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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-01 · Heft 35 (1.9.1911) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 412 (sequence 4)
Language
German
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Suchen wir nun die' Schlüsse - aus , den angeführten Daten zu.7 ziehen, so ergibt sich folgendes: ' : •' J .1. Die israelitische ist eine-TeilerfchLinung^er^drütschenAb- Wanderung. Die .dadurchentstehenden "Berlüstekommen nn^der? Statistik^als 'Verluste des Deutschtums gegenüber dein -Polentum , zum Ausdruck. - - 2. Da sie besonders stark ist, schwächt sie die Stellung des Deutschtums erheblich. - 3. Da ihre Ursachen sortdauern^ ist vorläufig ein Stillstand nicht anzunehmen. Eher steht zu erwarten,- daß die neuerliche Verschärfung : des Nationalitätenstreits in Oberschlesien auch dort zunächst eine, etwas stärkere Abwanderung verursachen könnte. ' . 4. Da die israelitische Bevölkerung gegen früher bereits erheblich abgenommen hat, ist vorauSzusehen, daß ihre Abwanderung in absehbarer Zeit relativ zurückgehen wird, d. h. das deutsche Sprachgebiet wird durch die israelitische Auswanderung künftig etwas geringere Verluste erleiden. 5. Dieser Teil der Abwanderung schwächt ausschließlich die städtische deutschsprechende Bevölkerung. Das staatliche Ansiedlungswerk vermag hier nur indirekt geringen Einfluß zugunsten der . deutschen Stadtbewohner auszuüben. Sollen demnach die Städte, namentlich die kleineren, nicht dem Polentum ausgeliesert Wörden, so ist eine umfassende Vermehrung und Kräftigung des deutschen städtischen Mittelstandes unbedingt geboten. Aus London wird gemeldet: Die Streikbewegung in Großbritannien, die eigentlich doch nur ein Kampf um eine bessere soziale Stellung der Arbeiter ist, hat, wie bereits kurz gemeldet worden ist, in einigen südwalisischen Städten,, wie Tredegar, Ebbw Vale und Rhymneh zu -antisemitischen Kundgebungen geführt, die in England bisher so gut wie unbekannt' waren. In Tredegar mußten die Aufruhrakte verlesen werden, die,. Polizei mußte mit ihren Knüppeln Eingreifen, und das Militär haM' schließlich die Straßen mit ausgepflanztem Bajonett vom Pöbel zu befreien. Ebbw Vale und Rhhmney waren eine Zeitlang vollständig in der Gewalt der Ausschreitendem. Die Zähl der Verwundeten unb Verhafteten war ziemlich beträchtlich., ebenso her Schaden an <per^ sö'nlichem Eigentum. An allen drei Orten richtete sich aber diG Ha.nptwut der Ausschreitenden gegen die Klasse der jüdischen Händlers und die Tatsache, daß deren Läden und Geschäftslokale das Ziel^ objekt der Angriffe bildeten, zeigt eine Phase von Gesetzlosigkeit, die bisher in England sich seit Menschengedenken noch nicht ereignete.' Ein Stolz des Engländers war es bisher, daß antisemitische Kundgebungen, wie sie in den verschiedensten Ländern aus dem Kontinent sich so häufig ereigneten, in seinem Lande nicht vorgekommen warem Am vorletzten Sonnabend bereits fanden Angriffe aus Läden jüdischer Bewohner in Tredegar .statt, und am Montag liefen die, Gerüchte um, daß derartige Ausschreitungen noch einmal, aber in größerem Maßstabe stattfinden würden. Am Dienstag wurden nun, diese Drohungen zur Ausführung.gebracht. Die Wut der Menge richtete sich diesmal gegen die Privathäuser der Juden, und die Angriffe fanden am hellen Tage statt. Die jüdische Gemeinde sandte, einen scharfen Protest an den Minister des Innern, der.die Erklärung abgab, daß alle Vorkehrungen getroffen werden sollen, um. eine. Wiederholung der Plünderungen zu vermeiden. In London wurde, in den jüdischen Gemeinden die Nachricht von den antisemitischen Kundgebungen mit großem Bedauern ausgenommen. Rassenhaß und daraus resultierende Ausschreitungen sind, wie gesagt, vollkommen, ungewöhnlich in Englands täglichem Leben, so daß dieser Ausbruch in Wales überall große Ueberraschüng hervorrief.;. ' ■■ *: . . ■ ■■■ - Ganz nach russischem Beispiele ist kürzlich auch in Siumänien eine Ritualmordhetze inszeniert worden.. Ein in der Hauptstadt dieses.„Kulturstaates" erscheinendes Blatt „Viitorul"brachte einen detaillierten Bericht, über einen „Ritualmord", den ein dortiger jüdischer Kaufmann namens Fmkelstein an einem kleinen Knaben eines in Bukarest wohnenden-Reichsdeutschen begangen haben soll. Das genannte Blatt erzählt hierin seinen-Lesern, daß,^er1JUdeVWWteinWeu-chWlichen Knaben Pace' in sein Haus .'geloM, ihm Blut ab gezapft,' um M rituellen Zwecken zu verwenden." Hierzu bemerkt die Wiener „Sonn- und^MonltaWZZeitung"-: ' „Wir würden denfrechen Ausstreuungen dieses Blattes keine Beachtung widmen, wenn uns nicht ein. nicht außer acht zu lassendes' Moment zur Stellungnahme zwingen' würde. Esist dies die bedeutsame Tatsache, daß der obzitierte „Viitorul" das Leibblatt des gewesenen Ministerpräsidenten Bratiano ist, der bekanntlich durch eine . Intrige den alten Staatsmann Demeter Stourdza in ein Irrenhaus sperren ließ, dadurch sich selbst auf den Posten eines Parteichefs vorfchob und durch bestellte und bezahlte.Bauernrevolten sowie unver-; hüllte. Drohungen sgegen die königliche Dynastie seine Ernennung zum Ministerpräsidenten vom König erzwang. Es darf Nicht unerwähnt bleiben) daß dieser Mann,, dem vom Blatte „Adeverul" und dessen Herausgeber Herrn Konst. Mi lle die schlimmsten-Dinge, schwere Delikte,' darunter auch wissentlicher Betrug, nachgewiesen wurden, sich; „liberal? nennt •—lucus ä non lucendo — und daß die Partei, an deren Spitze er steht, offiziell den Namen „liberale Partei" führt. Es kljngt-wie bitterer Hohn auf das Wort „liberal", wenn sich auch das Blatt „Viitorul" als „liberales" Blatt bezeichnet und als „Organ der liberalen Partei" sich nicht schämt, durch lächerliche Ammenmärchen die blutrünstige Hetze gegen , wehrlose Menschen in Szene zu setzen. Die Beweggründe dieser verleumderischen Kampagne sind unschwer zu erraten. Heißer Machthunger des sattsam bekannten Bojaren Bratiano und seiner Genossen ist das Leitmotiv dieser niedrigen Hetze, und die Soldschreiber vom „Viitorul" haben nun auch davor nicht zurückgeschreckt, auf Geheiß ihres Gebieters die oft und oft widerlegte Blutlüge aufzutischen und, ohne mit einer Wimper zu zucken, von abgezapftem Blut zu rituell jüdischen Zwecken zu sprechen. Jonel Bratiano, dessen einziges Verdienst lediglich darin besteht, daß er der Sohn seines Vaters, des großen rumänischen Staats-' mannes Ion Bratiano ist, hat — es kann dies zu seiner Charakteristik nicht oft genug gesagt werden — erwiesenermaßen im Jahre 1907 die blutigen BäÜernrebolten arrangiert, durch dieses verbrecherische Mittel die konservative Regierung Bäntacuzene gestürzt und sich selbst dadurch in den Regierungssessel geschwungen. Heute versucht es dieser Mann, der durch die enthüllte diffamierende Ratesti-Affäre das Vertrauen des Königs verloren und seine. Demission geben" müßte, durch diese Ritualmord hetze Judenpogrome zu stiften, um dem Staatsmanns Peter Carp die Zügel der Regierung aus der' Hand zu reißen und sich und seine ausgehungerten Parteigänger' neuerdings an den Staätskrippen festzusetzen. Wir wollen jedoch hoffen, daß die gegenwärtige Regierung Cärp stärk genug sein wird, um diese sträflichen Machinationen rechtzeitig zu durchkreuzen, und daß sie Mittel und Wege finden wird, um dem „Viitorul" rechtzeitig das Handwerkzu legen. Ein geharnischtes Kommunique der Regierung gegen die aufgetischte Blutlüge wird alle Gemüter beruhigen und die Absicht des Sprachrohres der famosen „liberalen" Partei wirksam vereiteln." - - * ■' " Von bedeutsamen politischen Ereignissen in Rußland ist gegenwärtig nichts zu melden. Rur hie und da wird die sommerliche Stille durch eine reaktionäre Maßregel des Unterrichtsministers Kosso unterbrochen, der sich offenbar bemüht seine bildungsfeindlichen Vorgänger zu übertrumpfen. Abgesehen von dieser Tätigkeit Kossos, ruht sozusagen die Regierungsmaschine fast ganz. Doch nicht ganz, wie der „Pefter Lloyd" richtig bemerkt. In einer Beziehung arbeitet der Mechanismus außerordentlich ' präzis und mit der gewohnten Energie: in der Verfolgung der Juden. „Was sich gegenwärtig das Ministerium Stolhpin. auf^diesem Gebiet leistet, übersteigt sowohl absolut als auch relativ alles, was bisher von den zahlreichen Vorgängern Stolypins, unter denen es an Antisemiten. wahrlich nicht fehlte, vollbracht wurde. Es - ist ein förmlicher Kreuzzug aller VerwältungsreffortS gegen die Juden.'

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