Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 418 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Von dem aristotelischen Kultus der -sinnlichen Empfindung v bestimmt^ Prägt Hegel .eine „philosophische" Parole, die mit.' geradezu erschreckender Macht .das moderne Kulturleben zersetzt - und zerstört: Alles, wqs ist, . ist vernünftig,' .und nur das Vernünftige ist. Es wird also nicht, wie bei Kant, die Vernunft in ein. korrelatipes. Verhältnis zum Sein 'der W iss e n-" schast gesetzt, sondern zum Dem der sinnlichen Emp findun g. Und da das Dein der .Empfindung zum. Gegenstände der. Reizquelle in Beziehung steht, so entscheidet also über, die Prävalenz der einen Empfindung gegenüber der anderen die bis^zu einem bestimmten Grade von der Größe des Gegenstandes abhängige Intensität des Reizes. Also ist es in letzter Instanz die physische Mehrheit, welche im Empsindungslebew'. des einzelnen und der Massen .„monarchische" Geltung beansprucht,. Da aber die wahre Empfindung nur Unterschieds- .... empfindüng ist, so kann auch für die kleinste Reizintensität noch eine kleinere aufgezeigt werden, der. gegenüber die... erste als die stärkere sich" erweist. Daraus ... aber ... ergibt sich mit... zwingender Notwendigkeit der relative Wert aller Mehrheits- , größen. So ist das Christentum eine Mehrheitsinstanz gegenüber demJudentüm, eineMinoritätsinstanzgegenüber dem Islam _ und dem Buddhismus. Die Erkenntnis dieses relativen Charakters der Mehrheitsqualitäten läßt Schopenhauer in gedanklicher Uebereinstimmung mit dem Buddhismus an der Erreichung eines. absoluten Wertes verzweifeln, während Nietzsche auch den kleinsten Mehrheitswert als Sieg des Lebens preist, wenn er . sich in seiner Individualität behauptet. Würde bei einem radikalen Untergänge der Kultur auch nur ein Mensch sich behaupten, so müßte diese Erhaltung als ein Mehrheitswert,. gegenüber den entschwundenen Werten angesprochen werden. Wie aber, wenn dieser Mensch ein Verbrecher ist: Muß dann seine Existenz auch als Sieg der Kultur ^epriefcn werden? ' Diese Frage bejaht Nietzsche mit aller Entschiedenheit. Denn nicht auf die moralische Qualität der Lebenstypen kommt elf“ ihm an, sondern auf die Erhaltung des Typus an sich. Ist doch' „Leben" nichts anderes' als die Reaktionskraft der Individuen gegen die es im Kampfe ums Dasein bedrängenden feindlichen Mächte. - ' So ergibt sich mit Bestimmtheit, daß das Leben an" sich wohl ein Kriterium für' den Sieg des Individuums daß aber für das moralische Recht dieses Sieges auch nicht das mindeste bewiesen ist. "Damit aber sind wir unmittelbar zur Kritik eines Begriffes gelangt, dessen falsche Interpretation. direkt als Kulturdefizit bezeichnet werden muß. Es ist der' Begriff der Entwicklung im Darwinschen Sinne. Wie auch immer dieser Begriff definiert werden mag, die gemeinsame Basis aller Definitionen ist auch hier dev Gedanke von dem''' Sichbehaupten eines individuellen Gebildes im Kampfe ums ' Dasein. Individuell ist das Gebilde dadurch,' daß es von einer bestimmten Form der Zweckmäßigkeit getragen ist, die ihm eine ganz spezifische Note verleiht: Obgleich also dieses so spezialisierte Gebilde die-verschiedensten Assimilationen mitü dem es umfassenden Milieu eingeht, 'behält es dennoch seine'' Eigenprägung, selbst bis in die fernsten Transformationen' hinein. Alle diese Formen aber können zur -Ethik ein positives o der' negatives Verhältnis haben. Für die m o r ali s ch e Rechtmäßigkeit seines Selbstwertes beweist also derSieg-im Kampf ums ■ Dasein, d. h. die Entwicklung, ebensowenig wie der Begriff des „Lebens"l Mithin ist auch hier das Prinzip der Mehrheit, sofern es die 'Prävalenz der einen -Form gegenüber der anderen bedeutet, für die sittliche Charakteristikvöllig wertlos. Nur dann kann der Begriff der Entwicklung einen kulturellen Fortschritt zum Ausdruck bringen, wenn er den Sieg der moralischen Idee über die ihr widerstrebenden Kräfte aufzeigt. Wo kann das im Leben .Sieghafte, das^tzistorisch Gewordene" .an .sich .für die -Rechtfertigung feiner selbst..nicht, in ^age kommen, sondern die ,moralische Idee: beurteilt, : ob: das h i st-o-ri s ch Gelvordeneein .Recht auf -Existenz hat. Nicht die Mehrheit darf fdie-.MHett Kritisieren, fondernMe Allheit bildet den Urteilsquell für die Mehrheit. . ., Ä. Diese Prinzipien sind als Forderungen einer idealistischen Anschauung so -selbstverständlich, daß nur rein allgemeiner Mangel logischer Schulung -ihre grundsätzliche -Ignorierung rechtfertigen kann. Noch mehr aber muß es -Verwunderung erregen, daß gerade die Religion, die den Idealismus zuerst intuitiv erschaut hat, daß das Judentum in moderner Zeit fast ausnahmslos Hegel, den Philosophen der Mehrheitsethik, für feine logische Begründung .reklamiert. Es macht ..geradezu einen .burlesken Eindruck, wenn -der Philosoph des .„absoluten Christentums", dem das Judentum nur als eine inferiore Religion gilt-als philosophischer Eideshelfer des ,/historischen Judentums" angerufen wird. Denn es kann doch unmöglichbestritten werden, daß das Schlagwort ,/historisches Judentum" eine ebenso „pöbelhafte Berufung" /aus die Erfahrung darstellt, wie das „absolute Christentum" und das „geschichtlich' gewordene Recht" Hegels. Dabei kann freilich nicht geleugnet werden, daß auch die antihistorische Strömung im neuzeitlichen , Judentums demselben Fehler verfällt wie die historische, wenn sie die eine Mehrheit durch die andere, die eine Erfahrung durch eine zweite korrigiert. Auch sie entnimmt den Maßstab der Kritik nicht der universalistischen Allheitsidee, sondern .dem partikularistischen Mehrheitsgedanken. Als einem solchen Mehrheitsbegriff muß mit aller Energie dem Gedanken .. „ des Ueberlebtseins". <eni gegen getreten werden. Denn offenbar bedeutet er .nur, daß die Vertreter „freierem" Richtung die Vertreter, .der anderen Richtung an Z.a ßl übertreffen. Nach der L n-n e r en logischen - Berechtigun g wird selten gefragt. Nur so läßt .es .-sich erklären, daß an die Seseitigung ethisch verfehlter Formen, die sich geradezu wie ein Hohn auf den Univer- 7 falismus ausnehmen, nur deshalb nicht gedacht wird, weil sie zu tief im „Volksbewußtsein" leben, weil also nicht die Idee .des ' Judentums maßgebend ist, sondern die. M^hrheat bestirnmter Individuen- And da die Mehrheit ein durchaus relativer Begriff ist, so muß es ebenso viele Arten.des Judentums geben, als spezifische Mehrhestsgruppen existieren. Gegen eine solche Auflösung-und Zerstücklung der Idee in diskrete Einzelheiten ' muß vom Standpunkt der Idee des Umiversalismus aus schon deshalb der schärfste Einspruch erhoben-werden, weil dann die im Universalismus des Judentums begründete Aufgabe derMessianisierung und Einheitsbildung illusorisch wird. Hier drängt sich nur . eine Alternative auf: Entweder vollständige Anfrechterhaltung der. Formen in ihrer ge se tz li ch e.n All g em einheii oder.vollständige Preisgabe ihresgefetzlichen Charakters. Ein .Mittleres gibt es so wenig wie es -eine Versöhnung zwischen Empirie und Idee, zwischen Mehrheit und Allheit gibt! Da aber.der ge s etzm äßig e Charakter der Formen unbedingt eine stabile Mehrheit inmitten der Allheit konstituiert, so ist für den Ethiker einzig und allein der zweite Teil der Alternative möglich. Indessen fordert diese Behauptung noch eine eingehendere Begründung, der wir uns an dieser Stelle nicht entziehen können. Es ist zunächst folgende Frage zn beantworten.: Wenn die jüdische Religion dem Allheitscharakter einer idealistischen Ethik Rechnung tragen soll, so muß es ihr möglich sein, sich restlos diesem Jdealifierungsprozeß zu ergeben, ohne ihrer spezifischen Grundsubstanz verlustig zü gehen. Es wird also auch