Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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mmmmmrn zu gewinnen suchen, ihre Hoffnungen und Wünsche werden in diesem Lande der absoluten Negierung eher in,Erfüllung gehen als in irgendeinem anderen Lande." Ich seufzte und schwieg — schließt Lilienthal seinen Bericht über diese erste Audienz —; ichsah ein, daß alle Energie, VorsiHt, Biegsamkeit und Geschmeidigkeit des jüdischen Charakters nötig sein würde, um zum gewünschten Ende zu kommen, Und daß daneben die Abneigung und der Widerwille der Juden zu besiegen sei. Ich wußte, daß die Juden noch nicht auf so hoher Stufe der Zivilisation standen, um der Regierung einen Vorwurf über ihre Verweigerung einer vollständigen Emanzipation machen zu können. Anderseits nahm ich wahr, daß die russischen Juden im allgemeinen nicht unter der Stufe der Gesittung, welche das russische Volk einnimmt, sondern sogar höher standen und ich sah ein, daß Grund genug vorhanden seium das Mißtrauen meiner Glaubensgenossen zu rechtfertigen. Jedoch Macht geht über Recht, und ich wußte, daß ich mich zu einem harten Kampf zu rüsten habe. *) In dem auf diese Audienz folgenden sünfwöchentlichen Aufenthalt Dt. Lilienthals im Ministerium, wurdeihm von Seiner Exzellenz eine doppelte Aufgabe gegeben: Erstens, sich mit den berühmtesten jüdischen Männern Deutschland s in Verbindung zu setzen, um die Anzahl derjenigen zu ermitteln, die einen Ruf an die neu zu errichtenden Schulanstalten annehmen würden, und zweitens an der Ausarbeitung der nötigen Vorarbeiten, Pläne, Entwürfe usw. unter der stets persönlichen Leitung des Ministers teilzunehmen. Nach Riga zurückgekehrt, setzte Dr. Lilienthal fort, die ihm gewordene Aufgabe auszuarbeiten, und gegen Ende des Jahres 1841 erhielt er ein Reskript -des Direktors des öffentlichen Unterrichts, Fürst Shirinskh-Schichmatow, sich nach der angesehensten Gemeinde Wilna zu begeben, „die Gesinnungen, die Art und Lebensweise dort, die ihm noch ganz fremd waren, an Ort und Stelle zu studieren, zu erwägen, nn welcher Art, in welchem Geist, mit welchen Mitteln die Schulen zu errichten wären, und wie weit dieses alles mit den entworfenen Vorarbeiten übereinstimme, oder inwiefern diese abgeändert und der Gegenwart angepaßt werden müßten."2) Diese ministerielle Order wurde auf Ersuchen des Ehrenbürgers Nissan Rosenthal aus Wilna herbeigeführt, der den Wunsch und die Möglichkeit vorstellte, auch in der jüdischen Metropole eine mustergültige Schule zu errichten. Die Opposition, die Lilienthal auf seiner Tour fand, war aber nicht jener Widerstand, dem wir bei anderen unwissenden Volksmafsen gegen Bildung begegnen, sie war vielmehr im Wesen des jüdischen Volkes zu suchen, in der eifrigen Wacht' über sein heiliges Gut, die Religion der Väter, die in ihrer überlieferten Reinheit zu schützen war. Der Widerstand, der jüdischen Gemeinden war nicht die. Frucht der Unwissenheit, sondern entstand aus bangen Beklemmungen um ihre teuersten Nationalgüter, die sie durch die geplanten Neuerungen bedroht glaubten. Nur dieses Bedenken sprachen tief besorgt. die Aelteften der Gemeinde Wilna aus, als Lilienthal ihnen den Wunsch der Regierung vortrug, die Juden sollten sich moderne Bildung aneignen, dem Zeitgeist Rechnung tragen und Schulen stiften. Ein Konnte führte mich in das Versammlungszimmer, woselbst ich etwa hundert Gemeindevertreter, sämtlich mit ihrem Schnbetze und ihren Pelzmützen antraf. Ich fühlte mich so einsam zwischen all diesen fremden Gesichtern, der einzige „Deutsche!" zwischen lauter polnischen Juden. Ich teilte der Versammlung mit, daß mein „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1855, Nr. 21:. Dr. Lilienthal, Aufenthalten Rußland (nach The Israelite). H Lililenthals Brief in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" 1842. Nr. 40, S. 603 bis 604. Besuch nicht von offiziellem Charakter sei; sie alle seien doch davon unterrichtet, .daß der Kaiser einen besonderen Ausschuß erwählt habe, um die Angelegenheiten der Juden in Betracht zu ziehen, daß die Regierung entschlossen ,sei, eine heilsame' Äenderüng einzuführen und daß.ihre Absichten jetzt der Ausführung nahe seien. Der Minister Uwarow, ein Freund der Juden habe mich nun beauftragt, Meinen Glaubensbrüdern zu sagen, daß sie ja nicht die sich ihnen darbietende Gelegenheit wieder so entwischen -lassen möchten, wie zur Zeit des Kaisers Alexander, wo die nach der Hauptstadt berufenen Abgeordneten in der größten Ungnade wieder entlassen worden waren; daß es des Ministers Wunsch sei, die Juden möchten dem Geiste und den Anforderungen der Zeit gemäße Schulen errichten, ehe die Regierung genötigt sei, es ihnen zu befehlen, oder sie dazu, zu zwingen, und daß sie. durch , ein solches Verfahren sich die Gunst der Regierung gewinnen würden. Da er nun wohl wisse, welchen Einfluß die jüdische Hauptstadt Wilna über die Juden im allgemeinen ausübe, so hoffe er. daß sie, mit glänzendem Beispiel vorangehend, die ganze Sache in die Hand nehmen und dadurch die Wohltäter ihres Stammes werden. Man hatte mir still und aufmerksam zügehört. Die Alten saßen, in tiefes Nachdenken versunken. Einige von ihnen, auf ihre silbergeschmückten Stöcke gestützt, oder auch ihre langen Bärte streichend, schienen von ernsten Gedanken und wohl zu rechtfertigenden Zweifeln bewegt, bis endlich ihr Oberhaupt die bedeutungsvolle Frage tat: „Doktor, sind Sie aber auch mit den Beweggründen unserer Regierung bekannt? Das Verfahren, welches man gegen alle, äußer gegen die griechischen Christen beobachtet, zeigt deutlich, daß die Regierung beabsichtigt, nur eine einzige Kirche im ganzen- Reiche zu haben, daß sie nur ihre eigene Macht.und Größe, nicht aber unser künftiges Wohlergehen im Auge hat; mit Bedauern müssen wir bekennen, daß wir nur geringes Vertrauen in die nbuen, von dem Ministerrat vorgeschlagenen Maßregeln setzen und nur mit trüben Ahnungen in die Zukunft schauen." „Ich war auf Ihre -Abneigung vorbereitet," antwortete Lilienthal dem achtungswerten alten Manne (CH. N. Parnes), der den Gefühlen der grauhaarigen, silberbärtigen Gesellschaft Worte geliehen hatte, die vorliegende Frage ist diese: Können wir die drohende Gefahr durch die nutzlose Antwort abwenden, daß wir nichts mit der ganzen Sache zu tun haben wollen? Ich bin überzeugt, die Angelegenheiten der Juden sind jetzt in solchen Händen, aus denen sie nicht unerörtert wieder herauskommen. Was können wir durch eine vorsätzliche Widersetzlichkeit erreichen? Wir werden uns nur die Unzufriedenheit der Regierung zuziehen, einen gerechten Unwillen erregen, und uns nur noch größeren Gefahren aussetzen. Ich habe viel über diesen Gegenstand, nachgedacht; doch nach reiflicher und ernster Ueberlegung gefunden, daß es bei weitem das Beste ist, die Sache sofort in die Hand zu nehmen, und dadurch, daß wir selbst Schulen nach unseren eigenen Plänen, Mitteln und unter unserer eigenen Oberaufsicht eim führen, den Maßregeln der Regierung zuvorkommen." „Doch," fragte ein anderer Herr, „welche Sicherheit können Sie uns bieten, daß unsere Religion nicht angegriffen wird?" „Mein Herr," erwiderte Lilienthal, „in Rußland geboren, wissen Sie um ein gut Teil besser als ich, daß es mir unmöglich ist, ihnen von seiten des Departements irdendwelche Garantie zu geben. Der Wille des Kaisers ist unbeschränkt und über alles erhaben; er kann heute zurücknehmen, was er gestern versprach; er wechselt mit seinen Beamten und ihren Systemen, wie sollte ich, ein armer Fremdling, imstande sein, Ihnen irgendeine Sicherheit zu bieten? Ich bin nicht dazu bevollmächtigt; alles, was ich als Ihr Glaubensbruder versprechen kann, ist, daß ich . in dem Regierungsplane nicht einen Schritt weiter gehen werde, als ich die vollständige Zusicherung habe, daß nichts gegen unsere heilige Religion unternommen werde, daß es mir erlaubt sei, mein Amt niederzulegen, sobald ich mich vom Gegenteil überzeugt habe, und daß ich mich durch keine Beleidigung von seiten meiner Brüder von dem in dieser heiligen Stunde gegebenen Versprechen lossagen werde." Diese zu Herzen gehenden, innigenWorte des edlen Mannes, die in dieser ernsten Stunde in einen Schwur ausklangen/ beruhigten die Gemüter und flößten Vertrauen ein. Da wurde ein anderes Bedenken zur Sprache, gebracht: