Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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un^ die jüdischen Bewerberwie dies von jüdischer Seite ja auch schon- ' vielfach geschieht, erst zu befragen, ob sie kein. Stipendium Nus den paritLti \ chen Univerfitätsstiftung en erholten. Für die jüdischen Gemeinden und Stipendienverwaltungen -besteht wirklich kaum ein Anlaß, die verlangte Anzeige zu erstatten, wenn kein gesetzlicher Zwang dazu vorliegt. - Auch die „Kölnische Bolkszeitung", das einzige größere Zentrumsblatt, das wenigstens hier und da einmal den Juden gerecht zu werden versucht, läßt sich gelegentlich ein antisemitisches Kuckucksei ins Nest legen. In . Nr. 697 vom 15. August veröffentlicht sie unter der Ueberschrift „Alte Kirchenspitzen" ein Feuilleton, worin sich der Verfasser gegen die Verwendung alter Kirchenspitzen an modernen Damen»- toiletten wendet. „Man denke," ruft er aus, „Heide und Jude und Antichrist an Kiffen und Decken gelehnt, die aus Gegenständen hergestellt sind, die bestimmt einmal im kirchlichen Kult Verwendung gefunden haben!" Hierzu bemerkt die „Kölnische Zeitung".: „Also das ist die ärgste Profattation, die einem alten Meßgewand passieren kann, daß es, in irgendeinen Möbelbehang umgewandelt, in einem jüdischen Haushalt, hängt! Heiden» Juden und Antichristen, das sind die drei,Antipoden des Katholizismus, die schon durch ihre Berührung ein Meßgewand entweihen-können! Man denke, man denke! Und man vergessenicht, wenn die Zentrumspresse wieder einmal nach jüdischen Wählerstimmen angeln geht, sie an diese, verächtliche Zusammenstellung in der „Kölnischen Volkszeitung" zu erinnern." ■ . * Aus Anlaß der Einbringung eines Antrags in der russischen Duma über die Freizügigkeit der Juden in Rußland richtete der Wiener Vertreter der „Odeßkra Nowosti" an eine; Reihe hervorragender Persönlichkeiten eine Rundfrage über den Einfluß der Freizügigkeit der Juden in Oesterreich?Ungarn und Deutschland aus das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben der Völker. Von den eingeläusenen Antworten mögen einige hier folgen: Ministerpräsident a. D. v. Ko erber erklärt, daß nach aller Er° fahrung Ausnahmegesetze nur selten zum Ziele führen und den Zweck, der Adabei vorschwebt, erreichen. Um so unwirksamer werden solche Gesetze in einem Zeitalter, in welchem die Abschließnug der Völker undMenschen immermehr und mehr schwindet. MinisierpräsidentFreiherr v. Gautsch: Ich bedauere, mit Rücksicht auf meine amtliche Stellung als Chef einer Zentralstelle mich' der Abgabe von Erklärungen für publizistische Zwecke enthalten zu müssen.- Der frühere Statthalter von Niederösterreich Graf Kielm ansegg bedauert, über die Verhältnisse der Juden in Oesterreich sich aus dem Grunde nicht äußern zu können, weil ihm die zur Beurteilung der Verhältnisse erforderlichen amtlichen Daten nicht zur Verfügung stehen. Der ehemalige ungarische Ackerbäuminister Ignaz v. Daranyi erklärt: Die Freizügigkeit der Juden in Rußland kann für uns auch nicht ohne Belang sein, denn es scheint uns, als ob, falls den Juden in Rußland die Freizügigkeit gesichert würde, es zu erhoffen' wäre, daß die Auswanderung bzw. die Einwanderung - über Galizien und die Bukowina nach Ungarn sich verringern würde. Vom Humanitären Standpunkt aus kann die, Einräumung . des Rechtes, nur: gebilligtwerden. Ministerpräsident a. D. Freiherr v. Fejervary schreibt: Wie- Ihnen vielleicht bekannt, habe ich mich seit dem Frühjahr 1906 vo llkommen jeder politischen Meinungsäußerung enthalten. Sie werden es sohin vielleicht erklärlich finden, wenn ich mich vis-a-vis der Ihrerseits an mich gestellten Fragen auf denselben Standpunkt stelle. Handelsminister a. D. Franz Kossuth hat folgende zwei an ihn gestellte Fragen mit Nein beantwortet: Hat in Ungarn die Freizügigkeit der Juden auf die wirtschaftliche Entwicklung hindernd eingewirrt? Haben sich infolge des den Juden gewährten- Rechtes der freien Wahl ihres Wohnortes ökonomische, politische unb moralische Nach. teile eingestellt? Der deutsche Konsul in' Wien v. Libilh antwortete: Ich habe nur. tiefe Verachtung für Politike r, die nur überbie Rechtsbeschränkung der Juden sinnen und sie in ein eigenes Ansiedlungsgebiet ein-' pferchen.. Die Gleichberechtigung, welche den- -Juden in Oesterreich gewährt wurde, wie auch die. Freizügigkeit über das ganze Land haben diesem großen Nutzen gebracht, weil sie zur wirtschaftlichen, Entwicklung des Landes viel beitrugen. . Interessant ist. daß auch Hofrat Schuchardt sich abfällig über; alle Rechtsbeschränkungen gegen die Juden aussprach. . , . 3Vie der Veranstalter der Enquete in seinem Begleitschreiben betont, hat ihn hierzu die Tatsache;veranlaßt, daß die Judenfrage in Rußland in vielen Beziehungen derjenigen in Oesterreich ähnlich sei. In Oesterreich ist die Zahl - der' jüdischen Bevölkerung im Verhältnis zur allgemeinen Bevölkerung gleich mit der Zahl der Juden in Rußland'. Hier wie dort machen die Juden 4 Prozent der allgemeinenBevölkWMg aus. Die österreichischen Juden haben sich mit der übrigen Bevölkerung ebensowenig assimiliert, wie in Rußland eine Assimilation der großen jüdischen Massen zu erwarten sei. Hierzu kommt noch, daß auch in Oesterreich eine starke antisemitische Bewegung vorhanden sei, wenn sie auch in ihren Formen europäischer ist als die russische. Deshalb wandte sich der Journalist gerade an österreichische und ungarische Männer der Oeffentlichkeit und richtete an sie formell die zwei Fragen, auf welche, Me oben erwähnt, die österreichischen Politiker fast durchwegs ausweichend antworteten. ft Zu den Ausschüttungen gegen die Juden in England wird der „Oesterreichischen Wochenschrift" unterm 24. v. M. aus London, geschrieben: -Me schweren Ausschreitungen in Wales haben im ganzen Lande großes-Aufsehen erregt. AÄen Blättern fällt es ganz besonders auf. daß das Militär so wenig Mtan hat, um die bedauernswerten Vorkommnisse zu verhindern.^ In Tredegar allein waren etwa 150 Mann mit fünf Offiziellen unter dem Befehl eines Majors zum Schutz der Bedrohten zur Verfügung, außerdem eine ganze Eskadron Husaren. In alldn benachbarten Orten liefen Abteilungen von 50 bis 200 Mann und weil dies nicht genügend schien, wurdennoch weitere. 1000 Mann in dem-benachbarten Cardiff in Bereitschaft gehalten.- Trotzdem überfielen die Aufrührer gestern nachmittags - wieder einige:jüdische Geschäfte. Ihre Beute wurde ihnen aber zum größten Teil von der Polizei wieder entrissen. Es ist unerklärlich, was die bisher so friedlichen Bergarbeiter zu diesem Treiben veranlaßte. Als angebliche Gründe für die Ausschreitungen werden die gesellschaftlichen Ambitionen der Juden und die Erhöhung der Mietzinse einiger jüdischer Hausbesitzer angegeben. - Dies scheint jedoch unmöglich der wahre Grund zu sein, und die Untersuchung wird' erst feststellen müssen, ob es sich nicht um eine von'langer Hand vorbereitete Aktion gegen die Juden handelt. Die maßgebenden jüdischen Kreise waren von den Ereignissen in Wales so sehr überrascht und waren nicht geneigt, die Vorgänge da» - selbst als eine ausgesprochen antisemitische Aktion anzusehen, daß die Vertretungskörperschaft der englischen Judenheit die Je wish.Board of Deputies, trofcöem sie bereits Sonntag, nachts von den Exzessen Kenntnis hätte, erst am Mittwoch sich zu einer Intervention bei der englischen Regierung herbei ließ, weil sie eben der Meinung war, daß die Ausschreitungen in Males eine Folgeerscheinung der Streik-; bewegüng sei, von welcher zufällig auch jüdische Geschäftsinhaber ' betroffen wurden. Dieses späte Eingreifen der Board of Depüttes wird nun mit ,Recht scharf kritisiert.- Die Regierunghat übrigens sofort. nach, Kenntnisnahme der - Vorfälle die Maßregeln ergriffen, doch scheinen dieselben unzulänglich gewesen, zu . sein, da auch bier; Regierung, wie sich jetzt^herausstellt, den Ernst der.Situation und , die Bedentung""ber Vorgänge in Wales stark unterschätzt hat. Die . Angelegenheit wird' noch im Unterhause zu großen Debatten Anlaß, geben.' - ft