Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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389 J Das Judentum, dem der Entschlafene in unverbrüchlicher Treue anhing, verliert in ihm einen seiner edelsten und besten Söhne. Alle aber, die dem großen Meister persönlich nahestanden, betrauern den Heimgang eines reichen, abgeklärten, allem Großen strebend zugewandten GeisteSeines unendlich gütigen und wohlwollenden Mannes, der. auch das Leben zu einem Kunstwerk sich zu gestalten wußte. * y -; Aus Wien wird uns geschrieben: Ein kaum glaublicher Vorfall ereignete sich vor einigen Tagen in der ungarischen Gemeinde Mo hal. Daselbst würde ein Knabe beim Baden in der Theiß von den Wellen erfaßt und fortgerissen. Niemand rührte sich, um den um Hilfe Rufenden zu retten, weil man . den Ertrinkenden für den Sohn eines Juden hielt. Der am Ufer stehende Lehrer gab noch seiner besonderen Genugtuung darüber mit den Worten Ausdruck:: „Wenigstens gibt es nun einen Juden weniger!" Der Knabe ertrank;' aber am selben Tage stellte es sich heraus, daß es nicht ein Judenkind, sondern der Sohn des Kirchenvaters der katholischen Gemeinde war, den diese-frommen und mildtätigen Christen jämmerlich ertrinken ließen? „Diese geradezu unerhörte Gemütsroheit," so bemerkt die Wiener „Sonn- und Montagszeitung",?-der -bäuerlichen Bevölkerung wirkt gewiß abstoßend. Aber schließlich sind es ungebildete, unkultivierte Bauern, deren Dummheit gewissermaßen eine Entschuldigung ist. Aber für den Schullehrer, der neben dem Pfarrer in dieser kleinen Gemeinde der Träger der Kultur ist, für oen gibt es keine Entschuldigung. Seine Handlungsweise zeigt von einer solchen sittlichen Verkommenheit, daß er auch nicht einen Tag mehr in seinem Amt belassen werden dürfte. Die ungarischen Behörden werden gut daran tun, sich mit diesem Vorfall, zu beschäftigen." Jedenfalls kann man daraus ersehen, wie verrohend der Antisemitismus selbst' auf die sogenannten „gebildeten" Klassen wirkt. - Die Judenhetze in Rußland feiert, wie aus Petersgeschrieben.-wird, immer wildere. Orgien. Der berüchtigte Abgeordnete Purischkewisch hat per Automobil im Gouvernement Petersburg Proklamationen verteilen lassen, in welchem die Bevölkerung zu einem Judenpogrom aufgefordert wird; gedruckt sind diese Proklamationen im „Swet". Davon, daß der Staatsanwalt gegen Purischkewitsch und die Druckerei des „Swet" Vorgehen wird, verlautet nichts. Das Ministerium des Innern hat Herrn Purischkewitsch nun „dringend" nahegelegt, sein Automobil nicht auch herumfahren zu lassen. Blätter wie „Rußkoje Snamja" überbieten sich in aufreizenden Artikeln. Das genannte Blatt knüpft daran an, daß jetzt die 3 Prozent-Norm für die Aufnahme von Juden in Lehranstalten auch auf die Hebammenkurse ausgedehnt ist und wirft die Frage auf, warum den Juden nicht überhaupt jede Bildung verboten werde, da dieselben doch ein schädliches Element seien. Das genannte Blatt schreibt: „Das russische Volk mit allen übrigen Nationalitäten wird eine solche Verfügung mit der größten Freude aufnehmen. Diese Stimmung begreifen viele leitende Persönlichkeiten und kommen ihr durch Anordnungen entgegen. So hat der Kuratur des Kiewer Lehrbezirks zu der Feier des 100 jährigen Bestehens des 1. Kiewer Gymnasiums keinen einzigen Juden einladen lassen, wenngleich manche das Gymnasium mit der Medaille absolvierten. Für eine solche Säuberung des Festes von den Parasiten kann man der Obrigkeit nur Dank wissen." . " Diese Stilprobe dürfte genügen. Bemerkenswert ist, daß die russischen-Finsterlinge mit ihrem Haß auch edelgesinnte Nichtjuden verfolgen. So wird aus Moskau gemeldet, daß der bekannte Friedenskämpfer und Politiker Fürst Paulus Dolgoruki vom Moskauer Gouverneur aus der Zahl der .Mitgleder des Volksbildungsstäates gestrichen worden ist.- - Dagegen wird im russischen Finanzministerium die Richtigkeit der. Meldung der „Vossischen Zeitung" über, die Beschränkung des Kredits an Israeliten aufs entschiedenste bestritten. Die Frage ist nur, ob man nicht dort an eine neue ausländische Anleihe denkt. Lehnter Lioniltmkongrkh. Erster Sag. Basel, 9. August. 3rt Anwesenheit von 489 Delegierten aus 25 Ländern und etwa 1000 Gästen hat heute im Stadtkasino zu Basel der zehnte Zionistenkongreß begonnen. Eröffnet wurde der erste Tag - der Beratungen durch eine große Rede des Präsidenten Wol ff so hm der mit Genugtuung feststellte, daß die'Bewegung erstarkt sei und weiter fortschreite. Nicht so gut sei es um das gesamte Judentum bestelltdessen Lage sich überall in der Welt verschlechtert habe. Nur in der Türkei eröffnen sich günstige Perspektiven. Die Sympathien des zionistischen Judentums wenden sich daher der Türkei zu, deren Wohl zu fördern ihm besonders am Herzen liege. Es sei? von Fälschers die leider Juden sind, das Märchen verbreitet worden, daß die Zionisten die Errichtung eines unabhängigen Judenstaates anstreben. Dieses Märchen müsse fallendenn der'Ziönsmus gehe nicht über ' / sein Programm hinaus, das offen' üM klar ausgesprochen ist-' i ' Der Zionismus erstrebt Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten ■! j Heimstätte. Eine Heimstätte, kein Judenstaat. Wir erblicken in der neuen Türkei, in deren konstitutionellen Einrichtungen die volle Garantie der persönlichen und nationalen Sicherheit. Der Präsident besprach sodann alle Fragen, mit denen sich der Kongreß zu beschäftigen haben wird: . Die Verabschiedung des Organifationsstatutes, die Sanierung der Finanzen durch Schaffung neuer Einnahmequellen; sodann die Emigrationsfrage, die zum ersten Male den Zionistenkongreß beschäftigt; die nationale Sprache und die Frauenarbeit im Zionismus, an erster Stelle aber die Einwirkung einer neuen Leitung. Er, » Wolffsohn, trete von der Leitung zurück im Interesse der Bewegung I undautz Rücksicht auf seine Gesundheit. Mit einem Aufruf zur Einigkeit schloß Präsident Wolffsohn seine Eröffnungsrede, die minutenlang stürmischen Beifall entfesselte. Unter den vom Präsidenten nunmehr mitgeteilten Begrüßungsschreiben wird das des Regierungsrats des Kantons Basel Stadt mit besonderem Beifall ausgenommen. Der Präsident Wolffsohn stellte hierauf im Namen des Aktionskomitees den Antrag, der türkischen Regierung das Beileid zu dem Konstantinopeler Brandunglück auszusprechen und 5000 Franken für die Betroffenen im Namen des Kongresses beizusteuern. Der enthusiastische Beifall, mit dem der Kongreß diesem Antrag zustimmte, soll der türkischen Regierung übermittelt werden. - Mit einer brausenden.Beifallskundgebung jubelte sodann der f gesamte Kongreß Dr. Max Nordau zu, als dieser jetzt die Redner- ✓ tribüne bestieg. Dr. Nord au führte unter anderem aus: Es entspricht der Bedeutung dieses zehnten, dieses Jubelkongresses, . daß er in denselben Räumen gehalten wird, die dem ersten zur ( Wiege gedient Haben- Symbolisch soll darin die Einheitlichkeit der . zionistischen Entwicklung angedeutet werden. Freilich zu jubilieren' haben wir heute weniger Ursache, als zu irgendeiner Zeit seit der Zerstörung des zweiten Tempels. Das jüdische Volk lebt gegenwärtig die 'düstersten Tage seiner Geschichte in der Zerstreuung. Feinde ringsum! Ueb^t^die kleinen Nadelstiche, 'die moralischen Mißhandlungen, denen wir uns durch stolze Zurückhaltung, dauernde Selbstüberwachung, Vorsicht im gesellschaftlichen Verhalten entziehen können, setzen wir uns im ganzen mit geringer Einbuße an Würde und mit wenig wirklichem Schaden hinweg. Aber was sollen wir in den Ländern anfängen, wo man amtlich keine Vorurteilslosigkeit uns gegenüber'heuchelt, wo man uns nicht die Komödie der gesetzlichen Glelchberechtigüngvorspielt> Dort arbeitet man mit der wilden'Energie' der Mordlust kuf unsere vollständige Vernichtung hin