Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
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Die schmalen Rechte, die die Indens rilMgW^esich^ gierte Kategorien der Inden, noch besitzen, werden 'in der 'herzlosesten und brutalsten Form beschränkt. Es hat keinen Zweck, sämtliche; Fäller.aufzuzählen, die in der letzten Zeit aus-diesem Gebiete bekannt geworden sind. Man könnte Spalten mit den neuesten „Entscheidungen" des Senats und Maßregeln der Administration, die namentlich auf die Beschränkung?deK-„WohnrLchM" ^nzWn^^KsüllenA-.Mir wollen' nur zwei Beispiele , herausgreifen/ Stolhpinschen Iudenpvlitik besonders kraß offenbart, -nMliE'die^ Frage der „Datschi" (Landhäuser) und der Beteiligung der Juden am Handel. In Rußland sind die Städte mei'te ns hygienisch so außerordentlich mangelhaft ausgerüstet, daß der Aufenthalt in ihnen während des Sommers eine wahre Qual ist. Jeder, der nur die Möglichkeit dazu hat, mietet sich daher in der Umgebung der. Stadt eine „Datscha", wo man wenigstens frische Luft ein» atmen und dem Staub und den sonstigen antihhgienischen Verhältnissen der Stadt entrinnen kann. Der Familienvater, der in der Stadt zu tun hat, hält sich während der Geschäftsstunden in der Stadt auf und fährt dann am Abend oder für die Feiertage zu seiner Familie auf die „Datscha" hinaus. Nun gibt es in Rußland einige Kategorien von Juden. namentlichHanhwerker, welche außerhalb des jüdischen „Ansiedlungsrahous" nur unter der Bedingung wohnen dürfen, daß sie sich mit ihrem Gewerbe beschäftigen. Begeht ein solcher Mann das Verbrechen, etwas anderes zu tun, zum Beispiel wenn sich ein Schneider untersteht, einen Laden zu eröffnen, in dem er nicht nur von ihm verferti gte Kleidungsstücke, sondern Fabrikate einer anderen Firma verkauft, so wird er unbarmherzig ausgewiesen In den letzten Jahren wurde es nun unter Stolypin üblich, dieses Gesetz so zu deuten, daß diese Juden auch nicht das Recht haben, auf einer „Datscha" zu wohnen, weil ihnen nür gestattet ist, sich in der Stadt aufznhalten, wo sie sich mit ihrem Gewerbe beschäftigen. Da sie das aber auf der „Datscha" nicht tun, müssen sie in der Stadt bleiben. Somit werden die jüdischen Handwerker wie ihre Kinder gezwungen, im Sommer. in der unerträglichen Stadtluft zu bleiben und ihre Gesundheit zu ruinieren, damit das „Gesetz" nicht verletzt wird. Es vergeht kaum ein Tag in diesem Sommer, an dem die Zeitungen nicht melden würden, daß dieser oder jener. Gouverneur die Juden von den „Datschi" ausweist. Nicht weniger merkwürdig ist der Feldzug, den Stolypin jetzt gegen die Beteiligung der Juden an dem Handel unternimmt. Vor einiger Zeit wandte er sich in einem Schreiben an die Minister der Finanzen Kokowzew und des Handels Timoschew, in dem er ihre Aufmerksamkeit darauf lenkt, daß der Anteil der Juden an dem Handel, namentlich an dem Getreidehandel, sehr groß ist Und ihnen den Vorschlag macht, Maßregeln zu treffen, um den Juden den Kredit bei den Banken zu beschränken. Kokowzew und Timoschew antworteten,, daß siH das sehr schwer machen lasse, da die Banken nach dem Gesetz bei der Kreditgewährung an eine bestimmte Person sich nicht um die Nationalität kümmern können. Stolypin gedenkt aber, wie die Zeitungen melden, die Sache weiter zu verfolgend Nun muß man sich nur vergegenwärtigen, daß der Premierminister von den Banken verlangt, sie sollen einem jüdischen Kaufmann, der Vertrauen verdient, keinen Kredit gewähren, dagegen aber Unternehmungen von „echten Russen" finanziell— wohl aus^patriotischen"- . klar^ einzusehen.. welchen bedenklichen . ©wi von-^MLi^MhrÜMei<eigentli ch^die „nationalistische" Politik.. Stolypins erreicht hat. Es verlautet, daß er mn Herbstin-dieser Hinsicht energisch Vorgehen, will/' Die Juden gehen also in Rußland einer weiteren, sehr ernsten Verschlimmerung ihres Schicksals entgegen. Stolypin wird sich nicht mehr damit begnügen, sie auf juridisch-poli- MKerwOchiet zu verfolgen, sondern auch auf wirtschaftlichem -GebreLtz^Dabei ^hat er . selbst noch in den Jahren 1906 und 1907, die Notwendigkeit anerkannt, die Lage der russischen Juden zu verbessern. ♦ Aus Tanger wird geschrieben: Das hiesige englische Blatts.-„Al - Moghreb al-Aksa" veröffentlicht Auszüge aus einem ihm zugegangenen Briefe aus Mekines vom 7. August, die einesehr anschauliche und drastische Vorstellung davon geben, auf welche Weife die dortige französische Besatzung ihre „zivilisatorische Mission" Ausfaßt und durchführt: Die französischen Soldaten,so heißt es in dem.Briefe, gehen in den Judenhäusern von. Mekines herum und zwingen die Bewohner, den Revolver Hii der Hand, sich ihren unsittlichen ' Forderungen zu fügen. Die Woche zuvor waren zwei von ihnen in das Haus eines Juden eingedrungen und hatten sich an sein Weib gemacht; die Tochter entfloh bei diesem Anblicke auf die Straße und schrie um Hilfe, worauf einige, die zufällig des Weges kamen, ihr beistanden und : die Soldaten aus dem Hause herausbeförderten. Als aber der Mann die Angelegenheit einem Sergeanten vortrug, erhielt er nur die Antwort: „C’est le droit^ de Thomme, mon ami!K Schöne Kulturträger diese französische Soldateska! Professor Dr. Jasse. Orokellor Dr. tfatö wurde am 11. August 1858 in Posen geboren und starb daselbst am 6. September 1909. Sein Vater war der im Jahre 1880 verstorbene Geheime Kommerzienrat Bernhard Jaffö, dessen außerordentliche Verdienste um das hiesige Gemeinwesen auch der heutigen Generation stoch gegenwärtig sind. Max Jaffö besuchte das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, verließ es 1876 mit dem Zeugnis der Reife. Zunächst widmete er sich dem Studium -der Naturwissenschaften, insbesondere Chemie und Mathematik ustö wandte sich später dem Medizinstudium zu, dem er in Bonn, Göttingen und Berlin oblag. Hier promovierte er mit einer Dissertation über „Darmnaht". Nach dem Staatsexamen trat er sogleich als Assistent in die Volkmannsche Klinik zu Halle ein, wo er mehr als 5 Jahre blieb. Dann ließ er sich 1886 in Posen nieder. Seine Fähigkeiten schufen Hin einen Ruf in Stadt und Provinz und darüber hinaus, namentlich nächdem er 1896 an dem jüdischen Röhrschen Krankenhaus, das er in mustergültiger Weise einrichten geholfen hatte, chirurgischer Chefarzt geworden war. 1902 übernahm er auch die' Leitung der chirurgischen Station des