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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-08-18 · Heft 33 (18.8.1911) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
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jeden Grades. Stahl sprach vollkommen ffrei, wie einer, der aufder.^ politischen Tribüne steht,, nicht auf dem KathWer, der sich der Macht seiner Rede bewußt ist und sie gebrauchen will. Es war etwas in ihm von einem Propheten des Alten Bundes; unaufhalWm strömte das. Feuer, das ihn zu verzehren^schien, in leidenschaftlichen Musbrüchen hervor, und immer wieder gAff er zu dem neben ihm stehenden Glase mit Wasser, wie wenn er die^MHit seines Innern damit löschen wollte. Seine blitzenden, dunklen ^lÄ^n^, wenn sie durch den mit Manschen'gefüllten Raum irrten, übten eine VAMWische Gewalt über diese; diese heiße Lust war wie mit Elektrizität gefüllt; - und in der Tat war es die Temperatur und Atmosphäre der Zeit, in welcher Stahl als Führer seiner Partei herrschte." 7 . Stahl starb fern von Berlin, auf der Reise, in Brückenau am 10. August 1861. - ' " * ' ' . , Unter der Ueberschrist „Der Niedergang der deutschen Rasse?" veröffentlicht Walt er Steint Halm der gestrigen „Deutschen Montags-Zeitung" einen beachtenswerten Aufsatz, aus dem wir den ersten Teil, soweit er Uns interessiert, hier folgen lassen: „In Dresden traten vor acht Tagen zwei Kongresse zusammen, die sich mit der Hygiene der Rasse. befaßten; auf denen ernste Forscher offen ihre Resultate darlegten, auf . denen Reformer aller Schattierungen ehrlich gemeinte Vorschläge, die sich auf Erhaltung und Höherführung der Menschenrassen im allgemeinen und auch besonders der deutschen Rasse erstreckten, zum Vortrag brächten. Abep es gibt kein noch so kompliziertes Problem der Wissenschaft: die Borniertheit begreift und löst es spielend. Kaum fiel auf dem Doppelkongreß das Wort von der Erhaltung deutscher Rasse, kaum hatten dieMänner der Wissenschaft sich niedergesetzt, um zu prüfen, was das Wort überhaupt bedeute, da hatten die Männer des blauen Stifts und der Druckerschwärze schon weg, was es damit auf sich habe. Es ward Abend und es ward Morgen — da hatten alldeutsche Gazetten das Rätsel erschlossen und die Institution der Setzmaschine hatte die des Kongresses wieder einmal entbehrlich gemacht. Es ist wahrhaftig, um Zensor zu werden. Man müßte der Vernunft und Wissenschaft in Deutschland ein für allemal den Mund stopfen; sintemalen die Wahrheit, durch das Transparent des öffentlichen Stumpfsinns' gesehen, zur vergiftenden Lüge werden muß. Niemand auf dem Kongreß hat auch nur im entferntesten daran gedacht, es auszuspreckech aller der pangermanische Blätterwald hatks zwischen der Tagesordnung gelesen und rauscht es wieder: die deutsche Rasse ist im Niedergang begriffen. Er motiviert es: es gibt zwischen Maas und Memel, zwischen Etsch und Belt zu wenig — blondes Haar und blaue Augen. Das Abnehmen. der sogenannten germanischen Rasse soll schuld sein an der „Zerfahrenheit" unserer heutigen Kultur. „Man faßt" — heißt es da beispielsweise —„den Staat nicht mehr « als Volkskörper auf, sondern als mechanisches Gemenge, und auf diese verfehlten Anschauungen ^gründet sich vieles von unserer heutigen Gesetzgebung." Gemeint sind damit natürlich die Gesetze, die die rechtliche Gleichheit aller Staatsbürger, zum Beispiel auch der Juden, feststellen. Dann wird beklagt, daß man in Deutschland ohne Haar- und Augenprobe naturalisiert werden kann, und daß die Mischehen nicht staatlich verboten sind,, und schließlich werden zur Erreichung einer edleren Rassenkultur Propositionen gemacht, die, wie zugegeben wird, den: Gebiete der Pferde-, Foxterrier- oder Kaninchenzucht entlehnt sind. Das sind nun nicht gerade verblüffend neue Gedanken. Die Nationalclowns Ahlwardt und Pückler haben jahrelang, zum Gaudium des von ihnen unaufgefordert protegierten deutschen Volkes, nichts wesentlich anderes gesagt, und nie lag ein Grund vor, den vom Entree lebenden Spaß" Machern das Geschäft zu stören. Aber der Fall liegt in dem Augenblick anders, wo reine, anerkennenswerte, wissenschaftliche Bestrebungen, an deren Erfolgen die Nation ein vitales Interesse hat, in Gefahr sind, durch die Vertraulichkeit und Kameradschaftlichkeit schmutziger DUmmköPfe arg kompromittiert zu werden. Da bleibt keine. Wahl: man muß den Blödsinn nochmals Blödsinn nennen.. Muß es nochmals aussprechen, was einem'bleibt, wenn im 20. Jahrhundert Männer die Spalten gelesener und namentlich im Ausland gelesener - deutsch er . B lätter füllen dürfen, die die Kultur - des modernen Menschen vom Standpunkt der Rennstalldisziplin betrachten:" das tiefster Scham. Was man heute unter deutscher Rasse ver-> steht^chat mit dem physiologischen Germanentum nicht das mindeste mehr zu'Muffen." ' / Am 12. d. M. Hft in Haag der bekannte holländische Maler Jos'dP.h I s raels im Alter von 87 Jahren gestorben. Mit ihm", schreibt die Vössische Zeitung. „ist wohl der populärste und angesehenste-niederländische Maler der letzten Jahrzehnte Grab gesunken? Welche Beliebtheit Israels in allen Schloten des niederländischen Volkes genoß, davon haben die FeierlichkeMn, die aus Anlaß "seines 80. Geburtstages in Amsterdam unb rM^llen Orten begangen wurden, ein beredtes Zeugnis abgelegt.' WWr^elten ist ein lebender Künstler in ähnlicher Weise, gefeiert und gÄhÄt worden, aber auch wohl selten hat ein Künstler die Ehrungen.ftz^verdient wie er. Wenn er auch in Deutschland erst in den letzten- /Jahrzehnten in weiteren Kreisen bekannt geworden ist, so hat^man ihm hier doch in Künstlerkreisen schon seit langem die ihm geÄWeüde Anerkennung gezollt. .v > Israels war am 27. Januar 1824 in Groningen als Sohn jüdischer Eltern geboren und widmete sich frühzeitig dem Studium der hebräischen Sprache, vorzüglich des Talmud. Später im Geschäft seines Vaters-tätig, benutzte er seine freien Stunden zum Zeichnen und Malen. Er hatte das Glück, einen Vater zu haben, der seine äußerordentliche Begabung erkannte, und ihm die Erlaubnis und die Mittel gab, nach Amsterdam zu gehen und dort bei Jan Krusemann zu studieren. Nicht lange hielt es ihn in Holland. Mitte der vierziger Jahre zog es ihn nach Paris, wo er während zweier Jahre weilte und im Atelier von Picot und bei einigen anderen berühmten Malern jener Zeit arbeitete. 1848 kehrte er nach Holland zurück. Er ließ sich in Amsterdam nieder und richtete dort in der Warmoesstraße sein Atelier ein. Seine ersten Werke, durchweg Historienbilder alten Stils, fanden nicht viel Anklang. Weder sein „Aron und seine vier Söhne am Opferaltar" noch sein „Hamlet und seine Mutter" oder die vielen anderen Bilder dieser Zeit fanden Gnade vor dem Publikum. Es war eine an Enttäuschungen und: Entbehrungen reiche Zeit für den jungen Künstler. Eine schwere Krankheit zwang ihn anfangs der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Erholung nach dem Seebad Zandvoort zu gehen. Dort unter» den Fischern fand er neue Anregung und neuen Stoff, und fortan wählte er seine Gegenstände mitten aus dem Leben heraus/ Der Erfolg-sprach für ihn Die Gemälde, die er in den folgenden Jahren, bis Anfang der 60 er Jahre, geschaffen hat. sind die besten und auch die erfolgreichsten seines ganzen Lebens. Es entstanden während dieser Zeit u. a.: „Erste Liebe", „Der Tag vor dem Scheiden", „An Mütters Grab", „Der Schiffbrüchige", „Die Kinder der See". Die Hpuptvorzüge Israels', die starke Innerlichkeit verbunden mit einer bewunderungswürdigen Einfachheit in der Darstellungsweise, sind in allen diesen Werken in höchstem Maße vereinigt. Jedes, auch ein noch so häßliches Sujet, wußte er anmutig zu gestalten. Das tief Psychologische, das in den meisten seiner Bilder liegt, läßt eben vielfach den Gegenstand ganz vergessen und lenkt die Gedanken einzig ausi den. dargestellten Vorgang hin, dessen Tiefe zu ergründen der Maler jeden Beschauer anregt. Und doch' hat Israels nicht etwa in bewußter und vollendeter Technik alles das geschaffen. Durchaus Gefühlsmensch, war er ein intuitiver Künstler und malte seine Bilder, nicht weil er so wollte, sondern weil er so mußte. Darin liegt aber nicht zuletzt seine Größe, daß er eben aus dem Innersten heraus geschaffen und. oft selbst ein Stück innersten Erlebens seinem Werk mitgegeben hat. Seit 1863, seiner Verheiratung mit einer Amsterdamer Advokatentochter, wohnte er im Haag, ununterbrochen in seiner Kunst tätig und jahraus jahrein Werke schaffenddie seinen Weltruf immer von neuem begründeten. Sein vielleicht bestes Bild „Ein Sohn des alten Volkes", ein „königliches Gemälde", wie es oft genannt worden ist, entstand auch jm Haag. Es allein würde schon genügt haben, um Israels in die Reihe der »ganz Großen" zu bringen.

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