Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 1. September 1911 75. Jahrgang Nr. 35 Dellsgr zur ,MllALmrtnen LetLüng ck»rK. Judentums". korrelpondenren nnüMchrichtm. Deutschland. *.* Berlin, 29. August. Das Deutsche Bureau der A. I. u. sendet uns nachstehendes Schreiben der Alliance . Israölite Universelle an die „Mmes", London, mit der Bitte um Veröffentlichung: An den Herausgeber der „Times“ London. Paris, den 11. August 1911. Sehr geehrter Herr! Ihr geschätztes Blatt bringt in seiner Ausgabe vom 9. August als Antwort auf einen Brief des Herrn Dr. Gaster eine Mitteilung ihres Korrespondenten in Konstantinopel. Wir halten es für unsere Pflicht, einige der in dieser Korrespondenz angeführten Tatsachen richtig zu stellen, die von der Haltung der Israeliten in einem Gebiet handeln, in dem wir unsere erzieherische und zivilisatorische Tätigkeit ausüben. 1. Seit langer Zeit ist bereits die Falschheit der gegen unsere Glaubensgenossen von Damaskus in bezug auf die dortigen Ereignisse im Jahre 1860 erhobenen Beschuldigungen.festgestellt. Sie geht mit größter Deutlichkeit aus folgendem Brief des Herrn Dr. Wetzstein, damaligen preußischen Konsul in Damaskus hervor, den dieser am 17. Oktober 1860 an Herrn Albert Sohn in Paris geschrieben hat, und der in der Dezembernummer 1860 des „Israelitischen Archiv" ab gedruckt worden ist. Der Brief lautet: Damaskus, den 17. Oktober 1860. In Erwiderung Ihres heutigen Briefes, in dem sie meine Meinung über das Verhalten der jüdischen Gemeinde während der Katastrophe im Christenviertel und über die gegen: eine große Anzahl von Juden vorgebrachten Vorwürfe und Beschuldigungen erbitten, habe ich die Ehre, Ihnen folgende Auskunft zu gebenr Jedermann weiß, daß das Judenviertel genau so bedroht gewesen ist wie das Christenviertel, und niemand hatte die Ueberzeuguyg, daß die drusische. und mohammedanische Wache, der die Aufsicht über unser Viertel anvertraut gewesen war, tatsächlich die Macht und den guten Willen zu unserem Schutz besessen hatte. Deshalb hatte der größte Teil der Juden sich in die mohammedanischen Viertel geflüchtet und die übrigen hatten sich nicht aus ihren Häusern gewagt. Die Behauptung, daß die Juden von Damaskus sich an der Plünderung des Christenviertels beteiligt haben, ist folglich ebenso lächerlich wie verleumderisch. Glücklicherweise ist die . ganze christliche Bevölkerung über die Beschuldigungen entrüstet, denen Ihre Glaubensgenossen noch immer ausgesetzt sind. Es ist nicht bekannt geworden, daß ein einziger katholischer, protestantischer, armenischer, maronitischer oder syrischer Christ in der vorliegenden.Frage irgend etwas gegen einen Juden vorgebracht hätte — alle Ankläger der Juden sind Griechen; und da die Personen, von denen die Beschuldigungen äusgehen, wohl bekannt sind, wird es nicht schwer sein, ihr Wirken zu unterbinden, dessen Motive nur Erpressung und Fanatismus sind. Genehmigen Sie, mein Herr usw. Dr. Wetzstein. Im übrigen war die Unschuld der Juden von Damaskus sehr bald bewiesen worden. Alle diplomatischen Agenten, besonders Sir John Rüssel, wurden zu energischen Verteidigern der Juden, von denen kein einziger verurteiltwurde, imGegensätzzu dem, was Ihr Korrespondent beh auptet. Wir fügen noch hinzu, daß es zwei Juden waren, ein Franzose Adolph Crämieux und ein Engländer Sir Moses Möntefiore. die als die-ersten die Anregung zu einer Geldsammlung für die Christen in Syrien gegeben haben. Ihr geschätztes Blatt hat seinerzeit einen Brief von Sir Moses Mantefiore veröffentlicht, dessen Uebersetzung in der Auguftnummer 1860 des in Paris erscheinenden „Univers Israi§lite“ abgedruckt war und der wie folgt lautet: „Mit tiefster Betrübnis habe ich die 'gestern im Oberhause ab. gegebene Erklärung gelesen, daß infolge der jüngsten Ereignisse in SyrienLLO'OOO-Chrrsten^Frauen-und Kinder, unter den größten Gefahren in den Bergen umherirren. Da ich die Nätur jenes Landes und die Verhältnisse seiner. Bewohner kenne, kann ich leider nur zu sehr den hohen Grad der Not beurteilen, die sie auszuhalten hatten und die noch fortbesteht. Ich glaube, daß die private Wohltätigkeit etwas tun kann, um das Elend. der unglücklichen Menge zu lindern, die jetzt ohne Obdach, ohne Verteidigung und ohne Lebensmittel geblieben ist. Ich kenne aus Erfahrung die Menschenliebe meiner Landsleute, und ich glaube, daß das Publikum ohne Aufschub und mit Wohlwollen dem Vorschlag einer Sammlung von Geldern beistimmen wird, die in gerechter Weise an die unglücklichen Opfer der Verfolgung verteilt werden sollen. Ich schlage vor, ein auS wenigen Personen bestehendes, tätiges und einflußreiches Komitee zu bilden zu dem Zweck, Sammlungen zu veranstalten, sich mit dem englischen Generalkonsul in Beirut und mit den anderen Konsulärbehörden in Syrien in Verbindung zu setzen, damit sofort durch Geldsendungen und durch Üebermittlung sonstiger Unterstützungen die erste Hilfe gebracht werden kann. Ich nehme mir die Freiheit, für diesen Zweck meinen Beitrag von 200 Pfund Sterling beizufügen. Ihre beredte und gerechte Verteidigung der Sache der Christen in Syrien hat mich zu diesem Brief ermutigt und wird auch, darauf vertraue ich, meine Belästigung entschuldigen. Ich habe die Ehre, usw. Moses Montefiore." 2. Es hieße, eine neue Verleumdung zu den schon so oft gegen die Israeliten vorgebrachten zu lügen, wollte -man behaupten, daß sie im Jahre 1896 an den Massenmorden in .Konstantinopel teilgenommen hatten. Der Direktor unserer Schulen in Hasköi schrieb unsin seinem Bericht über die traurigen *■ Ereignisse unter dem 4. September 1896 folgendes? .. „Mit Knütteln und Messern bewaffnete unheimliche Baschi- Büzuks stürzten sich in die Häuser der Armenier und haben den größten Teil dieser unglücklichen Bevölkerung ermordet. Sie haben auch versucht, in unsere beiden Schulen einzudringen und unsere armenischen Dienstboten fortzuschleppen,' aber diese hatten sich in den Bodenräumen versteckt. Sie zitterten wie Espenlaub und glaubten, ihr letztes Stündlein wäre gekommen. . Ich beeile mich. Ihnen noch mitzuteilen, daß in Hasköi viele Armenier über. 400, wie man mir sagt — von Israeliten in ihren Häusern versteckt und so dem Wüten der Angreifer entzogen worden sind." 3. Schließlich müssen wir noch eine letzte Fabel zerstören. Niemals hat ein Verein oder eine Gesellschaft irgendwelche Vorbesprechungen abgehalten oder Verhandlungen angeknüpft, die die Kolonisation von Cilicien durch die Juden zum Gegenständ hatten. Da uns der in Ihrem Blatte herrschende Geist der Unparteilichkeit bekannt ist, sind wir der Ausnahme dieser Zeilen sicher, deren Zweck darin besteht, die Wahrheit der Tatsachen wieder herzustellen. Der Sekretär, gez. Jacques Bigart. F. Berlin, 29. August. In der letzten Sitzung der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und' Lehrerinn en zu Berlin sprach Prediger Dr. Lehmann über „ Pri m it i v e R el i gi o n s so r m e n." . Der Vortragende führte ans, dqtz^es unmöglich sei, die Fülle des Stoffes in einem Vortrage auch nur annähernd erschöpfend zu behandeln. Er zeigte die Notwendigkeit der Kenntnis primitiver Religionsformen für das Verständnis der Riten und Bräuche der. höherstehenden Religionen. Die Kenntnis der primitiven Religionsformen verdanken wir der modernen vergleichenden allgemeinen Religionsgeschichte.., Diese basiert auf den Erkenntnissen und Ergebnissen der kritischen Philosophie, der historischen Kritik, der Linguistik, der Prähistorie und . vor allem auch der Völkerkunde, der ^Wthropologie und - der Volkskunde. — Zum