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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-08-18 · Heft 33 (18.8.1911) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
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Der Ausbruch bah man die Juden „entrechten und proletarisieren" wolle, ist viel zu schwach; der Jude ist vogelfrei, er muß sich ergeben. Plündern lassen, seinen Hals widerstandslos den Messern der Mörder darbieten. Sind die Verbrecher Beamte, so gibt es gegen sie weder Kläger noch Richter; sind sie Private, so werden sie mitunter verurteilt, um alsbald begnadigt zu werden. Wenn man an den Juden keine Gewalt verübt, so erpreßt man ihnen wenigstens ein willkürlich bemessenes und nach Belieben erhobenes Lösegeld und unterhält in ihnen mit allen Mitteln der raffiniertesten Verängstigung einen dauernden Zustand des Bangens und Zagens vor den Möglichkeiten der nächsten Stunden, der ihr Hirn und Nervensystem zerrüttet. Nicht einmal wirtschaftliche Proletarier läßt man sie sein, man verhindert sie Lohnarbeiter zu werden durch Aufenthaltsverbot in den Jndustriebezirken. Auf die Vertierung und die langsame Abwürgung ist es abgesehen. An Millionen schuldloser Menschen wird da ein Verbrechen begangen, für das es in der an Massenmorden so reichen Geschichte kein Beispiel gibt. Wie nehmen die Schönredner, die amtlichen, die regierenden noch vielmehr als die privaten, den Mund voll von Fortschritt, Entwicklung, Menschenwürde, Gerechtigkeit! Und wenn man sie anruft und fragt, wie sie dieses Maffenverbrechen seelenruhig mit ansehen können, murmeln sie etwas wie: „In die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten darf man sich nicht einniischen!" Dieses Grundgesetz von der Achtung der Unabhängigkeit des souveränen Staates gilt aber nur, wenn er stark ist; ist er schwach, dann greiit man in seine inneren Angelegenheiten nach Herzenslust ein, so tief wie man das irgend für nützlich hält. Ich sehe nur noch ein Land, das seine Grenzen gegen die Masseneinwanderung der verfolgten Juden und ihre bäuerliche Ansiedlung nicht grundsätzlich versperrt hat: die Türkei. Man denunziert uns in Frankreich als Agenten der deutschen, Neichsregierung (Heiterkeit), nennt den Zionismus eine tückisch verkappte Form des Franzosenhasses (Heiterkeit) und bezeichnet ihn als ein Ziel der Bekämpfung und Vernichtung des politischen und moralischen Einflusses Frankreichs in den Landern des Islam. (Heiterkeit.) In England verkündet man, die Zionisten seien Britenfeinde und vorgeschobene Posten Deutschlands, dessen Macht sie in der Türkei auf Kosten Englands begründen oder kräftigen wollen. Wer den Zionismus und die Zionisten auch nur ein klein wenig kennt, der lacht ja allerdings über derartige Eseleien. (Heitere Zustimmung.) Aber sie sind eben für Leser bestimmt, die von uns gar nichts wissen, und. sie spekulieren dumm-schlau auf ihre schmerzhaftesten Empfindlichkeiten, auf die Germänophobie der Franzosen, auf das Mißtrauen gegen Deutschland in der englischen Volksseele. Wir müssen daher die öffentliche Meinung im ottomanischen Reiche in den Stand setzen, sich über uns und..unsere Feinde eine eigene Meinung zu bilden.. Möge die Schande, die dem jüdischen Volke daraus erwächst, auf die Verleumder zurückfallen. Wir haben die Pflicht, die türkischen Staatsmänner mit den wirklichen Tatsachen bekannt zu machen und sie zu überzeugen, daß die Heimatssehnsucht der zionistischen Juden für die Türkei eine Quelle unabsehbaren Nutzens werden kann, daß sie in.der Türkei keine aufrichtigeren und opferwilligeren Freunde hat als die Zionisten, und daß sie sich ihrer nützlichsten Mitarbeiter an dem Heil ihres: Vaterlandes berauben, wenn sie dieses den Zionisten verschließen. (L.ebhaste Zustimmung.) Wir zweifeln nicht daran, daß unsere Bemühungen Erfolg haben werden. Die Verleumder des Zionismus werden ihre Infamie vergebens begangen haben. Aber die unerläßliche Voraussetzung dieses Erfolges ist, daß wir bestehen, daß wir uns nicht , in kleinlichem, unfruchtbarem, innerem Gezanke. a.ufreiben. r nicht durch beschämende Mittellosigkeitzur Ohnmacht verurteilt sind (Sehr: wahr. ) Die zionistische . Organisation ist der Rahmen des. künftigen Erlösten Judenvolkes. Dieser Rahmen kann nicht kräftig genug gezimmert sein. Unser zionistisches Bekenntnis, unsere durch nichts zu entmutigende zionistische Tätigkeit bedeuten, daß das jüdische Volk sich selbst und seinen zweitausendjährigen Idealen treu bleibt. (Lebhafter Beifall.) Solche Treue überwindet jedes Hindernis. (Stürmischer, minutenlanger Beifall. Die Kundgebung-und Hochrufe lösen einander immer ' von neuem ab.) — Auf Antrag des Herrn Prof. Dr. Eh. Weizmann des stellvertretenden Vorsitzenden des Permanenzausschvsses, wurden folgende Herren als Funktionäre des Kongresses gewählt: als Präsident: Dr. Max Nordau. Als Vize-Präsidenten: Dr. M. I. Bodenheimer, Dr. A. Marmorek, Adolf Stand, Dr. E. W. Tschlenow und Ingenieur M. Ussischkin. Als Beisitzende: A. Böhm, D. Florentin. I. Eoldberg, Prof. R. Gottheit, L. Keßler, P. Moser, S. Pineles, Rabbiner Reines, Dr. Weil (Basel). Als Schriftführer: für Hebräisch: Dr, S. Lewin und Dr. Mossinsohn: Russisch: L. Motzkin; Englisch N. Bentwich, Addisch: Ingenieur N». Syrkin; Deutsch: Dr. Friedma,in, Professor L. Kelman, Fritz Löw; Polnisch: Dr. I. Waidmann. — In der Nachmittagssitzung erstattete zunächst Herr Goldreich, Köln, den Bericht des Legitimationsausschusses, worauf Präsident Wo lffsohu die: Debatte über den Bericht des Aktionskomitees einleitete. Er verlas unter anderem einen Brief des Mitgliedes der Leitung Herrn Iacobus Kann (Haag), in dem dieser seinen Standpunkt zu den einzelnen Punkten der Tagesordnungen darlegt.. Prof. Dr. Otto Marburg, Berlin, erstattete den Bericht des Palästinaressorts. Nach ihm sprach Herr Böhm, Wien, der die Arbeit der Leitung kritisierte Der nächstfolgende Redner Herr Dr. D mich es mahnte zur Einigkeit.. Er verlangte ferner, daß die kulturelle Erziehung der Jugend in Palästina im Sinne des traditionellen Judentums erfolge. Dr. Nacht, Foscani, spricht über die Notwendigkeit der gegenseitigen Toleranz in religiöser Hinsicht. Vormittaassitzung: Donnerstag, 10. August, 10V4 Ahr. Vorsitzender Dr. Max N 0 r d a u. Es werden zahlreiche Begrüßungsschreiben verlesen, in denen zionistische Vereine und allgemeine jüdische Organisationen aus allen Ländern den Kongreß beglückwünschen. Ferner - wird die Mitteilung gemacht, daß Herr Ingenieur I Kremenezky (Wien) 1000 Kronen für das Mikrobiologische Institut, Herr Barbafch (Odessa) 500.. Mark zur Eintragung des 10. Zionistenkongresses-ins Goldene Buch gespendet haben. Präsident Wolffsohn gibt seinem Bedauern Ausdruck, daß man aus Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand die Kritik der Leitung einschränken zu müssen glaubt. Er. bittet um. eine ungezwungene würdige Kritikübung, die der zionistischen Sache förderlich sein möge, damit etwaige Fehler, die in den letzten 18 Monaten begangen worden find, von der zukünftigen Leitung nicht wiederholt werden. Dr. I. Zollschan (Wien) erstattet einen Bericht über seine Teilnahme an dem vor kurzem in London stattgefundenen Rassenkongreß, zu dem er von der zionistischen Organisation in Gemeinschaft mit Herrn Dr. Gaster und Sir Francis Montefiore entsandt worden war. Der Rassenkongreß hat für uns die Bedeutung, daß zum ersten Male die Judenfrage vom wissenschaftlichen und nationalen Standpunkte aus vor der Gelehrtenwelt behandelt wurde. Dr. Zollschan teiltferner mit-, daß die von ihm auf dem Raffenkongreß vertretenen Anschauungen; die-er für.'den-theoretischen Unterbau des zionistischen Gedankens als: grundlegend betrachtet, - mit Beifall ansgenommen - worden sind. .Er betont die Notwendigkeit einer Vertiefungdes Zionismus nach der. wissenschaftlichen und ideellen Seite hin. 'i Professor Dr. Ferdinand Lohn geboren in Breslau am 24, Januar 1828, gestorben da'elbst am 25. Juni 1898/ Aus der Bilderreihe anläßlich der Hundertjahrfeier der Breslauer Universität.

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