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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-08-18 · Heft 33 (18.8.1911) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
Seite 393 (sequence 9)
Language
German
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893 — blauen Duft der Ferne der zweifelnde Blick manchmal unsicher f ist, ob sie noch zur Erde oder schon zum Himmel gehören. Unsere Propheten können uns dann bei unserer Tagesarbeit Mahner zur Selbsterziehung werden, denn wir wissen ja, daß wir nur wachsen lassen, anregen, veredeln können, wenn wir bei dauernder und strenger Selbstprüfung uns selbst innerlich edler machen. Und Ewigkeitsideale stellen unsere Propheten uns auf. . Wenn Schiller, einer unserer gottbegnadetsten Erzieher, sein sittliches Ideal nicht in der Er-/ füllung der starren Pflichtforderung Kants findet, die bei dem Gegensatz von Pflicht und Neigung in der Menschlichkeit stets einen Dualismus voraussetzt, wenn er die Tugend nicht aufgezwungen, sondern nur als Spiel gelten lassen will, als eine unmittelbare freie und frohe Aeußerung des guten Menschen, so'finden wir diese Forderung ästhetischer Erziehung bereits bei Jeremia im 31. Kapitel. Denn was ist der neue Bund anders" da Gott das Gesetz nicht mehr auf Stein schreibt, sondern ins Herz der Menschen, als die Religion, die dem Menschenherzen immanent geworden ist. „Da belehrt nicht mehr einer seinen Bruder: Erkenne den Ewigen! sondern alle samt werden sie mich erkennen von klein bis groß!" (31,34). Das ist das Ideal, daß das Göttliche unsere ungezwungene Lebensäußerung werde. Das müssen wir alle erstreben. Und wenn dieses hohe Ziel uns fast verzagen macht, so zeigt uns eine milde Stimme, die aus Jahrtausenden zu uns tönt, den rechten Weg zu diesem Ziel, das Wort des (Propheten Micha: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was der Ewige von dir fordert, nichts anderes als auf Recht halten, Liebe zu üben und bescheiden zu wandeln mit deinem Gotte." ' t. Gans und t: Lunan Mordechai Moah (1822). .Mitgeteilt von Ludwig Geiger. ei der jährlichen Zusammenkunft der amerikanischen jüdisch-historischen Gesellschaft, die in Philadelphia am 12. Februar d. I. gehalten wurde, ward eine Abhandlung vorgelesen, die auch für deutsche Lesemvon besonderem Interesse ist. Ihr Verfasser, Herr Samuel Oppenheim aus New Bork, hat sie mir gütigst zur Verfügung gestellt, und ich benutze . im Nachstehenden einige seiner Mitteilungen, die ich durch eigene Studien ergänze. Das wichtigste in der Mitteilung ist ein Brief der beiden im Titel genannten Gelehrten an Herrn M. Noah. Dieser plante die Errichtung einer „Zufluchtsstätte für die Juden" auf Groß-Jsländ am Niagarafall, nahe bei Buffalo, und gedächte in diesen Schutzbezirk Auswanderer jüdischer Religion einzuführen. Ein neues Zion sollte geschaffen werden, zu welchem die verfolgten Juden aus der ganzen Welt kommen sotten. In seinen Ausführungen, die Noah in fliegenden Blättern und in damaligen Zeitungen veröffentlichte, bezeichnete er unter anderem Gans und Zunz als seine Kommissionäre, welche helfen sollten, seinen Plan auszuführen. Von diesem Plane war in Deutschland schon mancherlei bekannt. In Strodtmänns Heine-Biographie kann man einzelnes darüber lesen, der Aufruf Noahs, vermutlich aus dem Jahre 1825, ist in der älteren von dem Genannten edierten Heine-Ausgabe 1865 Bd. 19, S. 232 nachzulesen. *) Ueber die *) Leider ist dieser Ausruf, eigentlich ein größerer Artikel aus den hamburgischen unparteiischen Korrespondenzen 1825' über die Noahsche Proklamation, in die neueren Heineausgaben nicht ausgenommen worden. Sache selbst vergl. Jost: Geschichte der Israeliten, Bd. 10, Abt. 2, S. 228 bis 236, wo auch der Aufruf vom 15. September 1825 (Strodtmann: Heines Lehen 694) mitgeteilt ist. Ferner G. Cone in kublications ok tiieAinerican Jewish Historical Society Bd. 11,. S. 131 bis 139 und Max I. Köhler in derselben Veröffentlichung Bd. 8, besonders S. 84 ff. und S. 97 bis 118. . Heine hat sich an zwei Stellen seiner Briefe (an Moser, Mai 1825, und an denselben 23. d. M. Gans bei Karpeles: Heines Werke Bd. 8 S. 374 und 483) weidlich über den ganzen Plan lustig gemacht. Nur die letztere Stelle kann sich auf den Aufruf von 1825 beziehen, die erftere ist veranlaßt durch frühere Bestrebungen, von denen Heine während seines Berliner Aufenthaltes Kunde erhalten haben mochte. Denn Noah hatte schon am 17. April 1818 in einer Synagoge zu New Hork einen Vortrag über seine Idee gehalten. Damals dachte er aber an eine Kolonie in Palästina. Wie diese Nachricht nach Deutschland kam, namentlich auch wie die Verbindung mit Zunz und Gans, respektive mit dem jüdischen Kulturverein eingeleitet wurde, ist nicht bekannt. Das Interesse des Kulturvereins an diesen freilich sehr abenteuerlichen Bestrebungen erklärt sich daraus, daß . der Verein, wie aus der ausführlichen Schilderung bei Strodtmann hervorgeht, auch eine Ackerbaukommission errichtet hatte, Aus dem gleich folgenden Briese scheint hervorzugehendaß die Mitglieder des Kulturvereins nicht direkt aufgefordert würden, sondern daß sie aus öffentlichen Blättern die Nachricht entnahmen. Der ursprüngliche Plan einer Kolonie in Palästina wurde bald aufgegeben; an dessen Stelle trat die Idee, eine Gründung aus amerikanischem Gebiet stattfinden zu laffen. Schon im Jahre 1820 wurde, wie ein amerikanischer Historiker erzählt, in der gesetzgebenden Versammlung von Grand-Island der Plan beraten und-erwogen, Und aus dem Bericht desselben Gelehrten geht herpor, daß Noah wünschte, und zwar schon in dem genannten Jahre 1820, amerikanischer Geschäftsträger in Wien zu werden, um seine Angelegenheit in Europa zu betreiben. In diese Anfangsstadien der Unternehmung gehört der höchstwahrscheinlich deutsch geschriebene Brief, den Noah erst einige Jahre später zur Entgegnung gegen Kritiken, die gegen ihn gerichtet waren, in dem „Albany Daily Advertiser“ vom 4. Oktober 1825 veröffentlichte. Der Brief in einer von mir nach dem Englischen angefertigten Uebersetzung lautet folgendermaßen: „Sehr geehrter Herr! Inmitten der allgemeinen Niedergeschlagenheit und dev öffentlichen Kalamität, unter der ein großer Teil der europäischen Juden por einigen Jahren litt und noch zu leiden hatwar es in der Tat kein kleiner Trost für jeden, dem das Schicksal unserer Brüder nicht als eine Kleinigkeit erschien, die edle Stimme eines außerordentlichen Teilnehmers an unserem Geschick zu hören, welche die niedergedrückten Geister der Mitglieder einer verfolgten Glaubensgemeinschaft anfeuerte, indem sie sie aus einem undankbaren und ungerechten Lande zu jenem Teil unseres Erdkreises rief, welchen man die neue Welt nennt, welchen man aber mit größerem Recht die bessere nennen dürfte. Sie waren es, sehr geehrter Herr, welcher diesem höchsten Trost uns 'gewährte. Seit jener Zeit sieht der bessere Teil der europäischen Juden mit freudiger Hoffnung auf die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, °- glücktich das Elend seines Geburtslandes gegen die öffentliche Freiheit zu vertauschen, welche dort jeder Religion gewährt

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