Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Leitung des wohlgesinnten, erfahrenen und gründlichen Gelehrten Direktor Lilienthal entstand, erreichte schon eine blühende Entwicklung. Mit Vergnügen bekunde ich , über, die staunenden Erfolge in Geographie, Geschichte und Arithmetik, in deutscher Grammatik und sogar in russischer Sprache. Die gegenwärtige Position dieser frischen Pflanzstätte der Aufklärung übertrifft alle kühnsten Erwartungen und sichert derselben eine freudige glänzende Zukunft."^ Lilienthal selbst erklärt sich die Erfolge wie folgt: „In unserer Schule zeigten sich bald die wirksamsten Erfolge. Unsere jüdischen Knaben machten in allen Lehrgegenständen schnelle Fortschritte, und. besonders diejenigen, die schon vorher im Talmud unterrichtet gewesen waren, zeichneten sich in jeder Beziehung aus. Es ist nicht zu leugnen, daß das Lernen des Talmuds das beste, Mittel ist, die geistigen Fähigkeiten schnell zu entwickeln; es ist nicht bloß Gedächtnissache, kein Studium trockener, öder Begriffe, aber auch ebensowenig ein Feld für eine gehörige geistige Bewegung. Der gedrängte Stil, in welchem der Talmud geschrieben ist. die fortwährend zu entziffernden Hieroglyphen, die verwickelten, verdrehten Labyrinthe, durch die der Geist sich hindurchwinden nruß, alles dies gewährt und zwingt den Lernenden von Anfang an zu einer selbständigen Anwendung des Geistes und befähigt zu jedem Geschäft, welches der junge Mann später erwählen uiag. Diese Wahrheit hat sich genügsam durch die Erfahrungen bestätigt, indem mancher ausgezeichnete Mann in Deutschland, der bis zu seinem 18. Jahre nichts als den Talmud studiert hatte, später, wenn er auf der Universität sich dem Studium der Klassiker oder anderer Wissenschaften zugewandt, in kürzester Zeit zu dem höchsten Grade der Auszeichnung gelangte/?) Lilienthal, dessen Fähigkeiten ihn bald in eine hohe Kulturstellung für das gesamte russische Judentum einsetzten,' mußte nach anderthalbjähriger ersprießlicher Tätigkeit in Riga, 511 größerer Wirksamkeit berufen, seinen bisherigen Posten aufgeben. Die Rigaer Gemeinde und Schule konnten ihn nicht entbehren; auf seine und Dr. Phrlippsons Empfehlung ist daher zu seinem Nachfolger ebenfalls ein. Glaubensgenosse aus Deutschland berufen worden. Um dieselbe Zeit beschäftigte sich der Konseil der Minister und Reichsräte eifrig mit Plänen zur geistigen und ökonomischen Hebung der russischen Judenheit, und als die meisten, die jeden Besserungsversuch verloren glaubten, einfach beschließen wollten, die Juden mit Gewalt zu militärischen Ansiedlern (wojemnje posselenzy) umzuwandeln, haben die Minister der Volksaufklärung Graf Uwarow und der Domänen, der humane Graf Kisselew, gegen diese ungerechtfertigte, widernatürliche Gewalttat lebhaften Einspruch erhoben, so daß die Meinung durchdrang, man sollte Mittel und Wege finden, durch eine freiere, wissenschaftlichere, vom Geist der Religion getragene Erziehung, anstatt des früheren, rein talmudischen Unterrichts, das jüdische Volk aufzuklären und ihm die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft zu eröffnen?) Es war auch des Kaisers eigener Gedanke, daß man die Lageder Inden prüfe, die nötigen Beratungen pflege und danach Maßnahmen zur Gründung eines jüdischen Schulstatuts über den ganzen Raum des Niederlastungsgebiets treffe. Der Minister der Volksaufklärung wurde damit autorisiert, er würdigte mit vollem Verständnis die ihm gestellte große Aufgabe und war sich auch von vornherein klar, daß eine undurchdringliche Mauer zwischen der Absicht der Regierung und dem größten Teil der jüdischen Volksmassen steht; h Margulies ci. a. O. S. 136.?) Lilienthal, Meine Reisen in Rußland (Nach „Thelsraelite“) in Philippsons „Jüdisches Volksblatt" 1856 S. 110. ^) Scheinhaus, Zur Geschichte, der russischen Juden im 19. Jahrhundert. (Berlin 1901) S. 28-39. er bedurfte vor allen Dingen eines mit moderner Bildung reich, ausgestatteten Juden, dem die Kulturentwicklung seines Volkes sehr am Herzen lag, der deninnigen Wunsch begeistert hegte, zu Nutz und Frommen seiner Glauhensbrüder zu wirken, dessen imposante Erscheinung eine Verständigung zwischen den kulturellen Absichten der Regierung und dem Widerstreben der Juden herbeizuführen vermochte. Die Wahl des' Ministers fiel auf den deutschen Juden, auf den ausgezeichneten Direktor der Rigaer Gemeindeschule/ Dr. Max Lilienthal, der aus seiner bayrischen Heimat die schönsten Empfehlungen an. den russischen Hof und die Staatswürdenträger mitgebracht hatte. Er wurde von dem. Munster zum nächsten Ratgeber und Werkzeug seiner Bildungspläne ausersehen und im Januar 1841 nach St. Petersburg befohlen. (Fortsetzung folgt.) ' MK. Monismus und Judentum. 7'r' ' Von Rabbiner Dr. Julius Lewkowitz, Schneidemühl. n den Begriffen Monismus und Monotheismus scheinen zwei grundverschiedene Arten der Weltanschauung zusammengefaßt Izu sein. Jedes monistische System versucht die wissenschaftliche Erklärung der Welt aus einem einzigen, letzten Prinzip. Die unabsehbare Fülle verschiedenartiger Erscheinungen, vor allem der Gegensatz von Natur und Geist, soll beseitigt und auf eine einzige, letzte. Grundtatsache zurückgeführt werden. Der Monotheismus hingegen gibt eine einheitliche, gefühlsmäßige Deutung des Universums, -bezeichnet als den letzten Sinn und Zweck aller Wirklichkeit die Realisierung des Sittlichen. Gemeinsam scheint also beiden -pur das Streben zur Einheit zu. sein, während sie vyn verschiedenen Ausgangspunkten zu verschiedenen Zielen sich bewegen. Demnach, wäre es eine unnütze Mühe, ihr Verhältnis LUeinander bestimmen zu wollen. Ihre einzige Beziehung wäre die, daß sie in keiner engeren Beziehung zueinander stehen. Dies alles gilt unter der Voraussetzung, daß die monistische Theorie den Charakter wissenschaftlicher Erkenntnis besitzt. In Wirklichkeit aber ist sie eine metaphysische Ueberzeugung, die nicht den Anspruch auf wissenschaftliche Geltung erheben kann. Ihren unwissenschaftlichen Charakter erkennen wir daraus, daß sie den Prinzipien wissenschaftlicher Forschung widerspricht. Sie will den Gegensatz von Materie und Geist beseitigen und erklärt sie für identisch. Ebenso aber, wie wir die Materialisierung des Geistes für unmöglich halten und 7 die spiritistische Lehre als Aberglauben bezeichnen, müssen wir die Spiritualisierung des Stoffes, die Verwandlung von Materie in Geist, wie sie der materialistische Monismus behauptet, aus wissenschaftlichen Gründen bestreiten. Die Erfahrung zeigt uns nur, daß zwischen körperlichen und geistigen Vorgängen eine enge Beziehung besteht, deren Gesetz noch genauer zu ermitteln ist, für ihre Identität finden wir nicht den geringsten Anhalt. Der Monismus stellt also eine absolut willkürliche, durchaus subjektive Behauptung auf. Nähme er für sie nur den Rang einer bescheidenen. Hypothese in Anspruch, dann könnte man sie unter gewissen Einschränkungen und Vorbehalten als wissenschaftliche Vermutung, gelten lasten, -ebenso wie auch der Spiritismus von einzelnen Forscherin z. B. Duprel, Lombroso, als wissenschaftliche Lehre verteidigt rvird. Der Monismus tritt aber mit dem Anspruch auf,, die unbedingte und höchste Wahrheitzu bieten. Rein theoretische