Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
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381 diesen seinen Entschluß, sobald als möglich nach der „seasiäe" zu gehen, gab er mir in folgenden Poetischen Zeilen kund: „Wie das lechzende Reh das, Wasser begehrt, Wenn die heiße Sonne den Durst ihm vermehrt, So sehnt sich nach des Meeres kühlenden Wogen Der in der Hitze schmachtende Meier Bogen." Nebstdem teilte mir derselbe Schreiber auch mit, daß seine beabsichtigte Verlobung mit der „lustigen Witwe" nicht zustande gekommen sei. Die Ursache davon machte er mir wiederum in einem kurzen Gedichte bekannt, das folgendermaßen lautete: „Schön ist die Witwe und voll von Lebenslust, Ihre Liebespfeile durchdringen die Brust; Doch leider hat sie weder Gold noch Juwelen, Und ich kann mich deshalb mit ihr nicht vermählen." Gleich nach Empfang des fraglichen Brieses schickte ich dem Absender desselben eine Antwort, worin ich ihm für seine Höflichkeit bestens dankte und ihm zugleich auch mitteilte, daß ich ebenfalls beabsichtigte, nach demselben englischen Badeorte zu gehen, wo wir im vorigen Sommer so manche interessante Zusammenkünfte an der Meeresküste hatten. Nebstdem sprach ich auch die Hoffnung aus, daß ich die Gelegenheit haben werde, mit ihm zuweilen am selben Platze wieder zusammenzutreffen. Eines schönen Abends nun — es war gegen Anfang Juli d. I. — spazierte ich der Meeresküste entlang im oben erwähnten englischen Badeorte und gewahrte bald eine Gruppe von Leuten, die einen Kreis bildeten, in deren Mitte ein Straßenprediger stand und eine feurige Rede gegen die Trunksucht hielt. Dieser, ein kleines Männchen von keineswegs anziehender Gestalt, war in einen etwas schäbigen, schwarzen Anzug gekleidet und schien der stellenlosen klerikalen Brüderschaft anzugehören. Was bei ihm besonders auffiel, war seine stark gerötete Nase, die darauf hindeutete, daß der Besitzer derselben einst ein Liebhaber von geistigen Getränken gewesen sein mußte. Der fragliche Redner hatte eben die Einleitung zu seiner Ansprache begonnen, die folgendermaßen lautete: „Die Trunksucht," sagte er, „hat schon im grauen Altertum existiert, denn die Bibel erwähnt schon das Räuschchen, das Vater Noah sich angetrunken, nachdem er die Arche verlassen hatte. Aber für ihn kann man leicht die Entschuldigung Vorbringen, daß er nämlich eine große Quantität von Traubensaft verschluckte, weil er während der langanhaltenden Sintflut nichts als geschmackloses, kaltes Wasser um sich sah. In moderner Zeit aber, wo keine Sintflut mehr existiert, sollten alle geistigen Getränke von uns verpönt werden, da sie viel Elend und Armut verursachen." „Hear hear,“ tönte es plötzlich aus dem Munde eines der beistehenden Zuhörer, und dieser, bemerkte ich bald, war der schalkhaft lächelnde Mr. Bogen. Es dauerte gar nicht lange und wir saßen beide auf einer der Bänke, die an der Meeresküste entlang sich befinden und von den Badegästen häufig in Gebrauch genommen werden. Die erste Frage nun, die ich an Mr. Bogen richtete, war, ob er jetzt auch, wie in früheren Jahren, im Boarding Rouse, „Elysium" genannt, wieder logierte. Diese Frage bejahte er, bemerkte aber zugleich auch, daß die fragliche Speiseanstalt eine Metamorphose im Namen erlitten habe. Denn sie heiße nicht länger „Elysium", sondern vielmehr „Das Paradies." „Diese Metamorphose," fuhr Mr. Bogen fort, „hat ihre Entstehung einem super-orthodoxen Gast zu verdanken, der da meinte, daß das Wort „Elysium" etwas zu „goyisch" klinge, während „Paradies" mit dem biblischhebräischen „Pard es" recht innig verwandt sei." Als ich Mr. Bogen ersuchte, mir den fraglichen interessanten Gast etwas genauer zu beschreiben, sagte er, daß derselbe ein gewesenes Mitglied der Konferenz der russischen Rabbiner sei, die vor kurzem in London abgehalten wurde. Derselbe fromme Mann, fuhr Mr. Bogen fort, spreche beständig bei Tische von dem jetzigen zerrütteten Zustand des Judentums in England, und behaupte ganz ernstlich, daß dasselbe sich wieder zur schönsten Blüte entfalten werde, sobald alle englischen Juden den Theaterbesuch aufgeben und ihre Frauen den „gebenschten Scheitel" wieder in Gebrauch nehmen würden. Daß es so häufig in England' regnet, meint derselbe Fanatiker, sei der beste Beweis, daß selbst der Himmel daselbst häufig Tränenströme über die Irreligiosität vergieße, die unter den englischen Juden herrscht. Kaum hatte Mr. Bogen seine letzte Mitteilung beendet, da kam plötzlich, wie ein deus ex machina, ein starker Regenguß auf uns herab, und wir sahen uns daher genötigt, in unseren respektiven Wohnungen ein Obdach zu'finden. Doch arrangierten wir, kommende Woche zur selben Zeit und am selben Ort wieder zusammenzutreffen. Dies geschah nun auch, und als wir eines Abends wiederum am Strande gemütlich zusammensaßen, erzählte mir Mr. Bogen von der jüngsten Ankunft im „Paradies" von zwei neuen Gästen, die seine Aufmerksamkeit besonders in Anspruch genommen hätten. Diese waren ein junger englischjüdischer Prediger und ein ältlicher Mann namens Reb Pessäch, der als einstiger Emigrant aus^ Rußland jetzt in London lebt. Ersterer, sagte er, sei ein kleines, schwarzhaariges Männchen, das aber eine riesengroße „Chuzpe" und Einbildung von sich selbst besitzt. So machte er z. B. bei der gestrigen Abendmahlzeit den Tischgenossen bekannt, daß er im Begriff sei, ein Werk über das hebräische Alphabet zu schreiben, das bei seinem ersten Erscheinen in der Oeffentlichkeit sofort eine große Sensation in der gesamten Gelehrtenwelt Hervorrufen werde. Diesen Prahlhans fertigte aber der anwesende russische Rabbiner mit der sarkastischen Bemerkung ab, daß es nämlich recht praktisch für ihn sei, das hebräische Alphabet recht gründlich zu studieren, da dieses Studium ihm helfen würde, die hebräischen täglichen Gebete richtig lesen zu können. Der fragliche Prediger, fuhr Mr. Bogen fort, sei jedoch durch die Bemerkung keineswegs eingeschüchtert worden, denn heute morgen rühmte er sich bei Tische, eine Predigt über den vorher erwähnten Gegenstand vorbereitet zu haben, die er am kommenden Versöhnungstag in seiner Synagoge halten und die sicher alle Anwesenden zu Tränen rühren werde. Mr. Bogen gab mir dann eine kurze Schilderung von dem . zweiten neuen Gast im „Paradies", und bezeichnet ihn als witzigen Patron, der die Tischgäste mit seinen kurzen lustigenGeschichtchen häufig amüsiert. Eine derselben lautete wie folgt: „Als ich in meiner früheren Heimat, einem kleinen russischen Städtchen lebte," sagte Reb Pessach, „lebte nicht weit von mir Mendele Todros, der Besitzer eines kleinen alten Wagens und. eines mageren, verhungert aussehenden Pferdes war, welche beide Gegenstände ihm, in seiner Eigenschaft als „Baal Agola“ (Kutscher), verhalfen, sich eine ärmliche Existenz zu verschaffen. Zuweilen geschah es aber, daß Mendele wenig verdiente, und infolgedessen reduzierte er die ohnehin magere Fütterung seines mageren Pferdes, bis e