Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-08-25 · Heft 34 (25.8.1911) · p. Seite 401

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 401 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228996--67719-3279952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

401 Witterung zum Opfer gefallen. Wie ballt sich zu seinem Begräbnis ein Himmel von phantastischer Wildheit zusammen! Als eine letzte Huldigung. Für den Meister war es der Himmel, den Israels liebte, mit seinem Spiel von Licht und Schatten, mit seinen bizarren Wolkenmassen. Besonders großartig offenbarte sich diese Schönheit über dem jüdischen Friedhof. Dieser entbehrt wohl allen Schmuckes. Graue Denkmäler stehen da halbverdorrt vom Sande, eine Dünenlandschaft besonderer Ar^. Vom Sterbehaus an bis zum Begräbnisplatz stand eine dichte Menge, alle Stände waren vertreten, vom Trödler auf der Judengasfe an, der seinen Laden geschlossen hatte, um den großen Mann zu ehren, bis zu den berühmtesten Universitätsprofessoren, den hohen Militärs und den angesehensten Mijnheers. Stark vertreten war auch der Arbeiter- und Bauernstand. Jeder Holländer weiß, was Israels war. Zahllos waren die Künstlerdeputationen aus aller Welt; auch fehlte kein Maler und kein Bildhauer. Alle. Badegäste aus Scheveningen strömten herbei. Um 1 Uhr nachmittags kam der Sarg an. Inzwischen waren auf dem Friedhof erschienen die Minister des Auswärtigen, der Landwirtschaft und des Handels, Vertreter des königlichen Hauses, der Bürgermeister vom Haag, Professor Ma Lie b er mann aus Berlin und der Präsident des jüdischen Frauenvereins aus Frankfurt a. M. Nach einer ergreifenden Rede des Rabbiners wurde der Sarg aus der Leichenhalle zum Grabe gebracht. Dort traf Minister Talma ein. Er sprach namens der Regierung. Es sei eine Pflicht der Regierung, sagte er, vor dem Lande und den Welten laut zu bekennen, wie dankbar Holland diesem Manne sei, wie unersetzlich sein Verlust sei. Dann sprachen die Abgeordneten der Künstler und die Freunde des Verblichenen. Ein wahrer Berg von Blumen türmte sich über dem Grabe, doch die meisten konnten sich von diesem. Hügel der Dankbarkeit kaum trennen. Man konnte sich mit dem Gedanken nicht vertraut machen, daß der Patriarch aus der Kunst, der gleichzeitig der Anreger, Freund und Förderer der Jugend war, nicht mehr zu den Lebenden der holländischen Erde zähle. Joseph Israels besaß die Gabe stimmungsvollen Ausdrucks nicht nur in seinen Bildern. Seinem interessanten Buch über Spanien hat er außer seinen vielen Skizzen auch zwei Gedichte mitgegeben. Das eine kleine Gedicht steht als Widmung an „Aleida" zum Beginn:' X- „Einst blühte mir im stillen Hof (/ Ein zartes Reis, 'ne liebe Blum'. Da kam ein Windstoß, warf sie hin Und brach die holde Blüte um. Das ist das Bild der lieben Frau, Die meinem Leben Freud' verband. In deren Augen ich mein Glück, Mein Heil und meinen Reichtum fand. Sie ist nicht mehr; doch allzeit noch Erfüllt ihr Bild mich. Stund und Zeit, Und so Hab' ich dies kleine Buch Zum Angedenken ihr geweiht." Die anderen Verse schrieb Israels abends in sein Skizzenbuch, als er ein paar Tage nach Tanger hinübergefahren war: / „Ich schloß die Augen, und ich sah dann noch V Das blaue Meer, auf dem das Dunkel wohnt, Vornan die Felsen, marmorweiß und kalt, Darüber scheint mit Silberlicht der Mond. 'ne atemlose Stille herrscht umher, Nur dann und wann, als wie das Leid erwacht. Erhebt der Wind die Stimme mit Geheul, Dann wird es wieder still, still wie die Nacht." Zehnter Ljüniltrnkongrrh. (Schluß.) Freitag, 11. August, Vormittagssitzung um 10 Ahr. Vorsitzender: Dr. Nord au. Der Vorsitzende gibt Kenntnis von einem Telegramm des Großvezirs Hakki Pascha an den Präsidenten Wolffsohn, in welchem der Chef der türkischen Regierung für die Sympathiekundgebung aus Anlaß der Brandkatastrophe in Stambul sowie für.die Geldspende von 5000 Frank den Dank ausspricht. Der Präsident des jüdischen Nationalfonds, Herr Dr. Bodenheimer, berichtet über die Sammlungen und die Verwaltung des Nationalfonds. Die Sammlungen bewegen sich in einer aufsteigenden Linie und haben den höchsten Stand im vorigen Jahr erreicht. Die Verwaltung habe die Siedlungsgenossenschaft, welche vom vorigen Kongreß beschlossen wurde, ausgebaut und habe' die Hoffnung, hierdurch ein großes soziales Problem und. gleichzeitig die wichtige Frage der Schaffung, eines jüdischen Arbeiterstandes in Palästina der Lösung näher zu bringen. Die Verwaltung sei bestrebt, die gegenwärtigen Einrichtungen auszubauen, ehe man an neue Unternehmungen herantrete. Zum Schluß berührte Redner die Schwierigkeiten, welche durch Beschwerden der gesetzestreuen Juden entstanden und die in keiner Weise begründet seien. Wenn auch der Nationalfonds keine religiöse Polizei über seine Arbeiter ausüben könne, da diese dem .Prinzip der Gewissensfreiheit widerspreche, so sei er. bestrebt, .alle Einrichtungen so zuschaffen, daß auch , der allerfrömmste Jude, ohne Beeinträchtigung seiner Ueberzeugung auf den Ländereien des Äätionalfonds arbeiten könne. . Dr. N. Katzenelsohn, Vorsitzender des Direktoriums der Jüdischen Kolonialbank, erstattet einen Bericht über die Tätigkeit der Kolonialbank und ihrer Töchterinstitutionen Ariglo-Levantine Banking 'Company unb Anglo Palestine Company. Die Entwicklung dieser Banken sei recht befriedigend. Die Operationen auf verschiedenen Gebieten haben gute Erfolge erzielt. Die Investierung des Kapitals in Palästina erreicht bereits zirka 8000 000 Frank. Malers Hermann Struck spricht im Namen des „Mißrachi" und 8 , fordert im Hinweis auf ein Schreiben des Oberrabbiners Kuck in v / Jaffa, daß die religiösen Gebote des Judentums auf den Ländereien! f des Nationalfonds respektiert werden sollen. Dr. Thon-Jaffa \ erklärt, daß auf den Besitzungen des Nationalfonds kein Fall der Entweihung des Sabbats oder der jüdischen Feiertage bekannt sei. Zuckermann verlangt Toleranz in religiöser Hinsicht. Rabbiner Schmelkes mahnt zur Rücksichtnahme auf die Religion und die religiösen Elemente im Judentum. Ussischkin führt unter anderem aus, die jüdische Religion sei mit der jüdischen Nationalität aufs engste verbunden, aber man dürfe nicht gewaltsam und durch äußere Momente die Religion zu erhalten suchen. An Stelle des unfruchtbaren Kampfes sollte der Misrachi bestrebt sein, durch Kultürinstitute die nationale und religiöse Erziehung der Juden zu fördern. Nur auf dem Wege des Schaffens könnte die Gesundung erzielt werden. Dr. Tschlenow erinnert an die feierliche Erklärung Herzls: Der Zionismus unternehme nichts, was das religiöse Gewissen verletzen könnte. Dr. Zweig spricht der Verwaltung des jüdischen Nationalfonds für ihre ersprießliche Tätigkeit den Dank aus und wünscht, daß man der systematischen Arbeit der Sammelstellen für den Nationalfonds mehr Aufmerksamkeit schenken möge, Schluß der Vormittagssitzung gegen l Uhr. Nachmittagssitzung 4 Ahr, Freitag'den 11. August. Es wird die Debatte über den Bericht des Nationalfonds und der Jüdischen Kolonialbank fortgesetzt. B. Goldberg betont die Not- Wendigkeit, die modernen Methoden des Bankwesens auch für die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.