Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ritualmordmärchens, von welchem ein zwölfjähriges Bauernmädchen zu erzählen wußte, und deren verlogene Angaben hei der Bauernschaft des Ortes. Glauben fanden. Das Bauernmädchen erzählte nämlich, daß es in aller Frühe in den Greislerladen des Juden Wer Kelter getreten, um Einkäufe zu machen. Sie habe dabei gesehen, wie der Greisler im anstoßenden Nebenzimmer einem auf dem Tisch anscheinend leblos liegenden, kaum zweijährigen Bauernkinde Blut aus dem Halse abzäpfte. Diese Erzählung verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch das ganze Dorf. Die aufgeregte Bauernschaft rottete sich zusammen, von den entlegendsten Dorfenden kamen die Bauern mit Weib und Kind vor das Haus des Greislers Ber Kelter, und als dieser schließlich aus Furcht vor der' drohenden Haltung der Menge seinen Laden sperrte, fand das Blutmärchen immer stärkeren Glauben und führte schließlich zu den erwähnten blutigen Exzessen. Die Untersuchung wurde eingeleitet., und auch seitens der Union wurde ein Vertreter nach Jrsiawitza entsendet, um die Nrheler und Verbreiter dieser verleuniderischenBeschuldiguttgzu eruier, n. Großes und berechtigtes Aufsehen erregt es in den Kreisen der Jndenschaft Italiens, daß der vorige Woche verstorbene Oberrabbiner von Rom, Dittoi rio Castiglioni, letztwillig j verfügt hat, daß seine Leiche s verbrannt und die Asche auf s dem jüdischen Friedhof in ' Triest beigesetzt werde. Diese letztwillige Verfügung wurde auch tatsächlich ein gehalten, und die Urne mit der Asche des'Oberrabbiners von Rom ist bereits auf dem Triester . jüdischen Friedhof beigesetzt worden. Diese Meldung begleitet der „Israelit" mit folgenden wehmütigen Worten: Gott allein weiß, was ihn in einer unglücklichen Stunde zur Niederschrift dieser Bestimmung veranlaßte, der er bezeichnenderweise die weitere folgen ließ, daß an seinem Grabe kein Wort des Gedenkens gesprochen werden dürfe. Aus Odessa wird uns geschrieben: Die TOdesskija Nowosty “ („Die Qdessaer Neuigkeiten") bringen über die Rolle der Juden im Getreidehandel folgende.Beurteilung des Präsidenten des Odessaer Börsenkomitees, P. Kotljarewsky, eines der angesehensten und unparteiischen russischen Kaufmanns: Die Teilnahme der Juden am Getreidehandel brachte mit sich eine für ..den Staat nützliche Demokratisierung dieser Branche, Es verschwand von der Szene der große Gewerbetreibende, der Getreidearistokrat, .der sich mit dem Gutsbesitzer durch einen Vermittler, einen Aufkäufer u. dgl. mehr in Verbindung setzte. Jetzt hat sich der Getreidehändler dem Produzenten genähert, die Vermittlung ist vernichtet worden und gleichzeitig damit haben sich die Revenuen vom Getreidehandel vergrößert. Die Einkünfte des Produzenten haben sich durch diese Demokratisierung nur vergrößert. Die Inden, im Sinne des Maßes der Bedürfnisse, sind-äußerst anspruchslös- und Issoph geb. 27. Januar 1824, begnügen sich gewöhnlich, mit wenigem. Dies gibt ihnen die Möglichkeit. eine tollkühne Konkurrenz zu führen und ihren Verdienst bis zum Minimum zu reduzieren. -Dadurch gewinnt wiederum nur der Produzent und mit demselben auch der Staat. Was-die Vorwürfe der künstlichen Verschmutzung des Getreides betrifft, so ist für derlei Vorwürfe wiederum kein Grund vorhanden. Vergleichen Sie zum Beispiel bloß das soeben gedroschene Getreide des Gutsbesitzers, mit dem des Bauern, welches noch nicht in den.Händen des Handelsmannes war, und Ihr werdet sehen, daß das Brot des Gutsbesitzers bedeutend reiner als dasjenige des Bauern ist. Viel gilt also und hängt von.der Stufe der Kultur des Produzenten und der seiner Mittel (der Art und Weise des Verfahrens) und der Bearbeitung des Getreides ab. Unabhängig davon sind die ausländischen Wehklagen über Verschmutzung des russischen Getreides im allgemeinen grundlos, weil jeder Ueberschuß der Verschmutzung über die bedungenen Prozente der entsprechenden Art von den Exporteuren kompensiert werden, und wodurch nur sie, die Exporteure, verlieren. Man darf ebenfalls nicht außer acht lassen, daß unter den europäischen Staaten, die russisches Getreide importieren, ein Staat, nämlich Holland, verschmutztes Getreide verlangt, und in diesem Fall die Vorwürfe gewiß nicht an die richtige Adresse gelangt sind. Das „BerlinerTageblatt" erhält aus Petersburg folgende Mitteilung: In der Station Wolnow acha in der Nähe von Marinpol hat die Ausweisung aller Juden begonnen. Die Stat'vn Wolnowacha ist ein wichtiger Bahnknotenpunkt, wo viele jüdische Getreidehändler und Kommissionäre leben. In Kiew hat eine Versammlung der ortsansässigen Kaufmannschaft stattgefunden, die beschloß, die Regierung zu bitten, die vielen gänzlich i ngesetzlichen Ausweisungen von Juden und die Konfiskation ihrer Waren einzustellen, weil dieser Druck auf die wirtschaftliche Lage des ganzen Gebiets zurückwirkt. Der Aelteste der Kaufmannschaft wies darauf hin, daß eine derartige Resolution zwecklos sei, weil Stolypin vor einigen Tagen Weisung gegeben habe, daß den Juden unter keinen Umständen irgendwelche Erleichterungen zu gewähren sind. i, Berlin, phot. Israels Becker gest. 12. August 1911. . Jolrph Israels Leichenbegängnis. Ueber das am 15. d. M. unter außerordentlicher Teilnahme in Scheveningen stattgefundene Leichenbegängnis des großen holländischen Malers Joseph Israels brachte das „Berliner Tageblatt" folgenden stimmungsvollen Bericht: Es war ein Tag, der des Künstlers Israels würdig war. Israels war der seinem Wesen fremden trägen, heißen