Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ich? Nun auch ich muß tun, was der -liebe Gott will. Und ich sehe schon, was er will. Und glaube nicht, das; ich mich darüber beklage. Zwar ist Ore nicht mehr jung, aber die Kinder sind so niedlich und so süß. Du solltest nur sehen,, wie sie sich freuen, wenn ich vormittag zu' ihnen komme." Esterchens Augen blitzten auf. „Nicht wahr, wie lieb sie sind!" Blümeles Wangen färbte ein schwaches Rot; es war wie die junge Morgenröte. „Ach, und wie lieb!" Sie sagte es so stolz, als wäre sie die Mutter. Dann erzählte fie von ihren Schelmenstreichen, die man nicht ohne Lachen anhören konnte. Bald erklang auch Helles, jugendfrisches Lachen in dem kleinen Mädchenzimmer und keiner hätte geglaubt, daß es noch vor wenigen Minuten der Schauplatz tiefer Trauer gewesen sei. Als sich dann Blümele verabschiedete, ries ihr Esterchen noch durch das Gitter nach: „Küsse mir Moseschen und Davidchen!" Esterchen blickte Blümele noch lange nach und dankte Gott dafür, daß diese so zufrieden war. Ore wird sie zur Frau nehmen, Ore, der ein sehr braver Mensch ist, trotzdem man ihn des Chuwers beraubt hat. Zwar ist er nicht mehr ganz jung, aber die Kinder sind niedlich und süß, alle drei sind liebe küssenswerte Spitzbuben. Blümele wird glücklich sein. Doch sie! Was wird mit ihr geschehen? Sie mußte sich an dem Eisengitter festhalten, um nicht umzufallen. Es schwindelte ihr bei diesem Gedanken. Nicht deshalb, was sich an diesen Gedanken als allerletzte Möglich- . keit knüpfte, sondern deshalb, was ihr als. erste Pflicht daraus erwuchs. Sie dachte an den Brief, welchen sie an Liweitzer schreiben mußte. An diesem Nachmittag überlief sie hundertmal ein eisiger Schauer und hundertmal siedende Hitze. Mit Ungeduld erwartete sie die Dämmerung, und als diese eintrat, bekam sie Angst vor den webenden Schatten. Als ihr Vater beim Schein der Wachskerze den Sabbat verabschiedete, pochte ihr Herzchen so laut, daß sie Furcht hatte, es könnte das jemand hören. Also jetzt! Jetzt darf sie schreiben. Doch zuerst muß noch das Abendessen verzehrt werden und während des Speisens muß sie plaudern und lachen, damit man ihre Nervosität nicht bemerke. Sie besaß genug Verstellungskunst. Keiner bemerkte, daß in ihrem Köpfchen romantische Pläne gärten. Endlich durfte sie sich auf ihr Zimmer zurückziehen. Hurtig entkleidete sie sich und kroch ins Bett, damit man glauben möge, sie wäre eingeschlafen. Als dann im ganzen Hause tiefe Stille herrschte, kroch sie geräuschlos unter der Bettdecke hervor, nahm Schreibzeug her und setzte sich hin, um an Liweitzer zu schreiben. Sie hatte gedacht, in einer Minute damit fertig zu werden, hatte sie doch den ganzen Nachmittag Zeit gehabt, über den Inhalt nachzudenken. Doch als sie damit beginnen wollte, war ihr der schönstilisierte Brief aus dem Gedächtnis geschwunden. Sie mußte also neuerdings Nachdenken. Ja, ja, aber wie an fangen? Das ist furchtbar schwer. Endlich fing sie mit schönen, länglichen Buchstaben zu schreiben an: „Lieber Herr Liweitzer!" Das klingt schön. Sie las es ungefähr zehnmal durch und errötete jedesmal. Nein, so kann sie ihn nicht anreden. Sie zerriß den Brief und begann einen anderen. Nun gebrauchte sie keine so unüberlegte Ansprache. Sie begann mit: „Sehr geehrter Herr Liweitzer!" : Erst gefiel es ihr, doch dann fiel ihr ein, daß, ihr Vater seine geschäftlichen Briefe so beginne. Das ist kein Geschäftsbxiefi und Liweitzer kein Kaufherr. Als sie so mit sich^ stritt, kam ihr in den; Sinn, daß Liweitzer überhaupt kein Herr, sondern ein Bocher sei, und daß es unrichtig wäre, ihm einen Brief in deutschen Lettern zu schreiben. Schreibt sie ihm aber mit hebräischen Lettern, so kann sie ihn gar nicht bei seinem Familiennamen-nennen. Dabei blieb sie nun. Mit Blitzesschnelle flog die Feder über. das Papier. Sie vertiefte sich in das Schreiben und bemerkte nicht, daß die Tür ausging und in Nachtgewand und Nachtmütze ein altes Männchen mit grinsendem Gesicht eintrat. Reb Joßele kam mit leisen, unhörbaren Schritten hinter ihren Rücken geschlichen und als er ganz nahe war, stieß er sie mit den knochigen Fingern an: „Guck, Esterchen, guck!" Esterchen schnellte zu Tode erschrocken empor, das alte Männchen aber lachte laut. „Hab' ich Dich erschreckt, Hab" ich Dich erschreckt?" Esterchen blickte den Alten starr an, als wäre er ein Gespenst. Dieser plapperte weiter: „Ich Hab" nicht schlafen können, Esterchen, so bin ich aufgestanden. Dann Hab' ich gesehen, daß bei Dir Licht ist und bin hergekommen. Was hast Du gemacht, Esterchen?" Esterchen zitterte noch immer vor, Schrecken. „Nichts," sägte sie leise. „Du hast geschrieben, geschrieben hast Du, ich hab's gesehen. Was hast Du geschrieben, Esterchen?" 4* „Nichts," schrie das Mädchen und versteckte rasch den Brief in ihrem Nachtgewand. Reb Joßele grinste. Er bückte sich mit überraschender Flinkheit und las die Papierfetzen vom Fußboden auf. „Das ist auch nichts, Esterchen? Das ist auch nichts?" „Großvater, geben Sie es her," flehte Esterchen. „Dieses, Esterchen? Das ist ja nichts," lachte der Alte und trippelte hinaus. „Es ist um mich geschehen! " schrie Esterchen verzweifelt und warf sich schluchzend auf ihr Bett.. Ihre Zähne stießen aneinander und es fröstelte sie vor Entsetzen. Draußen brach schon der Morgen an und Esterchen lag noch immer mit weitgeöffneten Augen da und dachte nurandas, was jetzt mit ihr. geschehen werde. In jenem Briefe hat sie geschrieben: Lieber Herr Liweitzer. Ach Gott, was wird man von ihr denken? * Auch Liweitzer war diese Nacht nicht auf Rosen.gebettet. Esterchens weiches Lager wurde nur von der Furcht mit Dornen bestreut, ihm war das Schicksal noch .ungünstiger. Keine verstreuten Dornen, nein, ein ganzer Wald von Nesseln machte seine Seele wund. - Es war nun die Mitternachtszeit, als die Gasse vor dem Hause des Bäckers von Menschen zu wimmeln begann/ Von allen Seiten kamen Leute und begrüßten einander durch Zeichen, wie Verschwörer. Dann drückten sie sich platt an die Mauer und verharrten mäuschenstill. Es war eine stockfinstere Nacht, wie geschaffen für geheimnisvolle Umtriebe. „Ich mag diese Nachte nicht gern," brummte Berele Beer, als er die Gassen durchschritt. „Das ist eine.Hundezeit, nicht wahr Hektor?" - Des Verwalters Hund, der getreulich an seiner Seite ging, rieb die Nase an seinem Rock, was soviel hieß, daß er keine besondere Meinung habe; es verhalte sich gewiß so, wie Berele sagt. '