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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-01 · Heft 35 (1.9.1911) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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r »In Deutschland, wo sie seit 30 Jahren das Lernen des Talmuds ^vernachlässigt und dafür dem Studium allerhand profaner Wissenschaften gehuldigt haben, ist unsere jüdische Religion furchtbar verletzt und die alte Ehrfurcht vor Unseren heiligen Gebräuchen ist dahin. Liegt es also nicht im Interesse unseres Glaubens, alle diese Neuerungen von uns fern zu halten, unsere Kinder zu erziehen, wie wir erzogen wurden und in der Vergangenheit eine bessere Garantie für unser Leben und Wohlergehen zu finden, als in den neuen Plänen der jetzigen Neuerer." Auch diese Frage löste Dr. Lilienthal, indem er erläuternd auseinandersetzte, daß es durchaus nicht, schwer, ist, die Religionspflichten mit der.Aufilärung zu vereinbaren: »Das Rad der fortschreitenden Zeit kann nicht durch des Menschen schwache Hand aufgehalten werden. Auch in Deutschland herrschte die alte Sitte mit. allgemeiner, allmächtiger Gewalt, trotzdem aber bahnten sich die neuen Ideen unaufhaltsam ihren Weg bis in die abgeschlossenen, verborgensten Wohnungen der Juden. Die alten Rabbiner verdammten und verstießen Mendelssohn und sein Tun, und anstatt die neuen Ansichten mit den Anforderungen unserer Religion in Einklang zu bringen» sahen sie mit Gleichgültigkeit und Verachtung auf die unter ihren Augen vorgehenden Veränderungen. Wir dürfen ihrem Beispiele nicht folgen; wir müssen, den unglücklichen folgen dadurch begegnen, daß wir innige Liebe und Anhänglichkeit an unsere'Religion mit den Anforderungen des Lebens zu vereinbaren suchen/ *) (Fortsetzung folgt.) Aniorrlaliltilches und parlikulskiltilchrs Judentum. Vop B. Kellerman n-Berlin. I. Eür die Diskussion über den kulturellen Wert einer geschicht- \3 liehen Erscheinung stehen uns drei Maßstäbe zur Verfügung: der logischeder ästhetische und der ethische. Der logische Maßstab entscheidet über die Bedeutung für die mathematische Naturwissenschaft, der ästhetische für die schöpferische Kunst, der ethische für die fortschreitende Versittlichung im Rechts- und Staatsleben. Wie man nun auch über die Berechtigung der beiden ersten Maßstäbe denken mag — so viel wird jeder Denkende einsehen: dem dritten Maßstabe darf keine geschichtliche Erscheinung zuwiderhandeln, wenn sie Anspruch auf kulturelle Geltung erhebt. Wie steht es nun mit dem Judentum? Entspricht es dem ethischen Maßstabe, oder lehnt es ihn ab? Die Frage erfordert zunächst eine Klärung über den Begriff der Ethik. Wenn die Ethik nicht ein Aggregat von subjektiven Einfällen und politischen Tagesmeinungen bilden soll, so muß sie im Sinne Platos und Kants „jenseits des Seins" in der . Vernunft begründet sein, um als reines Vernunftgebilde das Sein zu beherrschen. Den Charakter eines solchen Vernunftgebildes kann aber die Ethik nur dann gewinnen, wenn sie dem logischen Werte einer Idee, d. i. einer Ausgabe von allgemeinem und notwendigem Geltungswert, gerecht zu werden vermag. Damit ist nichts anderes gesägt, als die ausnahmslose Geltung des Sittengesetzes. Konfession und Nationalität, ästhetische und historische Empfindungen, Rassenbewußtsein und Jndividualkultus müssen schweigen, wenn die Ethik ihre Stimmevernehmen läßt. Es gibt keine Instanz, vor welcher die Ethik zu kapitulieren hätte. So verschieden auch die Einrichtungen einer Kulturphase sein mögen: in der Ethik müssen sie sich alle finden. Denn, sie ist gleichsam der Lilienthals „Meine Reisen in Rußland". (Nach „The Israelite“) Jüdisches BolkSblatt 1856, Nr. 36. . , Generalnenners für welchen die unendliche Fülle der Kulturfaktoren als Zähler in Betracht kommt. Hierdurch erzeugt die Ethik, dank ihres idealen Ursprungs, Einheit der Kultur, Einheit der Humanität. Aber diese Einheit ist nicht Monotonie, öde Schematisierung. Sie ist Einheit der unendlichen, vielen Jndividualgebilde. Sie ist Aufgabe der Einheitsbildung. Sie ist. als Vernunftforderung ewige Aufgabe der Einheitsbildung. Also kann sich der Ewigkeitschärakter der. Einheitsaufgabe nur an der ewigen Vereinigung individueller. Werte messen. Die ewige Bildung gesonderter Jndividualgrößen ist demnach ebenso , notwendig wie ihre, ewige Einheit. In diesem streng korrelativen Verhältnis zwischen Einheit und Sonderung spricht sich der logische Wert der Idee aus. Es darf also die Jndividualbildung niemals zu einem Petrefakt erstarren, sie muß immer und immer wieder von der großen ethischen Einheit durchflutet und getragen werden. Nur durch ihre Zugehörigkeit zur ethischen Gemeinschaft legitimiert sie sich als wahres Kulturgebilde, erhält sie selbst den Charakter ewiger Geltung. Denn die ethische Einheitsbildung kennt keineSchranken; Jein Individuum darf sich ihr trotzig entgegenstellendie Allheit der Individuen ist ihr Bereich. Sie konstituiert sich ewig neu, weil ihr ewig neue, von -ihr selbst erzeugte Individuen Zuströmen. Und ihre Zusammenschließüng, oder genauer: ihre methodische Entfaltung -kennt keine Ruhe, weil die Kraft der Idee unerschöpflich ist. Nicht mit Unrecht wurde deshalb die in der methodischen Kraft der Idee wurzelnde Ethik als Ethik der Allh eit charakterisiert, weil sich ihre Funktion analog der einer unendlichen Reihe nicht in einer besonderen Wertung einzelner Reihenglieder, einzelner Individuen ausspricht, sondern in der unendlichen Sum- - mierung der unendlich vielen Individuen. Und nur aus ihrer „Teilhabe" an der unendlichen Zusammenschließung erhalten die einzelnem Individuen Wert und Bedeutung. Wenn also die Ethik der Idee Einheit fordert, weil sie die unendliche Fülle der Individualitäten miteinander vereinigt, so kann sie nur als E inheit der Allh eit ihrer begrifflichen Funktion gerecht werden. Mag es sich um eine staatliche oder kommunale Gemeinschaft handeln: sie wird nur dann auf ethischer Grundlage sich erheben, wenn, die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft einzig und allein von der Erfüllung des idealen Gemeinschastswillens abhängig ist. Gegen diese Definition der Allheitsethik macht sich seit alter Zeit eine Strömung geltend, die man kurzer Hand als Mehrheitsethik bezeichnen .kann. Ihr Gedankengang ist folgender: Nicht die Idee und ihre wissenschaftliche Erzeugungskraft bürgen für die wahre Realität einer Wissenschaft, sondern die sinnliche Empfindung. Alles, was ein Dasein hat, das 'sinnlich den Menschen ergreift, das existiert in Wahrheit. Je stärker die sinnliche Affektion ist, desto stärker ist auch der die Affektion bedingende G e g e n st and. So wird die sinnliche Kraft zum Wahrzeichen der wahren Realität erhoben. Ueberall, wo frisches Leben die Massen durchpulst: da ist Bewegung, ist Sein. Ob dieses Sein auch moralisch berechtigt ist, danach fragt diese Philosophie nicht. Denn die Macht entscheidet und nicht das Recht: Das Christentum beherrscht einen großen Teil der Welt, darum ist es wertvoller als das Judentum. Der Uebermensch ist stärker als der Herdenmensch, darum muß der Herdenmensch ihm dienen. Man sieht ' also klar und deutlich, wohin die Mehrheitsethik führt. Es ist der nackteste Solipsismus, wie er durch Stirner und Nietzsche vertreten wird. Niemals aber hätte, eine derartige Anschauung so viel Boden gewinnen können, wenn ihr nicht ein neuzeitlicher Philosoph die logische Begründung verliehen hätte : wir meinen Hegel. I

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