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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-08-11 · Heft 32 (11.8.1911) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
Seite 380 (sequence 8)
Language
German
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380 Stellen vorträgt? Der frühere Kultusminister, ein gewaltiger Haager Friedenskonferenzler, Graf Apponhi, nimmt sein ureigenstes Kind in Schutz, das Bollwerk, das er zur Verteidigung des Katholizismus errichtet hat. Die Kongregationen, meint er, sind eine religiöse Institution, sie unterstehen deshalb, wie jede andere religiöse Institution, nicht der staatlichen Kontrolle, und entziehen sich der parlamentarischen Kritik. Und seine Partei, die den Namen Ludwig Kossuth trägt, der für Ungarns Freiheit und die Rechtsgleichheit der Konfessionen gekämpft hat, klatscht ihm Beifall. Ja noch mehr, sie will ein Parteimitglied mundtot machen, das, trotzdem es protestantischer Pfarrer ist, der Rede des Juden Kelemen zujubelt, besonders dieser Stelle: „In der Mittelschule sollen nur solche Vereine bestehen, in die jeder Student ohne Unterschied der Religion eintreten, also weder Marien-Kongregationen, noch Galilei- (Freidenker), Betlen- (reformierte), Moses- oder Zions- Vereine". Horrible dictu! Ein protestantischer Pfarrer wünscht keine konfessionelle Scheidung in der Mittelschule! Ein solches Freidenkertum im 20. Jahrhundert! Eine Uebereinstimmung zwischen einem Juden und einem reformierten Geistlichen! Diese Kulturdebatte, die bisher schon solche reaktionären Erscheinungen gezeitigt hat, verspricht noch so manches. Da drohte der Führer der Volkspartei die Schächtfrage auszurollen, doch begnügte er sich mit persönlichen Anrempelungen jüdischer Abgeordneter, und der immer im Trüben fischende, aus allen Parteien hinausgeekelte, aus dem Ministerfauteuil gestürzte Polünhi hat sich offen dem Antisemitismus verschrieben, seit ihm sein eigener Klub wegen einer gegen die jüdischen Gemeinderäte gerichteten Rede ausschloß. Er läßt keine Gelegenheit aus, die Judensrage aufs Tapet zu bringen. Einmal unter dem Titel „Börse", ein andermal 8ub nomine Freimaurer. Neuestens will er sich als antisemitischer Wanderredner produzieren. Ob die Kulturdebatte länger oder kürzer dauert, ist einerlei, das bisherige Resultat wird sich wesentlich nicht ändern. Die reaktionäre Strömung ist in Ungarn stark, sie wird aus den Ministerien gespeist. Die .Mittelschulkongregationen sind die „ecclesia militans“ des Klerikalismus, sie träufeln in die Jugend den Geist der religiösen Unduldsamkeit und erziehen ein Geschlecht, das sich sozial von Juden abschließen wird- Dagegen nutzen dann Rezeption und Gleichberechtigung nichts. Vor dem Gesetze ist man gleichberechtigt, im wirklichen Leben überall zurückgesetzt. Die soziale Zurücksetzung führt dann zum Taufbecken, das in Ungarn immer größer und breiter wird. Seitdem die Kongregationsprofessoren eine besondere Protektion im Ministerium genießen und Juden überhaupt nicht angestellt werden, haben manche in der Taufe ihr materielles und in eifriger Propagierung der Kongregation ihr seelisches Heil gesucht. Wir wollen diese Erscheinungen nicht überschätzen und halten uns an das Wort Tiszas: „Es wird niemandem gelingen, in Ungarn das Mittelaltei zu erwecken", aber auch unterschätzen wolle man diese Bewegung nicht, die, weil sie eben die Heranwachsende Jugend geistig verseucht, auf Jahre hinaus soziale Reibungen und konfessionelle Gegensätze schafft. Auf der Universität und Technik, den Bildungsstätten für die zukünftige Intelligenz, kommt es ja seit 2—3 Jahren fortwährend zu Zusammenstößen zwischen der klerikalen und liberalen Jugend. Und von Viesen Hochschulen ins Leben hinaus ist nur eine kurze Strecke. Bedauerlicherweise wurde in dieser Debatte auch von liberaler Seite der Finger auf die Wunde der ungarischen Judenheit gelegt, aus die Zerfahrenheit und Spaltung in zwei feindliche Lager. Sollte diese Mahnung aus dem Parlamente hervor Vielleicht doch endlich Erfolg haben und die beiden Lager zu einem vereinigen? Die obengezeichneten herrschenden Strömungen erfordern eine Kräftigung des Judentums, die durch eine einheitliche Organisation gefördert wird. Man kann ja dem ungarischen Judentum auch sonst nicht Lauheit imd Indolenz vorwerfen. In den letzten Jahren sind großzügige jüdische Institutionen mit einem breiten Wirkungskreis geschaffen worden. Ich nenne den ungarisch-israelitischen Kulturverein, der unter anderen eine „inensa academiea" für 200 jüdische Studenten gegründet, Lesehallen, Bibliotheken und Bildungskurse insbesondere für die eingewanderten nichtungarischen Juden errichtet hat. Eine lobenswerte Tätigkeit entfaltet der jüdische Patronage-Verein, indem er die verwahrlosten Kinder unter seine Obhut nimmt und sie einer anständigen Existenz zuführt. Welches Arbeitsfeld sich diesem Vereine darbietet, ersieht man daraus, daß über zweitausend solcher Kinder in staatlichen Asylen untergebracht sind. Auch der ungarisch-israelitische Literaturverein gedeiht und dringt in der Provinz immer weiter vor. Innerhalb der letzten fünf Jahre hat sich die Anzahl seiner Mitglieder mehr als verdoppelt. Das Gedeihen und Blühen dieser drei großen Institutionen, von den zahlreichen kleineren abgesehen, zeugt deutlich vom Geiste, der das ungarische Judentum belebt, und besonders das Budapester. Um so auffallender ist die Tatsache, daß gerade in Budapest die Taufbewegung in letzter Zeit außerordentliche Fortschritte gemacht. Bankdirektoren, die schon nobilitiert und mit Orden geschmückt find, oder solche, die sich noch danach sehnen, immerhin solche, die durch die Zugehörigkeit zum Judentum nicht gehindert wurden, Karriere zu machen und Vermögen zu erwerben, unterwerfen sich der Taufe und machen auch das Avancement ihrer jüdischen Beamten von der Taufe abhängig. Das ist eine bedenkliche Erscheinung, ob zwar sie wie überall aus derselben Quelle fließt, aus dem Mangel der Charakterfestigkeit und des Ahnenstolzes gewisser jüdischer Kreise und aus der sozialen Abgeschlossenheit anderer christlicher Kreise, deren Pforten manchen Juden den Einlaß in die Gefilde der Seligkeit bedeuten. Erfreulich ist, daß die ungarische Presse, dieses Barometer der öffentlichen Meinung, dies Sichhinaufdrängen mancher Kreise und noch andere Auswüchse, besonders der Budapester Juden, die natürlichen Folgen des großstädtischen Lebens, geißelt, ohne das konfessionelle Moment hervorzuheben, sei es, daß sie dennoch liberaler ist als das Parlament, sei es, daß sie die Bedeutung einer fast eine Million zählenden gut ungarisch gesinnten jüdischen Bevölkerung in dem von acht Millionen slavischer und rumänischer Nationalitäten bewohnten Lande richtig einschätzt und als wichtigen nationalen Faktor achten gelernt hat. Die Presse wird es verhüten, daß die Bäume der Reaktion auch in der Zukunft in den Himmel wachsen. Mus rinem mglllchrn Lsdrorte. Von Dr. I. Chotzner, London. urz nach dem verflossenen Wochenfeste erhielt ich ein Schreiben von dem witzigen und stets — verliebten Mr. Bogen, deffen Bekanntschaft ich vor zwei Jahren während der Sommerferien in einem englischen Badeorte gemacht, das verschiedene Mitteilungen enthielt. In einer derselben informierte mich der Schreiber, daß er die Absicht hätte, im kommenden Hochsommer denselben Badeort wieder zu patronisierenwo wir zur selben Zeit im vorigen Jahre so manche angenehme Plauderei miteinander hatten: Den Grund für

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