Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228995--67705-3279937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
des Michelangelo — in denen ein Künstler, der Größe in sich hat und einen heiligen Sinn mit seiner Seele nachsühlend sich in das Wesen unserer großen Propheten versenkt und aus innerlichem Erleben Aeußeres gestaltet. ' Der Hirt Amos aus Judm Er hätte ruhig unter seinem Feigenbaum sitzen können, aber ihn treibt der Geist ins Nordreich, das bei äußerem Wohlstände innerlich verfiel, und unerschrocken tritt er dem Priester des mächtigen Königs entgegen. Allen Gefahren trotzend, geißelt er die Ungerechtigkeit, . herbe, rauh und fest. Der königliche Hesaia. der einflußreiche, aber doch so oft mißachtete Ratgeber der Herrscher, der die politische Lage Judas so scharf und klar erkennt, der es kommen sieht, daß nur eine kleine Schar übrig bleiben wirddem Heiligen Israels zu dienen, der Mann mit dem unerschütterlichen Gottvertrauen, dessen Wort im Kampfe mit Sanherib so glänzend bestätigt wird. Und dann Jexemia, dessen ganzes Leben eine erschütternde Tragödie ist, der Mann mif~ dem weichen Herzen, der „eine feste Burg, eine eiserne Säule, eine eherne Ringmauer" sein muß in wilder Zeit, der, selbst verachtet und verfolgt, seines geliebten Volkes Unglück kommen sieht, das er doch nicht wenden kann und mit erdulden muß. Das Bild dieser Männer muß unseren Kindern so vertraut werden) wie das Bild Samuels und Elijahus. Aus den Zeiten des Exils muß der große Unbekannte auch zu unseren Kindern sprechen. Er sieh^ wie das drohende Wetter gegen Chaldäa sich türmt, wie Babel gestürzt wird vom Gottgesalbten Cyrus und das Volk in die Heimat ziehen darf. Der Unvergängliche,, der Erhabene, er läßt dieses Volk leiden, aber er ist auch der Barmherzige,' der sein Volk mehr liebt als eine Mutter ihr Kind. Die lebendige Charakteristik der Lage im Exil muß das- Bild dieses Mannes, von dessen äußeren Lebensumständen wir nichts wissen, gestalten Helsen. Sein Wort ist so erschütternd und gewaltig, so innig und rührend, daß es auch, in kindliche Herzen tönt. Ezechiel liegt seiner - ganzen Art" nach dem kindlichen Interesse nicht so nahe, aber seine gewaltige Vision von der Wiederbelebung des toten Volkes muß in jeder jüdischen Schule nicht nur gelesen, sondern innerlich durchlebt werden. Auch für die Geschichte unseres deutschen Vaterlandes ist dies Bild ein mahnendes Symbol, wie es einst, zur Zeit der, tiefsten Erniedrigung Deutschlands einem der deutschesten Männer die Hoffnung gestärkt hat. Fichte (in seinen Reden an die deutsche- Nation) führt es an mit den Worten: „Höre dieses Zeitalter ein Gesicht eines alten Sehers, das auf eine wohl nicht weniger beklagenswerte Lage berechnet war", und er schließt: „Lasset immer die Bestandteile unseres höheren geistigen Lebens ebenso ausgedorrt und eben darum auch die Bande' unserer Nationaleinheit ebenso j zerrissen und in wilder Unordnung durcheinander zerstreut / herumliegen wie die Totengebeine des Sehers; lasset unter:\ Stürmen, Regengüssen und sengendem Sonnenschein mehrere Jahrhunderte dieselben gebleicht und ausgedörrt haben — der belebende Odem , der Geisterwelt hat noch nicht aufgehört zu wehen. Er wird auch unseres Nationalkörpers erstorbene Gebeine ergreifen und sie aneinanderfügen, daß sie herrlich j dastehen in neuem und verklärtem Leben!" » So manches andere Prophetenwort wird im übrigen Neligionsunterricht, im Gebetübersetzen und besonders in der eigentlichen. Religionslehre zur Betrachtung kommen. Es wird inniger haften, wenn es eingeordnet werden kann in den Zusammenhang einer bereits bekannten und durch das Pei> sönliche fester geknüpften Gedankenreihe. Michas Dialog über die Frage, womit Gott zu versöhnen sei (6,6ff.), wird jedem / Kinde ins Herz gelegt werden müssen, mnd sein herbes.Wort über Jerusalems Zukunft (3,12) verdient schön besondere Hervorhebung, weil Jeremias Verteidiger (Jer. 26,17 f.) sich darauf berufen. - ,- Hosea, jener Geistesverwandte des Jeremia, der Prophet der göMchen Liebe, ist den Kindern nicht recht zugänglich, wegen des Fehlens der konkreten Zeitumftände und auch wegen der Eigenart seines Lieblingsbildes. Aber sein Wort des Gelöbnisses darf nicht fehlen:. „Ich verlobe dich mir auf ewig ich verlobe dich mir durch Recht und Gerechtigkeit, durch Lieber. . und Barmherzigkeit. Ich verlobe dich mir durch Treue, und| daß du Gott erkennest." (2, 21, 22.) Eine wunderbar fein-4 fühlende Anwendung hat dieser Verlobungsspruch im Ritus |. beim Legen der drei Tefillin-Fingerringe gefunden. Wer aüch nur mit einer leisen Ahnung des Vollgehaltes dieser Worte an seine Arbeit geht, dessen Tag ist geweiht. So unwahrscheinlich es klingt, so darf man doch leider behaupten, daß das Bibellesen in der jüdischen Volksschule — ich will mich milde ausdrücken —. nicht so gründlich betrieben wird, als man es voraussetzen sollte.^ Kann schon das Bibelübersetzen, unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr recht geübt werden, so sollte doch eine um . so energischere Vertiefung in die Bibel und eine gute Gewöhnung an das Bibellesen nicht. verabsäumt werden. Esscheint nicht allgemein bekannt zu sein, daß nach dem Ministerial-Erlaß vom 24. Juli 1884 in sämtlichen Volksschulen eine der deutschen Stunden für das Bibellesen, verwendet werden darf. Gibt es nicht vielleicht genug gesinnungbildende Musterstücke in unseren Propheten? Unsere neueren guten biblischen Geschichten bringen * geeignete Proben aus der Literatur, freilich nicht in ausreichendem Maße und nicht immer in der wünschenswerten Form. Ein biblisches Lesebuch in der Art, wie es Ostermai, Tögel u. Neuberg^) sür evangelische Schulen mit seinem Sinn vor kurzem herausgegeben haben, fehlt uns für die jüdische Schule. Ein solches Buch könnte, vorausgesetzt, daß ein - kundiger Lehrer den Unterricht leitet, vielleicht sogar jede „Biblische Geschichte" überflüssig machen und ein wenig mit dazu, beitragen, daß auch die Großen etwas mehr in der Bibel lesen. . - v:. Die Haphtaroth zu den Thora-Wochenabschnitten bieten die herrlichsten prophetischen Reden. Man könnte bie, Forderung stellen, daß in der jüdischen Volksschule die wichtigsten Stücke im Urtexte behandelt werden müßten, wenn man nicht wüßte, daß dies Unter den heutigen Umständen nur in verschwindend geringen Ausnahmesällen möglich wäre. Einen j Anschluß des gesamten prophetischen Lehrstoffes an die Be- . Handlung der Haphtaroth halte ich jedoch in jedem Falle nicht! für angebracht, weil damit unsere Hauptforderung: die anschauliche geschichtliche Charakteristik der Einzelpersönlichkeiten, nicht erfüllt oder doch erschwert würde. Aber den Wunsch möchten wir doch auch unserseits aussprechen, daß der Gottesdienst sich nicht mit der meist unverstandenen Lektüre! der Prophetenabschnitte begnüge, sondern daß er diese durch Uebersetzung und Auslegung fruchtbar mache für die religiöse - Erziehung, zum Segen für jung und alt.? , Wie glücklich können wir Lehrer sein, daß wir einen Stoff, wie ihn die Propheten uns geben, in der Schule behandeln müssen. Mit Unbedeutendem und Kleinlichem haben wir pflichtgemäß uns oft zu mühen, und. wir tun es freudig im Bewußtsein, daß vieles Kleine, treu gewahrt. Großes bewirken kann. Aber es ist Uns doch ein Segen, wenn der Blick, sich weiten darf, wenn er zu diesen ewigen Höhen der Menschheit schweift, zu diesen gewaltigen Gipfeln, bei denen in dem ' *) Biblisches Lesebuch I. Altes Testament. Klin ihardl. Leipzig 1911 I 858 S, geb. 1.20 Mark. ~ . I