Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Uebertreibüng;' daß bte > Verhältnisse der Inden nn allen Kulturländern mit Ausnahme - natürlich der Türkei. .^- nicht besser, - sondern immer.schlechter geworden 'sind. Außerhalb seiner zionistischen Gesinnungsgenossen ^und'vielleicht -hie -und'da selbst.innerhalb der zionistischen Kreise -wird man über-diesen kleinen Seitensprung vom Wege der historischen Wahrheit lächeln und es ihm, weil man seine Neigung kennt, den Wirklichkeiten seine höchstpersönliche Note anzuheften, auch'nicht sonderlich verargen; aber Herr Nordau sollte doch an den Wirklichkeiten des Lebens nicht so achtlos.vorübergehen und die Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in Amerika, England, Frankreich, Italien und auch Deutschland als so unvergleichlich schlechter darstellen wie .diejenigen unserer Glaubensgenossen in der .Türkei 6es Jahres 1911. Zumal er, außer in seinem. Optimismus ad hoc, nicht einmal die Gewähr hat, , daß die Türkei des Jahres 1911 dieselbe sein werde wie die Türkei des Jahres 1912. oder 1913. Und wenn, derselbe Herr Nord au sich bitter darüber beklagte, daß gewisse Kreise der „Ulianes Israelite Universelle" den Zionismus bei der türkischen Negierung angeschwärzt und dadurch Mißtrauen wachgerusen ' hätten, so ist die Möglichkeit eines solchen „Anschwärzens" letzten Endes in dem vonr Zionismus offiziell noch immer nicht aufgegebenem Spiel politischer Träume zu suchen. Auf diesem Baseler Kongresse erst fand wenigstens lein englischer Delegierter den Gedanken zur Anregung einer klaren Deklaration, daß der Zionismus nicht den Judenstaat züm Ziele habe. Die Anregung sank aber sang- und klanglos in den Orkus völliger Ignorierung. .Tatsächlich freilich stand der eben geschlossene Zionistenkongreß im wesentlichen unter dem Zeichen praktischer Palästina-Arbeit. Daß sich auch hierbei etliche Stürmer, Dränger und Utopisten im luftigen Phantasiereich lustig tummelten, ist ja allsogleich von zionistischer Seite selbst konstatiert worden. Aber es soll keineswegs verkannt werden, daß mit Ernst und Eifer auch eine Reihe bedeutsamer jüdischer sozialer und kultureller Fragen behandelt wurde. Das Problem der Emigration und der Kulturarbeit konnte das ananteilnehmende Interesse auch der nichtzionistischen Judenheit wohl beanspruchen. Soweit die Arbeit des Zionistenkongresses sich in den rein praktischen Richtlinien bewegt, unseren leidenden Glaubensgenossen Lebens- und Erwerbsmöglichkeiten in Palästina und den angrenzenden Gebieten zu erschließen und dort zugleich das kulturelle Niveau jüdischer Massen zu heben, wird man sich dieser Arbeit nur freuen. In dieser Hinsicht bot der Jubiläumskongreß einige Perspektiven in der Richtung, daß dies dereinst, wenn die Entwicklung des Zionismus in der bisherigen Weise fortschreitet, überhaupt das Ziel sein wird. Schon jetzt sind die Unterscheidungs-- Merkmale zwischen dem Gegenwartszionismus und unseren großen jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen recht minimale - geworden. Mehr rein psychologisches Interesse beanspruchen noch ein paar - äußere Vorgänge. -Zunächst die übersprudelnde Beifallsfreudigkeit, von der fast jeder Redner profitierte, bevor er noch den Mund aufgetan hatte. Das.System der „Vorschußlorbeeren", das man in Basel beliebte und dessen Konstatierung der offizielle Bericht der Mitwelt nicht vorenthielt, ^ersetzte offenbar zu einem guten Teil diesmal den großen inneren sachlichen Enthusiasmus. Und eine zweite Episode, die alsZeichen beginnenden Heroenkultus angesehen werden könnte, dürfte die weitere Oeffentlichkeit zum Schluß noch interessieren. Als der ,,'alte Gegner"' Herzls, D.Trietsch, sich diein seinem Munde denKongreßteilnehmer»r vielleicht ironisch klingende Aeußerung erlaubte: „Unser großer Führer Herzl", da rügte das in hohen Tönen, der Erregung der Leiter der Versammlung und warnte Herrn Trietsch, von dem „Heiligsten" der Zionisten in dieser Weise zu sprechen. Ein Zionist darf also alles und jedes kritisieren, was sonst den Juden heilig ist, selbst unseren großen Lehrer Moses, nur an Herzl, „den Heiligsten" darf sich kein Zionist heranwagen? Dieser Heroenkulk just auf dem Kongreß, der in aller Stille den Chartergedanken Herzls einsargte! In den Auslandskorrespondenzen der „Kreuzzeitung" findet man fo inanchmal Darlegungen, die mit der Gesamt- - tendenz des leitenden konservativen Blattes nicht übereinsttznmen. Einen ganz besonders drastischen Fall enthielt ^kürzlich ein New Yorker Brief. In demselben wird die „barbarische" Amtsführung des Einwanderungskommissars Williams erwähnt, der sich deswegen vor einer Komission des Repräsentantenhauses zu verantworten hatte. Er fand einen Verteidiger in dem Handelsminister 'Naget. Dieser erzählte, er, Nagel, habe im Interesse der Menschlichkeit die Einwandererbestimmungen so gedehnt, daß der Präsident ihn deswegen hätte zur Rechenschaft ziehen können. Trotzdem habe man ihn und die.ihm unterstellte Einwauderungsbehörde noch, als brutal und grausam verschrien, so daß er Hamlet recht geben müsse, wenn er sage: „It is .cruel, lo.;be Kind." Dann zog der Minister gegen die deütschamerikanischen Organisationen zu Felde, die am meisten kritisierten und auch die meisten unbegründeten Beschwerden vorbrächten. ' „Das ist ja recht interessant", bemerkt im Anschluß daran der New Yorker Vertreter der „Kreuzzeitung.": „Als Nagel ins Kabinett berufen wurde, haben'sich die Deutschen am meisten gefreut, denn er ist das einzige. Kabinettsmitglied rein deutschen Blutes. Seine Eltern sind aus Deutschland eingewandert,' und der Minister hat schon selbst gesagt, sein Vater sei ein „mittelloser" Einwanderer gewesen. Darum erwarteten die Deutschen von Nagel eine tolerante Handhabung der Einwanderüngsgesetze und eine Förderung der Sache des Deutschtums. Nichts davon hat sich erfüllt. Unter Nagels Vorgänger war es . viel besser. Das war der bekannte Jude Nathan Straus, der erste jüdische Minister der Vereinigten Staaten, der später Botschafter in Konstantjnopel war und sich jetzt hauptsächlich mit der Agitation gegen Rußland besaßt. Straus hat die Einwanderungsgesetze in wirklich tolerantem Sinne gehandhabt und wurde deswegen allseitig gelobt. Manche meinten freilich, er tue das hauptsächlich seinen russischen Glaubensgenossen zuliebe, aber jedenfalls hat er es getan, und es ist allen zugute gekommen. Mr. Nagel führt dagegen sein Amt im Sinne der Jingoes." \ . Hier wird also unumwunden zugestanden, daß derjüdische Minister sich besser als der christlich--germanische bewährt habe Und wie eifrig predigen die „Kreuzzeitung" und ihre Gesinnungs- Lenosfen die Lehre, daß ein Jude aus diesen und jenen Gründen nicht geeignet sei, den Posten eines Ministers oder auch nur eines niedrigen Verwaltungsbeamten zu bekleiden, und fordern, daß die -Verfassungsbestimmnng, welche den Juden volle Gleichberechtigung gewähre, beseitigt werden müsse. In der großem transatlantischen Republik Zenkt man über.diese Dinge anders^. Wenn die praktischen Amerikaner den Juden die höchsten Mmter zugänglich machen, so tun sie dies wahrlich nicht aus „Humanitätsdüselei"; sondern weil sie der Ueberzeugung sind, daß es dem ganzen'Staatswesen nur züm Vorteil gereichen könne, wenn, überall die tüchtigsten Männer, gleichviel welcher Konfession oder welcher Abstammung herangezogen werden. Man hält -das drüben für ganz selbstverständlich, und wenn jetzt z. B.. gemeldet wird, der schon lange im diplomatischen Dienst tätige Herr Lewis Einstein, ein Jude deutscher Herkunst, sei vom Präsidenten Taft zum Gesandten in Kostarika ernannt worden, so würde sich ein amerikanisches Blatt, das daran Anstoß nähme, nur lächerlich machen. Aus Wien erhalten wir folgende Zuschrift: Im Dorfe Irsiawitza bei Przewarsk in Galizien drangen am 15. d. M. deS Morgens mehrere mit Knütteln und Stöcken belvaffnete Bauern in das Haus des dortigen jüdischen Greislers Ber Kelter, demolierten die gesamte Einrichtung, warfen die Waren durchs Fenster.hinaus und schleppten den Greisler und dessen Frau, die sich im Keller versteckt hatten, auf die Straße, wo sie von der ihrer harrenden aufgeregten Bauernmenge blutig geschlagen wurden. Die Gendarmerie nahm mehrere Verhaftungenvor. Wie festgestellt wurde, kam e8 zu diesen bedauerlichen Ausschreitungen infolge eines