Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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382 endlich hinfiechte und verschied. Glücklicherweise verschied zur selben Zeit auch seine Schwiegermutter, mit der er nur recht selten zankte, und sie hinterließ ihm eine kleine Summe Geldes, womit er sich ein zweites Pferd kaufte. Eines Tages fragte ich ihn nun, ob er mit seinem neuen Pferde zufrieden sei, und seine Antwort war verneinend- Denn das Tier, sagte er, habe drei „6besuomm" Dehler), die ihm selbst gar nicht paßten. Erstlich habe es ein gutes Auge, dazu besitze es ein gutes Gehör, und endlich respektiere es ihn zu sehr. „Wie heißt," rief ich darauf verwundert aus, „dies find ja alle ,Maa1os" (Vorzüge), die ein gutes Pferd nur haben kann." Mendele erklärte mir aber die fraglichen drei Punkte wie folgt: „Mein Pferd," sagte er, „hat ein gutes Auge, und infolgedessen bleibt es häufig stehen, so oft es ein Hügelchen in weiter Ferne erblickt. Nebstdem besitzt es auch ein gutes Gehör, und somit bleibt es ebenfalls stehen, sobald es nur das geringste Geräusch hört. Daß es mich recht sehr respektiert, beweist es dadurch, daß es niemals mir vorangehen will, so daß ich oft genötigt bin, es mir immer nach- ' zuschleppen." Mr. Bogen erwähnte auch ein possierliches Gespräch, das Reb Pessach den Tischgenossen jüngst wiederholte, welches er einst in seiner Heimat mit einem Freunde hatte, der in einer benachbarten Stadt lebte. „Ich," sagte er, „pries ihm gegenüber die außerordentliche Frömmigkeit unseres Rabbiners, und namentlich in Sachen, die mit der Küche in Berührung stehen. So beschäftigt er z. B. zwei Dienstboten, wovon die eine nur mit Fleischspeisen und die andere ausschließlich mit Milchspeisen sich zu beschäftigen hat. Diese dürfen nur dann miteinander zusammenkommen und konversieren, nachdem sie sich beide gründlich die Hände gewaschen hatten." Darauf bemerkte mein Freund, daß der Rabbiner in seiner Heimatsstadt in dieser Beziehung noch viel frommer sei. „Denn letzterer," sagte er, „sei stets darauf bedacht, daß wenn er zuweilen hebräisch gesprochen und sich des Wortes (Fleisch) bedient hatte, sechs volle Stunden zu warten, bis er sich erlaubte, das Wort (Milch) zu nennen." Am letzten Abend unseres Zusammenseins im fraglichen englischen Badeorte fragte ich Mr. Bogen, ob infolge der unliebsamen Erfahrungen, die er in seinen Liebesangelegenheiten mehrmals gemacht, er nun entschlossen sei, für alle Zukunst ledig zu bleiben. „Ach nein," sagte er, „denn wer kann der Philister sein und der Liebe für immer adieu sagen, der, wie ich, häufig das „Hohelied" liest und das herrliche Bild der holden'Schäferin vor sich hat, die daselbst eine Hauptrolle spielt. Schade nur, daß sie einen einzigen großen Fehler hat, und zwar besteht dieser darin, daß sie nämlich so arm wie eine. Kirchenmaus ist." Nachdem er seine letzte Bemerkung beendet hatte, reichte er mir ein Papier, das, wie er sagte, eines seiner jüngst verfaßten Gedichte enthielt. Dasselbe lautete, wie folgt: Wie dem Säufer die Flasche gefällt, Die recht starke Getränke enthält; Wie das Auge des 'Schlemmers sich erhellt, Wenn gute Speisen man vor ihn stellt: So lieb' ich die Frau, bei der sich gesellt Schönheit mit einem Beutel voll Geld, Seim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsöni. XXVII. ortlos saßen sie nebeneinander; Esterchen betrachtete die ■V Spitzen ihrer Schuhe und Blümele das Blumenmuster ihres Kattunkleides. Sie schauten einander nicht an, dennoch las jede deutlich in dem Herzen der Änderen. Esterchens Gesicht glühte, Blümele. war leichenblaß. Und wie sie so da saßen, war es Esterchen mit einem Male, als ob glühende Kohlen auf ihr Herz fielen. Sie warf einen verstohlenen Blick auf Blümele und jetzt erblaßte auch sie. „Du weinst?" fragte sie stammelnd. > Blümele zerdrückte schnell die perlenden Tränen in ihren Augen, stand auf, glättete die Falten ihres'Kleides und antwortete: ... .! ’ „Ich weine nicht. Bloß die Sonne schien mir in die Augen." Esterchen wägte nicht, sie zu trösten. Blümele schritt zur Tür hin. Mit schleppenden Schritten, als ob sie eine große Last trüge. An der Schwelle blieb sie stehen und wandte sich um. „Esterchen," sagte sie ruhig, „glaube nicht, daß ich auf Dich böse bin. Ich weiß, daß Du nicht dafür kannst. Gott hat es so haben wollen. Also . . . also seid glücklich." Esterchen stieß einen leisen Schrei aus. „Ich weiß, was ich rede," lächelte Blümele traurig. „Aber ich beklage mich ja nicht. Das hat so sein müssen." „Aber was sprichst Du da durcheinander?" fragte Esterchen und die Aufregung benahm ihr den Atem. „Bor mir sollst Du Dich nicht schämen. Denn — wozu es leugnen — wovon Du träumst, davon habe auch ich geträumt. Nur, daß ich es nicht hätte tun dürfen, weil ich unwissend und arm bin." Esterchen preßte die Hände an ihren Busen, denn sie .fühlte, daß die Verzweiflung sie ergreifen müsse. Doch vergeblich wollte sie sich stark zeigen, sie konnte ihren großen Schmerz nicht verbergen. Mit ihren Armen umfaßte sie plötzlich Blümele und barg hilfesuchend und zitternd wie ein verwundeter Vogel ihr Köpfchen an der Brust der Freundin. „Ach, Blümele, wie tut mir das Herz so weh!" Blümele vergaß das eigene Elend, schaute mit tiefem, erbarmungsvollem Mitleid auf das bleiche Kind, nahm es in ihre Arme und bettete es auf den Diwan. ' „Na, weine nicht," sprach sie mit leisen, beruhigenden Worten. „Du wirst sehen, daß sich noch alles zum guten wendet." . „Aber man wird ihn doch vertreiben." „Wenn man ihn vertreibt, wird er auch zurückkommen." „Was nützt mir das? Mich wird man nur einem Reichen geben." „Was weißt Du?" versetzte Blümele ärgerlich,: „Dein Vater .ist ein mächtiger Mann, aber nicht mächtiger als der liebe Gott. Das wird geschehen, was der liebe Gott will." Esterchen. hätte sich gar zu gern trösten lassendoch dgs schwache Lächeln wich wieder von ihren Lippen. „Aber Du? Aber Du?" frug sie und Hub wieder an zu weinen.