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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-08-25 · Heft 34 (25.8.1911) · p. Seite 408

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 408 (sequence 12)
Language
German
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unverändert, ebenso ruhig, ebenso freundlich ernst - als früherobschon er wußte, daß man ihn angeklagt habe und wissen konnte, daß dies kein gutes. Ende nehmen könne. Liweitzer brachte, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Bücherzimmer die riesigen 'Folianten herein und legte dieselben - vor den Rabbi hin. Der Rabbi begann in dem allergrößten zu blättern, und jedesmal bewegten sich auch dabei seine Lippen, als ob er sprechen wollte, doch er sprach nicht. Die Studenten sahen dies sein Ringen, und ihr Herz schlug heftig, als sie seine Vorbereitungen zum Sprechen beobachteten. Na, jetzt kommt das Ungewitter. Und sie beruhigten sich wieder, als sie sahen, daß der Rabbi wieder in dem Buche blättere. Das Gewitter kommt noch nicht über ihr Haupt; später wird es ja gewiß stürmen. Der Rabbi blickte bald auf Liweitzer, bald in das Buch. Mehr in das Buch, als auf Liweitzer. Ausj dem Buche lächelten ihm bekannte Buchstaben entgegen und, als ob es gar keine Buchstaben, sondern lebende Menschen waren, riefen sie ihm zu: So komme doch, wir warten auf Dich. Die Augen des Rabbi erglänzten, seine Stirne hellte sich auf, sein Haupt sank tiefer auf das Buch, als wollte er die daraus erj klingende Musik in seine Seele saugen, und dann vergaßt er alles, alles. Er vergaß den Bäcker, er vergaß Spinoza, iy I dessen schmachvolle Fußstapfen sich Liweitzer verirren wollte... Seine zitternde Hand strich über den grauen Bart, und leises Murmeln kam von seinen Lippen. Er las den Text, den geheimnisvollen, den hundertfach lösbaren. Zuweilen mußte er innehalten, wie wenn sich in der Rinne die Gewässer stauen, wenn der Regen in Strömen hineinfließt. . Hernach ergoß sich sprudelnd seine Rede. Die These war wunderschön. Er ließ Seidenfäden,hervor? schießen wie die Seidenraupe, die sich einspinnt, und eine-geheime Hand faßte die zähen Fäden und spann sie um den , Verstand; und um die Herzen/ bis "diese ganz eingesponntn waren >'*' i Aus den Augen glänzte ein Feuer, wie aus denen der Opiumraucher, wenn sie in ihren Delirien träumen. Doch die wahre Wonne folgt erst jetzt. Der Rabbi nimmt mit zarter Hand jene Seidenfäden auseinander. Schon das ist eine schwierige Arbeit, doch ihm genügt sie nicht. Der Rabbi sehnt sich nach künstlerischen Genüssen, nach solchen, die blenden, nach solchen, die betäuben. Und wie er die auseinander laufenden Fäden der These zusammenfaßte, wob er aus ihnen auf der Stelle solch buntes Leuchten, daß die Studenten es unterjocht anstaunten. Hier dachte man jetzt weder an den Bäcker, noch an etwas anderes. Der Zauber zitterte noch in den Herzen nach, als da plötzlich Liweitzer das Wort ergriff: „Rebbe, die These läßt sich vielleicht auch anders erklären." Wenn es bisher schon ein Hochgenuß war, so wurde dieser jetzt noch erhöht. In der Jeschiwa ist der Disput die allergrößte Wonne. y Und Liweitzer sprach: Er begann leise, mit gesenktem Kopfe. Mit der linken Hand stützte er seinen rechten Ellbogen, und in der rechten Hand ruhte sein Kinn. Seine Knochen, seine Glieder griffen ineinander, so, wie die Bergleute eine unlösbare Kette bilden, wenn sie sich in den Schacht hinablassen. Schwindelnde Abgründe eröffnete Liweitzer vor der mit verhaltenem Atem aufmerksam lauschenden Jeschiwa. Und er ließ sich schwindelfrei auf den messerbroiten Felssätteln herab. Unten aber grub er mit mächtigen Hammerschlägen aus den steinigen Adern das Gold hervor. , Mehr als einmal hatte er durch seinen scharfen Geist die .Jeschiwa bezaubert. Keiner konnte so reden wie er, doch so wie heute hatte er noch niemals gesprochen. Seine Sätze "reiten sich erst leise, weich aneinander, wie im- Meere' die Korallendann wuchs er: gleichsam und mit ihm seine Stimme, und tönend, klingend ergoß sich der Redestrom, wie aus" den Tiefen des Meeres Kraft. Mit schwärmerischer Begeisterung betrachteten ihn die Gefährten, und Puch der Rabbi liebkoste mit weichen, warmen Blicken das flammende Antlitz seines Lieblingsschülers: Und. wie er ihn so betrachtet, da umwölkt sich Plötzlich sein Angesicht und es .spiegelt sich darin der große Schmerz, der ihm in das Herz schneidet. Denn dieser Jüngling hier, der einer Säule gleich da vor ihm steht, trägt ja schon den Keim der Fäulnis in sich. Er hätte die leuchtende Sonne seines Glaubens werden können und er hat seine Se^le derFinsternis geöffnet. Er hätte ihr Ruhm und ihr Stolz sein können und wird ihr Schandfleck werden. Ihr Schandfleck! Liweitzer ihr Schandfleck! Ist dies denn möglich? Der Schmerz, der Zweifel-erschütterten den alten Mann derart, daß sein schönes Patriarchenhaupt immer tiefer und tiefer sank und aus seinen Augen große Tränen, in den silbergrauen Bart flößen. Und als sie dies sahen, da fingen auch die Jünglinge zu weinen an. „Gedalje- Gedalje!" klagte der Rabbi, „daß ich das erlebt habe ..." Jetzt erbleichte auch Liweitzer. „Was willst Du, Gedalje," fuhr der Rabbi fort. „Was ist in Deinem Herzen? Ich habe gehört, ich habe gehört... Wann bist Du dem Versucher erlegen? Wann hat' er Dich verführt? Und wie hat er. Dich verführt? Wenn Du schwach warft warum bist'Du nicht zu mir gekommen? Du hast gebetet und hast gefastet, doch das ist nicht genug. Man muß auch Nachdenken. Warum hast Du nicht' nachgedacht? Du warst am Meere, Du wärest ein Perlenfischer geworden, und Du willst zwischen kahlen, blütenlosen Felsen. Kieselsteine suchen gehen. Warum?" „Lernen will ich," sagte Liweitzer einfach. „Was willst Du lernen? Physik? Wird Dich diese lehren, was die Sterne im Weltenraum hält? Mathematik willst Du lernen? Gibt es denn eine höhere mathematische Wahrheit als jene, daß der eine Gott ein einziger Gott ist? Was willst Du lernen? Geometrie? Erlernst Du aus dieser, was der Anfang und was das Ende ist? Was willst Du, Gedalje? Wo kannst Du mehr lernen als hier. Schöneres/als. hier. Erhabeneres' als hier? Wozu soll Dir die Mathematik, die Grammatik, die Metaphysik? Haben, schon Manschen für die Mathematik sterbenkönnen? Wo sind die Märtyrer der deutschen Grammatik? Und jene der Metaphysik und jene der Philosophie? Wo sind sie? „Ich weiß es nicht," erwiderte Liweitzer. „Wenn es solche gegeben hat, werde ich auch nicht ihrem Beispiele folgen. Mein Herz zieht mich zu jenen, die Juden waren und Gelehrte: Zu Maimonides, zu Äbrabaneh zu Mendelssohn. Der Rabbi erbebte." „Zu Mendelssohn?" fragte er, und seine Betrübnis verwandelte sich plötzlich in drohenden Zorn. „ Zu Mendelssohn," wiederholte Liweitzer, „der den Juden sich selbst wiedergegeben hat, der den Buchstaben getötet hat, um den Geist wachzurufen. Der die Unwissenheit brandmarkte und das Wissen glorifizierte." J (Fortsetzung folgt.) ,

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