Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
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richten sich einzig und allein gegen das Shstemi, das sich: überlebt hat, das nicht dazu angetan ist, der immermehrum sich greifenden IntereffeNlosigkeit im Judentum in Groß- Berlin zu steuern. Der jetzige Apparat ist auf frühere, kleinere Verhältnisse zugeschnitten. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß bei der letzten Repräsentantenwahl von 33 600 stimmberechtigten Wählern iufolge mangelhafter Steuereinziehung ein Drittel, also 11000, ihr Stimmrechtmicht ausüben konnten. Allerdings sott jetzt hierin eine Aenderung eintreten, aber immer werden sich andere, neue Schäden herausbilden, und das ist natürlich. Bei dem jetzt bestehenden System der Zentralisation ist die Uebersicht über das- Ganze verloren gegangen. Bis vor kurzer Zeit noch fanden Steuerhinterziehungen vieler Gemeindemitglieder in großem Maßstabe statt. Das lag nicht etwa an den Mitgliedern selbst, sondern an. der Art der Einschätzung. Man hatte eben die entsprechenden staatlichen Listen nicht hierzu verwendet, und so gingen ungeheure Summen der allgemeinen Verwaltung verloren. Diese Mängel aber treten zurück gegenüber der Lage bet i jüdischen Gemeinde hinsichtlich der Anzahl der Synagogen, die viel zu gering ist. Im Jahve 1850 hatten wir eine Haupt- und> eine Jnterimssynagoge, 'neun Betlokale und ein Gotteshaus der Reformgenossenschast. Jetzt dagegen haben wir, wenn man die noch nicht fertige Synagoge in der Fasanenstraße hinzurechnet, sieben Gemeindesynagogen — also auf 20 000 Seelen eine Synagoge — allerdings sind hierbei die Resormsynagoge und die Privatsynagogen nicht inbegriffen.- Die letzteren, die im Interesse der Gesamtheit! besser nicht Vorhänden sein sollten, wären nicht in dem Maße entstanden, wenn schon rechtzeitig der Shnagogennot, die vom Gemeindevorstand selbst zugegeben wird, gesteuert worden wäre, die Neugründung kleiner Gemeinden ist hierauf zurückzuführen. Einen unzulänglichen Notbehelf bilden die» 19 Säle — meist Konzertsäle — welche für die hohen Feier-1 tage die große Zahl derer aufnehmen, die in den Synagogen 1 keinen Platz finden. Wie nötig die Erbauung von Synagogen | ist, zeigt weiter der Bau der Synagoge Fasanenstraße. Auf die 8 dort vorhandenen 2000 Plätze — ob hierbei die nötigen Freiplätze für die ärmere jüdische Bevölkerung inbegriffen? — sind bis heute 3200 Meldungen eingegangen,: deren Zahl sich bis zur? Eröffnung der Synagoge auf über 4000 steigern dürfte. Wie! könnte es auch anders sein. Ist doch im ganzen Westen/ in den drei großen Vororten, die eine jüdische Bevölkerung von zirka 50000 Seelen ausweisen, bisher keine einzige Gemeinde- I synagoge. ' Man kann den Einwand nicht erheben, daß die Steuerkraft der Gemeinde ein schnelleres Tempo bei der Erbauung von Synagogen nicht zuließ; niemand, der die Verhältniffe kennt, wird leugnen, daß hier schon seit Jahrzehnten viel verabsäumt wurde, und daß schon die damalige Steuerleistungsfähigkeit eine andere Lage ermöglicht hätte. Bei der ungeheuren Ausdehnung des Synagogenbezirks | haben auch die amtierenden Rabbiner nur wenig Fühlung | mit den Gemeindemitgliedern, weil sie in allen Synagogen » gemeinsam ihr Amt ausüben, es ist eine Art Manderk rabbinat; von einer Seelsorge, von einer inneren Berührung *1 mit den Gemeindemitgliedern, wie es doch eigentlich sein müßte, kann hiernach keine Rede sein. Wie von der Synagogennot können wir auch von einer 4 Friedhofsnot sprechen. Schon vor zwei Jahrzehnten hätte im I Westen ein Friedhof angelegt werden müssen; damals war I ein solcher bei billigen Bodenpreisen leicht möglich zu errichten, ßl ohne-Schaden.für den Friedhof in Weißensee, der dann länger vorgehalten hätte. Auch der Religionsunterricht ist bei dem zentralistischen' System kaum übersehbar, er kann nicht mehr von einer Stelle allein in wirksamer Weise dirigiert werden: Ein großes Aergernis verursacht auch das augenblickliche Wahlsystem, vermittels der amtlichen Watzlzettcl mit gemeinsamer Liste, das oft geeignet ist, den Wähler von der Wahl gänzlich auszuschließen, wenn er nämlich zufällig den ihn, von der Verwaltung übersandten Wahlzettel nicht mehr besitzt. (Ueber den Vorschlag einer entsprechenden Reform in einem späteren Artikel.) Der Vorstand, der die Vertretung von fast' ein Viertel aller deutschen Juden repräsentiert, kann sich gegenwärtig bei der Ueberlastung mit Arbeiten hauptsächlich nur der technischen Verwaltung der Gemeinde-Institutionen widmen, während er doch dazu berufen ist, in allen religiösen Angelegenheiten, auf geistigem und sozialem Gebiete die Führung zu übernehmen. Den Fehler in der augenblicklichen Lage sehe ich darin, daß die Zahl der von der Gemeinde gewählten und verantwortlichen Mitglieder, die in der Verwaltung tätig sind, zu klein ist im Verhältnis zu den ihnen jetzt obliegenden Pflichten. Sie würde dagegen bei der Schaffung einer Dezentralisation, die nicht zu eng begrenzt sein dürfte, meines Erachtens vollkommen ausreichen. Eine Beteiligung der jüdischen Bevölkerung von Groß- Berlin an der Gemeindeverwaltung besteht nur in geringem Maße und hauptsächlich nur in der Ausübung des Wahlrechts von drei zu drei Jahren, wobei den Wählern eine Liste von Männern unterbreitet wird, die sie meist nicht kennen, weil sie in den verschiedensten Bezirken von Grunewald bis Weißensee, von Groß-Lichterfelde bis Pankow wohnen. Auch heute noch sind viele Gemeindemitglieder der Ansicht, daß den durch die Zentralisation einer so großen Gemeinde hervorgetretenen Mißständen gegenüber nur eine Radikalkur, eine Lostrennung einzelner Teile nur von Nutzen sein kann, aber im Interesse der Erhaltung der Steuerkraft für die Allgemeinheit kann dieser Plan nicht erwogen werden. Die Gemeinde soll nach wie vor eine einheitliche bleiben, nach innen und nach außen. Die heute bestehende nicht mehr haltbare Lage läßt sich indes meiner Meinung nach ändern durch eine Dezentralisation der Verwaltung der Gesamtgemeinde: durch Einteilung in Synagogenbezirke mit weitgehender Autonomie. Eine Reihe der vorerwähnten Mängel, würde schwinden; deshalb haben an der Erfüllung der von mir ausgestellten Forderungen nicht nur die liberalen, konservativen oder zionistischen Einzelgruppen der Gemeinde Interesse, sondern die Durchführung der Dezentralisation entspricht dem allgemeinen Bedürfnis der Gemeinde, denn alle Parteien haben das gleiche Interesse daran, das Judentum zu heben, die Gleichgültigkeit zu bannen, den Abfall zu hemmen. Nicht eine Zersplitterung der Gemeinde, wie der Gemeindevorstand annimmt, wird eintreten, sondern das Gegenteil. Die Kräfte, die jetzt interesselos abseits' vom Judentum stehen, werden durch die Dezentralisation herangezogey und der jüdischen Allgemeinheit in Groß-Berlin gewonnen, ein innigeres und festeres. Band wird die Judenschaft von Groß-Berlin umschließen. Ist auch die Zahl derer, die für eine Dezentralisierung eintreten, heute noch keine große, so liegt der Grund meines Erachtens in der Apathie, der Gleichgültigkeit weiter Kreise am jüdischen Leben, die eben bezwungen werden soll. Aufgabe der Verwaltung,, der Männer, die an der Spitze derselben stehen, muß es sein, das Ueberhandnehmen der Indolenz zu bekämpfen.