht bas erniedrigende Brot eines FaktoxKMMlers usw.