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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-01 · Heft 35 (1.9.1911) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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jüdischen Patrioten ehrt, daß man ihn irber mit voller Erüschrederrheit als-Sohn'Gottes und als den Messias abweist. Diese Anerkennung'helfe wohl dazu, „zwischen den freiheitlich gesinnten Christen und den Jesum in modernem Lichte anschauenden Juden eine Annäherung .anzrrhahnen... . . Mer die verbreitetste Richtung unter den. Juden zielt doch -nicht ,auf' eine Verschmelzung -mit .den übrigen, sondern auf Eine, moch schärfere Betonung derjüdischen Besonderheit ab. Die moderne jüdische Mnerkennung -der Person Jesu Mente -nur zur Verherrlichung des Judentums und zur Aufforderung an -die -Christen, nach dem Vorbilde Jesus zum -Judentum zurückzukehren. „Für solche'Gedanken werden aber auch die freisinnigen Christen je länger desto weniger zu haben sein. Jesus muß den Juden noch ein anderer werden. Nur. der Erlöser, Versöhner und Sündenheiland Jesus Christus kann ihnen Helsen und sie schützen.gegen.alle.Feindschaft und. Gehässigkeit der Völker, gegen anbrausende Stürme der.Zeiten." Diese Schrift begnügt sich nlso michtmit der Anerkennung der Person Jesu iunserseits, sondern -sie fordert -zu l etz 1 -klar, deutlich und offen die Juden?zur Abtrünnigkeit, zur Verleugnung -ihrer tiefsten Ueberzeugung, zur Preisgabe ihrer wahren Erkenntnis, zur 'Gewissenlosigkeit, zur Lüge auf. 'Und als Mittel benutzt sie noch die Drohung, die Einflößung von Furcht vor kommenden Schrecknissen und Wirrnissen. Doch diesbezüglich kann der Verfasser beruhigt sein. Israel hat es im Laufe seiner langen, sehr .alten Leidenszeit zur Genüge bewiesen, daß .es in religiösen .Angelegenheiten, .auf dem Gebiete der Religion keine Menschen- und Völkerfurcht kennt, daß es immer der Devise gehuldigt hat: „Fürchte Gott und sonst niemanden in der Wellt". Unvergleichlich gerechter und mit mehr Wahrheitsliebe läßt -sich eine andere Stimme neuerdings über-Christentum und Judentum vernehmen. Nach dem Bericht des ^Berliner Tageblatt" hat Herr Pastor 'Kraatz jüngst in seiner Kirche zu Charlottenburg über den Text Evangelium Markus. 12, 28 bis 34 gepredigt. Schon dieser Text allein, welcher die vorn eh m sten Gebote der Einig ke.it des.Ewigen Gottes.und der hingebungsvollsten Zi ehe zu ihm .sowie der Nächstenliebe enthält, beweist,.daß das wahre Wesen des -Christentums das Judentum ist. .Und dies erkennt der Redner-auch vollkommen an. Er verwirft und verdammt daher als unsinnig, gedankenlos und unreif jeden Antisemitismus, jede Art von Judenhaß. Dennoch aber erscheint ihm als die einzige Religion, die unserer Zeit angemessen sei, nur das Christentum. Das Judentum dünke ihn die Jugend der Welt, das Christentum die Reise.; Wir erkennen >es wohl an daß .ein Pastor seilNer Religion ir ge nd einen Vorzug vorEineranderen einzuräumen sich getrieben und angeregt fühlt.- Wir aber 'können doch einen-wesentlichen Vorzug nicht anerkennen. Worin soll sich denn eigentlich das Judentum als die Jugend und das Christentum als die Reife der Welt bekunden? An Erfahrung und an weisen Lehren ist doch wohl dasJudeNtum weit reicher als das Christentum, das erstaus jenem geboren ist und den Reichtum an Wahrheit nur von ihni empfangen hat. Wie schon Mose unser Lehrer ein veif er, .achtzigjähriger Mann war, als er zürn Führer .unseres Dolkes.beruf.en wurde, so ist auch seine unvergängliche L e h r-e allezeit als eine r eise erkannt und durch die verschiedenstenErrungenschaften der Neuzeit auf sozialem Gebiete als solche auch wieder best äti gl worden. - . .. Lin drutlchrr Kiomrr. (Dr. Lilient-Hals Kulturversuch in Rußland.) Von Leon Sch ein Haus-Memel. . II. : Tm-ungeftört von anderen Besuchen und Audienzen zu sein, /war Dr. Liicnthal eine Abendstunde bestimmt worden, die zu einer dreistündigen Audienz bei dem Minister Uwarow sich verlängerte. An der Hand der historisch gewordenen verschiedenen Angaben Dr. Lilienthals führe ich den Verlauf,jener denkwürdigen Epoche mit folgendem an: Ich hatte an jenem Abend (Januar 1841) — schreibt Dr. Lilienthal -7- Eelegenheit, in dem hohen-Staatsmanne den humanen Menschen verehren und bewundern zu lernen. Der Minister beklagte-sich in dieser ersten Audienz: „Die Juden stehen aller und jeder europäischen Zivilisation entgegen. Sie beengen sich in ihrer eigenen Sphäre, unbekümmert um alles das, was außer ihnen und um sie vorgeht, und bis jetzt war kein Mittel ausreichend, um'sie aus ihrer Lethargie zu-wecken. Unsere Schulen stehen ihnen offen (?), jedoch sie besuchen dieselben micht, sie verwenden ihre ganze Zeit auf ihren Handel und auf das Studium ihres Talmuds. Der Kaiser ist dieser erfolglosen Versuche müde; 7er wünscht, daß etwas Wesentliches schnell-geschehe; und wenn die Juden -diese Zeit vorübergehen. lassen, ohne ihren guten Willen, den Absichten des Kaisers-entgegenzukommen, zu zeigen, so fürchte ich, es stehen ihnen bhse .Zeiten bevor, wohingegen' die glänzendste Zukunft ihnen gewiß ist, wenn sie.diese Gelegenheit ergreifen, um sich mit der europäischen Zivilisation zu verschmelzen. Ich bin ein Freund Ihres Volkes; glauben Sie mir, hätten wir .hier solche Juden, wie ich sie in den verschiedenen Hauptstädten Deutschlands an getroffen habe, wir würden sie mit der größten Auszeichnung 'behandeln, aber unsere Juden sind ganz verschieden von denen in anderen Ländern." Dr. Lilienthal erwiderte: ,-Als Fremder, dem sowohl die-Absichten der Negierung, wie auch der geistige, moralische und politische Zuständ der-ruffischen Juden ganz unbekannt ist, würde ich unrecht -tun,- -wenn ich eine.bestimmte Meinung abgeben wollte. Dessen ungeachtet wollte ich wagen meine Gedanken.auszusprechen. Die jüdische Erziehung müsse aufhören eine rein talmudische zu sein; so lange sie die besten Jahre ihrer Kindheit ausschließlich auf das Studium der hebräischen Bücher verwenden, würden sie immer abgesondert bleiben, ohne sich an 'der allgemeinen Zivilisation zu beteiligen. Doch unter den gegenwärtigen Verhältnissen könnten sie unmöglich die öffentlichen und höheren .Schulen ^besuchen, da sie die Landessprache, in welcher die verschiedenen Gegenstände gelehrt werden, nicht hinreichend verstehen, und sie außerdem voller Mißtrauen sind, ihre Kinder-möchten indem sie eine-andere Lebensweise kennen lernen, sich ihrer Religion entfremden. Es schiene mir deshalb also äußerst notwendig, jüdische Schulen für dieselben zu errichten, damit sie ihrerseits den Religionsunterricht überwachen könnten, und anderseits die Regierung die Gewißheit 'habe, daß 'die Kinder in den verschiedenen Zweigen unterrichtet würden, welche zu ihrer künftigen -bürgerlichen und politischen Entwicklung notwendig sind." Ms -der Minister sich mit dieser Anregung Dr. . Lilienthals vollständig emverstandLN erklärte und ihn damit beauftragte, -einen Plan .nuszuarbeiten, faßte Dr. Lilienthal Mut, aus die von dem Minister getadelten Mißstände des jüdischen Lebens seine Entgegnung sortzusetzen: „Jedes Hindernis, würde -leicht überwunden werden, -wenn der Kaiser den Juden auf einmal eine .vollständige und gänzliche Emanzipation bewilligen würde. Dies ist -die einzige Lösung des Rätsels, welches.so viele bedeutende Staatsmänner zü enträtseln suchen. So unbekannt ich auch mit dem Charakter der russischen Juden bin, so wage ich' doch zu verbürgen, daß sie nach Verlauf von zehn Jahren die kühnsten Erwartungen der Kaiserlichen Regierung übertroffen haben usw." Der Minister.antwortete darauf.ablehnend: < „Die Juden müssen den Anfang machen, sie müssen die Gunst des Kaisers

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