Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 424 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Lage: unserer Glaubensgenossen im Reichedes Zaren gestaltet sich, immer trauriger. Es vergeht kein Tagan deM nicht -bald aus dem einen, bald/ aus einem anderen Teil diesis Riesenreiches beunruhigende Nachrichten über neue Bedrückungen der dortigen Juden an uns gelangen. Wir läffen hier nur einige folgen: Die administrative Behörde des' transkaspischen, Gebietes erließ eine strenge Verordnung, wonach sämtliche bucharischen-und afghanischen Juden bis spätestens 1. September d. I. Rußland, verlassen müssen. Juden, welche von dieser Maßregel getroffen sind und nach der erwähnten Frist auf russischem Gebiete angetroffen werden, werden administrativ bestraft und zwangsweise aus dem Lande ausgewiesen werden. /I '; - Auf Verfügung des Gouverneurs von Nischnij-Nowgorod hat die Polizei 500 jüdischen Kaufleuten, die dort zur Messe eingetroffen waren, erklärt, daß sie. ausgewiefen wie nach Hunderten zählende Freunde und Verehrer, um dem greisen. Jubilar ihre Sympathien und Segenswünsche zum Ausdruck zu bringen. - - - Dr. Alfred Stern entstammt einer alten Wiener Judenfamilie. Er ist ein direkter Nachkomme jenes Arosi Leides? dorfer, dessen Familie im 17. Jahrhundert.Mit anderen einflußreichen Juden seiner Zeitdie Gründer beiNGhewra Kadiscfta gewesen und der selbst Hofjude unter Kaiser Franz, der offizielle Vertretex der Wiener Judenschaft war. ' Der greise-Jubilar hat seine juristischen Studien in seiner VaterstadtWien absolviert und genoß als Advokat einen-weitdringenden Ruf. Seine - ausgedehnte Berufstätigkeit hinderte ihn -nicht, sowohl in Tagesblättern, hauptsächlich 'in der ,-Neuen - Freien Preffe", wie auch in Fachzeitschriften viel- . beachtete Aufsätze über aktuelle Fragen der allgemeinen und insbesondere.der kommunalen Politik zu veröffentlichen und seine scharfe Feder in den Dienst seiner bedrüchten Glaubensbrüder zu stellen. ‘; -Diese seine Tätigkeit lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf diesen temperamentvollen Streiter für Recht und Freiheit, und fast zur selben Zeit wurde er von der Leopoldstadt in den Gemeinderat (1886) und von der jüdischen Wählerschaft in den' Vorstand der Wiener Kultusgemeinde entsendet. In beiden Eigenschaften hat Dr. Stern sich bald nach Eintritt in die genannten Körperschaften eine führende Stellung errungen. Von dem erfolgreichen Schaffen und Wirken dieses edlen, um seine Vaterstadt,/-die Wiener jüdische Gemeinde wie überhaupt um die österreichische Judettheit hochverdienten Mannes entwirft die „Neue Freie Presse" vom 29. August folgende glänzend gehaltene Charakteristik:; Dr. Alfred Stern — seit fieben Jahre Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde — ist ein Name, der auf den t Blättern der Tagesgeschichte seiner Vaterstadt vielfach prangt, der verdienstlich und rühmend dort verzeichnet: ist als Gemeinderat und Re- ^fereMdes kommunalen Budgets; als unerschrockener, freisinniger Vertretet der städtischen Interessen und gemeinwirtschaftlichen Bestrebungen; ein geschickter, gewandter Politiker, der zeitlebens auch mit der Feder für. seine Prinzipien und Ansichten einzustehen wußte und den politischen Gegnern manchen schmerzhaften Hieb auch auf diesem Gebiet versetzt, hat, selbst zu einer Zeit noch, da er die Gemeindestube bereits verlaßen, die Funktion eines Stadtvaters nicht mehr bekleidet^ hatte. Noch heller aber glänzt sein Name in den ereignis-und schicksalsreichen Annalen der Wiener Judengemeinde, welche die größte ist unter den Gemeinden der europäischen Kulturstaaten. Auf einem kleinen, fast unansehnlichen Körper sitzt ein interessanter, ungemein ausdrucksvoller Kopf, durchgeistigt von vieler, schwerer Gedankenarbeit, belebt von hellen, scharfblickenden Augen, das Ganze umrahmt von dünnen Haaren, die über den Rand des kahlen Schädels sich wellen,''und einem' kurzen, nicht allzu angegrauten Barte. Und. wenn die schmalen Lippen sich öffnen, dann entströmt ihnen ehern und glockenrein der Ton der gewandten Rede, wohlgesetzt und durchbildet, fesselnd und ergreifend. Dann fallen die Worte bald leise und bedächtig, bittend und mahnend, bald streng und herausfordernd, bald feierlich und getragen, dann wieder heftig und stoßweise, lockend und abweisend, wie eS der Moment ergibt, der Anlaß fordert. Und dem Eindruck und dem Zauber dieser Suada kann sich niemand entziehen/auch die Gegner nicht, an . denen es ihm wahrlich nicht gebricht. Er geizt nicht nach Beifallwenn er ihm auch schmeichelt, er scheut nicht den Mißfall, wenn er ihn auch nicht sucht. < ’’ Ein kluger, nüchterner Sinn läßt ihn die Dinge kühl und sachlich erfassen; Ueberschwenglichkeit und Emphase liegt ihm nicht, und er liebt sie auch nicht. Mit festem Willen und ' eiserner Hand versteht er es, den Widerstand zu brechen, den Widerspruch einzudämmen und,' wenn werden und eure Frist von.zwölf Tagen zur Ordnung ihrer Angelegenheiten erhalten. Die Zudenbedrückungen nehmen gegenwärtig überhaupt immer größeren Umfang an. Von den russischen Hochschulen sind durch die neueren drakonischen Bestimmungen, die das Ministerium für Volksausklärung erlassen hat die Juden so gut wie ausgeschlossen. ' In Nikolajew hat die Ausweisung - sämtlicher Juden begonnen,, welche.stach dem Jahre 1906 dort zugezogen sind. In den Städten des Südwestgebietes hat die Ausnahme jüdischer Binder in Elementarschulen äüsgehört, so daß nunmehr, den Juden auch die Elementarbildung unzugänglich gemacht wird» Dr. Ulkred Ltern. 29.- v: M, beging der Präsident Q der Wien er israelitischen Kultusgemeinde/Dr. 'Al in ungeschwächter geistigerfstnd körper-; licher Regsamkeit und Frische seinen 80. Geburtstags Diesen^Unlaß benutzten seine Kollegen im Pprstanh, . das Rabbinät, ...die Wemeindebeamten, sämtliche humanitären und religiösen Vereine und Anstalten Dr. Alfred Stern Präsident der Wiener israelit. Kultusgemeinde.