Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 384 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Berele behagte diese stille Ergebenheit und er schritt würdevoll weiter. - Der Hund kannte Bereles Gemütsart und er störte ihn nicht durch unliebsames Bellen im Nachsinnen, nur, wenn es eben nötig war und er ihn auf etwas Verdächtiges aufmerksam machen wollte. So etwas mochte dem Hund jetzt ausgefallen sein, denn er kläffte kurz, aber ausdrucksvoll. Berele zuckte zusammen. Der Hund meldet sich nicht ohne Grund an. Irgendwo geht etwas vor und wenn etwas vorgeht, so ist das schlimm für ihn, den Nachtwächter. Vorsichtshalber zog er den Nock bis an die Ohren hinauf und blickte erst dann ringsherum. Eben stand er vor dem Tempel und wie er dorthin schaut, sieht er, daß das ewige Lämpchen vor der Bundeslade ihm entgegenblinkt. Berele wurde betroffen. Wenn die Tempettür zugemacht ist, dann kann man das Licht nicht sehen. Demzufolge steht der Tempel offen. Warum steht er offen? Hier ist kein Dieb gewesen, sonst hätte das der Hund schon längst gespürt. Wie es scheint, hat ihn der Schames offen gelassen. Also, was soll er jetzt tun? Neben dem Tempel wohnt der Rabbiner. Auch der hat einen Schlüssel zum Tempel. Soll er ihn aufwecken? Und wenn er erschrickt? Oder, wenn die Rabbinerin erschrickt. Nein, den Rabbiner nicht wecken, lieber geht er zum Schames, wenn der auch um etwas weiter wohnt. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. The reform Advocate. Special Number, commemorating the fifliefh anniversary of the founding of Chicago Sinai Congregation. Vol. XLI — 21 sz Year. May 6. 1911. No. 12. Deutsche, besonders jüdische Leser muß beim Anblick dieser Zeitschrist ein Gefühl des Neides beschleichen, denn es gibt wenige Zeitschriften und sicher keine jüdische Zeitschrift in Deutschland, die sich in einem so vornehmen Gewände präsentierten. Wenn auch diese Nummer als Jubiläumsnummer ausgestattet ist, so stehen doch die sonstigen gewiß nicht allzu weit dahinter zurück. Der größte Teil dieser Nummer ist dem fünfzigjährigen Bestehen der Sinaigemeinde gewidmet. Eingeleitet wird das Ganze durch eine mit flammender Beredsamkeit dargestellte Schilderung der Entstehung der Gemeinde und einen Rückblick auf ihre Geschichte, aus der Feder von Emil G. Hirsch, dem langjährigen verdienstvollen Rabbiner der Gemeinde, dessen Bild die Titelseite schmückt. Es ist die Rede, welche er beim Scheiden aus dem alten Tempel der Gemeinde am 23. April hielt. Es schließt sich eine genaue Schilderung der ganzen Entwicklung von H. Eliassof an mit zahlreichen bildlichen Darstellungen von Männern, welche sich um die Gemeinde verdient gemacht haben. Aus den vielen Aufsätzen, welche die Zeitschrift noch enthält, und die sich zum größten Teil auf einzelne Epochen in der Geschichte der Gemeinde und auf die einzelnen philantropischen und wissenschaftlichen Gründungen der Gemeinde beziehen, verdient noch die Abhandlung von Kaufmann Köhler hervorgehoben zu werden, die in anziehender Form zeigt, welche Forderungen heutzutage in der Ethik zu stellen sind und wie sie zu lehren ist. Bewunderungswürdig ist, was die Gemeinde auf dem Gebiete der Erziehung leistet, wie sie die Körperkultur pflegt und die praktische Ausbildung nicht vernachlässigt. Ihr großes Werk, die „Jewish Training School“, die ursprünglich für die armen eingewanderten russischen Juden bestimmt war, ist später in die vereinigten Wohlfahrtsanstalten von Chikago ausgenommen worden. Ihre Einrichtungen, die auf dem alten Spruch: Mens sana in corpore säno beruhen, können vorbildlich für die ganze Welt genannt werden. Aus dem zweiten allgemeinen Teil des Reform Advocaie, der Romane, Mitteilungen usw. enthält, mag noch auf den Bericht über das Chicago Hebrew Institute mit zahlreichen Abbildungen hingewiesen werden, aus dem hervorgeht, in welcher Weise für das körperliche Gedeihen der Jugend gesorgt wird. — Moral. Der Roman einer Berliner Familie von Arthur. Landsberger. Vierte Auflage. München und Leipzig, Georg Müller. 1911. Wiederum Berlin W und wiederum das Milieu einer jüdischen, zum Katholizismus übergetretenen Familie. Diesmal ist es die eines Geheimen Kommerzienrats Friedheim. „Die Unerschrockenheit, mit der hier den sogenannten Moralbegriffen des westlichen Berlins heimgeleuchtet wird, ist schlechterdings nicht mehr zu überbieten", sagt der Prospekt. Es handelt sich darum, daß Käthe Friedheim mit einem adligen Leutnant ein Verhältnis unterhält, das Folgen hat. Da der Offizier aus Gründen, die uns nichts angehen, zurttcktritt, so wird Käthe mit dem ersten Prokuristen verkuppelt, der, ein skrupelloser Mensch, sein langjähriges Zusammenleben mit einer Jugendliebe aufgibt, sich ihr gegenüber aufs gemeinste benimmt und auch seitens seiner Braut und seiner neuen Familie alle Demütigungen auf sich nimmt, nur um Chef des Geschäftes und ein reicher Mann zu werden. Die Art, wie diese Menschen, besonders Käthe, jede wirkliche Moral mit Füßen tritt, wie sie das arme Weib, dessen Kind sich ums Leben gebracht hat — trotzdem hatte man der Mutter den Prozeß gemacht, ans den: sie schließlich siegreich hsrvorgeht — als unmoralisch verachtet, ist glänzend geschildert. Ileberhaupt zeugt die Darstellung, wenn sie. auch manchmal konventionelle Typen darbietet, von scharfer Beobachtung. Hoffentlich — so möchten wir wenigstens sagen — sind die Zustände in Berlin W nicht so. wie sie hier aufgezeigt werden; entsprächen sie auch nur entfernt dem hier gebotenen Bilde, so müßten wir in einer Zeit leben, der gegenüber die berüchtigte Regentschaft eine paradiesische Unschuldszeit war. Im Gegensatz zu dem ersten Roman treten hier aus dem Pfuhl der Gemeinheit wenigstens ein paar Lichtbilder hervor. Der Sohn des Kommerzienrats, Erich, ein Musiker, ist ein Prachtmensch. Die Art, wie er seiner verlotterten Familie, seiner völlig verderbten Schwester und der prächtigen Freundin seines ehemaligen Freundes, nunmehrigen Schwagers, entgegentritt, zeugt von der schönsten Reinheit des Herzens. Als ein bedeutendes Werk kann ich das Buch in keiner Weise betrachten, weil es von Uebertreibungen und Unwahrscheinlichkeiten wimmelt und weil die offenbare Lust, wirkliche oder vermeintliche Schäden aufzudecken, den Kunstwert erheblich schädigt. Aber jedenfalls ist es ein mit Geschick gezeichnetes Bild einer korrumpierten Gesellschaftsschicht, wie der Verfasser sie gesehen hat oder gesehen zu haben glaubt. Einzelne Szenen sind mit derbem Humor gezeichnet' namentlich die eine, in der die ehemalige Geliebte des Offiziers diesem von dem Geheimen Kommerzienrat weggekapert wird, und die andere, in der dieses Weib ihrem Galan recht peinliche Situationen bereitet. . Ludwig Geiger. * — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur--und Sittengeschichte von Dr. M. H. Fried länder. Wien 1911. Druck und Verlag von M. Waitzner und Sohn. Man irrt sich, wenn man meint, das Buch beschränke sich auf Oesterreich, denn in den meisten Abschnitten wird auf die ältesten Zeiten zurückgegangen, der Ursprung mancher Zeremonien nachgewiesen. Das Büchlein enthält sehr interessante Mitteilungen, freilich ohne Quellenangaben, über Kindererziehung, häusliche Gebräuche, jüdische und deutsche Schulen, Verlobungs - und Hochzeitsfestlichkeiten und manches andere. Besonders interessant ist eine Luxusordnung S. 45 ff. über Konfirmation, Verlobungs- und Hochzeitsmahl. Mehr auf das eigentliche Thema gehen die Abschnitte über Gemeinderepräsentanz, Rabbiner und Synagogen ein, wo viele sehr originelle Mitteilungen zusammengestellt werden. In einer Schlußbetrachtung und einem Schlußwort legt der Verfasser eine Lanze ein für die Beibehaltung alter Gebräuche und Zeremonien. Das Büchlein, in dem es häufig etwas kraus durcheinander geht, zeugt von großer Liebe zum Judentum und einer bedeutenden Kenntnis vergangener Zeiten, nur versteht es leider der Verfasser nicht, seinen Stoff auch andern leicht genießbar zu machen. L*