Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
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Kommissionen und dem Permanenzausschuß und allen, die sich um drn Kongreß bemüht haben, den Dank ausspricht. Gegen 10% Uhr abends wird der Kongreß unter Äbsingung des Hatikwahliedes und jubelnden Hedadrufen geschlossen.! / , Mn deutscher Monier. (Dr. Lilienthals Kulturversuch in-Rußland.) Von Leon Sch ein h aus-Memel. I. «ine Kultur, eine altjüdische Kultur, gab es allezeit unter den Juden in Rußland und Polen, immer in den alten Bahnen wandelnd, immer in der altväterischen Literatur wurzelnd, zumal es Zeitläufte gab, daß die Literatur der Umgebung kaum noch diesen Namen verdiente und „die Kultur auf ihrer niederen Stufe der vererbten jüdischen nicht gewachsen war". Unter den beklagenswerten Verhältnissen, von Verfolgungen und Bedrängnisten in die Enge getrieben, suchten die Juden ihr stilles Glück im Winkel und in der Erforschung ihrer alten Glaubensquellen, in der Erschließung ihrer altertümlichen Geistesgüter fanden sie ihren einzigen reichhaltigen Trost. Ihre rechtliche Sonderstellung und alle die unzähligen Hindernisse, die ihnen auf der Lebensbahn gelegt wurden, förderten ihre innere Isolierung, die Einseitigkeit ihres Gesichtskreises und die enge Eigenart ihrer Gedankenwelt; die in dieser Absonderung herangebildeten beiden inneren Parteien, Rabbinismus und EhMidismus, wetteiferten miteinanderjedewZüzug aus der freien Außenwelt fern zu halten. Denn zwischen, diesen beiden großen Parteien, welche bis vor 70 Jahren düs Geistesleben der russischen Juden vollkommen beherrschten, bildete sich eine dritte Richtung in der Stille, die sehr winzige Ausklärungspartei (, üaslLglLb *), welche nach europäischer MMng" mirstete. Zu jener Zeit, wo die Juden eine eingeschlossene, sich selbst überlastene, vernachlässigte Korporation bildeten, war die profane Bildung eine verbotene Frucht, die man vorsichtig und geheim kosten mußte; die Vereinzelten, denen zufällig der Strahl der Freiheit und der Aufklärung eindrang, waren gezwungen, Sprachkenntnisse und alle Zweige europäischer Bildung im Verborgenen zu erlernen, auf den Dachkammern, in den Kellern und wo sie sich nur versteckt glaubten; diese Epigonen waren wahre Märtyrer ihrer Zeit, bildeten eine Masonei ihrer Art, wovon ' weder die Juden selbst, noch die übrige Menschheit kaum etwas wußten. Sie kannten die geistige Neugeburt der deutschen Juden und zielten danach, ihre russischen Glaubensbrüder auf die neue Lebensquelle hinzuweisen, zu welcher sie zufällig traten und von wo sie geheim frische Kräfte schöpften. Unbeachtet aller ungünstigen Bedingungen jener Zeit, mitten unterdem allgemeinen Haß und Hader, bei dicht verschlossenen Ausgangstüren, haben sich doch bei den Juden diese wenigen Männer mit ihren höheren Zielen gefunden, die ihr Aufklärungswerk im Verborgenen zu vollbringen glaubten, erst I in der Zukunft auf Erfolg harrend. Nicht die russische Gesellschaft, welche sich nie für das innere jüdische Leben interessierte und welche auch größtenteils kulturell rückständig war, konnte ihnen vorbildlich wirken; die besten russischen Juden der damaligen Zeit, die auf Bildung halten wollten, mußten vielmehr im deutschen Geist sich ausbilden, deutsche Literatur und deutsches Misten sich aneignen. Jedoch das alles mußte sich im Verborgenen verstecken, und viele junge frische Keime erstickten im Entstehen. Erst das meteorische Auftreten Dr. Lilienthals verschaffte der geringen, zerstreuten Schar Geltung, mit seinem Erscheinen gewann die kleine Fortschrittspartei festen Boden und weiten Raum, ihre Stimme erschallte mutig weithin, ihr Einfluß wurde lebendig, , und neben den bestehenden beiden großen Parteien und über diese hinaus errang sie sich nach und nach eine gebietendes Stellung innerhalb des rustischen Judentums. '?-V‘ Hauptsächlich unter Einfluß ausländischer Juden, vornehmlich infolge des Mendelssohnschen Kulturwerkes, erstrahlte zuerst das Licht der Aufklärung an dem äußersten Saum des jüdischen Terrains, an den äußersten Kanten des großen rustischen Reiches, in Odessa, Warschau, Kischenew und Riga und in dem kleinen Städtchen Roflienh, während in der Mitte des ganzen Landes sich noch gar nichts rührte, es fehlte an jeder belebenden Initiative. Da ward die Schulgründung in Riga von großer, weitgehender Bedeutung und für die Kukkurbewegung bestimmend. Die Verhältnisse der noch kleinen jüdischen Einwohnerschaft in der Metropole des Handels an der Ostsee waren denen der größeren jüdischen Gemeinde am Schwarzen Meer ähnlich. Auch unter den jüdischen Bewohnern Rigas herrschte ein guter deutscher Geist, und die Initiative ging direkt-von der Gemeinde selbst aus (Kahalsamt) der (Riga-) Schlockschen. Ebräergemeinde, obwohl unter der Mitwirkung der städtischen Schulbehörde. Gelegentlich der Anwesenheit des Kultusministers Graf Uwarow in Riga, Herbst 1838, haben ihm die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde Riga einen aus 13 Punkten bestehenden Entwurf zur Errichtung einer Gemeindeschule vorgelegt, worin unter anderem hingewiesen war, daß die jüdische Religion systematisch unterrichtet und die Bibel in der hochdeutschen^ Uebersetzung Moses Mendelssohns vorgetragen werden j soll. „Der Hauptlehrer muß ein Ausländer hebräischen z Glaubens sein, der im Geist der reinen Aufklärung gebildet I sein soll" ufra.1) Mit einem Wort: in der Vorlage ist eine v ganze Reihe moderner Einrichtungen vorgezeichnet, die die Billigung des Aufklärungsministers unbedingt finden mußten. Graf Uwarow hielt die Vorlage für so wichtig, daß er dem | Kaiser Bericht darüber erstattete; der Entwurf gewann denD kaiserlichen Bestall und wurde sofort genehmigt. Auf Empfehlung | des bekannten Rabbiners Dr. Ludwig Philippson-Magde- 3 bürg, dessen Rat die Unterrichtskommisfion erbeten hatte, } wurde Dr. Maximilian Lilienthal aus München (geb. am i 6. November 1815 zu München) als Hauptlehrer der Lehrf anstatt und zugleich als Gemeindeprediger berufen. Im! Januar 1840 wurde dieser junge Gelehrte in sein Ämt ini Riga eingeführt. „Ein Jüngling wie ein Mann!" Schon im 1 März desselben Jahres sehen wir ihn mit einem der ersten l hebräischen Schriftsteller und Kulturträger in Wilna j korrespondieren und ersehen bald, daß dieser ausgezeichnete deutsche Jude ausersehen wird, die erste führende Rolle in r der Kulturbewegung für die rustischen Juden zu übernehmen?) ' Nach einem Halbjahr schon (18. Juli 1840) preist der Minister Dr.Lilienth als aus gezeichnete Fähigkeiten und glühenden Eifer, und führt in seinem Vortrag an den Kaiser folgenden Bericht des ordentlichen Universitätsprofessor in Dorpat, Rosberg, an: „Die jüdische Schule in Riga, die erst unlängst unter bewährter y M. Märgulies, (russisch) zur Geschichte der Bildung der russischen 3ubetv (Jewreiskaja Bibliötbeka) Band 1 (1871), S. 135. Dr. Ad. Ehrlich, Rabbiner (Tilsit), Entwicklungsgeschichte der israelitischen Schule zu Riga (Petersburg 1894), S. 2—10. L. Bramsohn, (russisch) im Sammelwerk der jüdischen Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung. (1896) S. 301. 2) Vor 70 Jahren, Dr. Lilienthal (1840) an M. A. Günzburg. „Ost und West," Junihest 1910.