Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht. Unter Zedekia wird den jüdischen Knechten zur Zeit | der Not die Freiheit nach religiösem Gesetz gegeben, aber Wiel Nebukadnezar zeitweilig in der Ferne weilt, werden sie wieder 1 eingefangen, — welche Fülle von religiösen Gedanken läßt sich J hier entwickeln, immer mit Beziehung auf unsere Gegenwart, wie denn all diese Verhältnisse, in denen politische Probleme gewissermaßen in elementarer Form auftreten, beurteilt werden mit unseren jetzigen Anschauungen und in sietem Vergleich mit unseren heutigen Zuständen. Nur so wird klar und mit dem Herzen ergriffen, was unsere Propheten wollten, und das Bild ihrer Persönlichkeit wird lebendig. Für Reden, und wären sie noch so schön, hat das Kind keine Aufnahmelust. .Es muß wissen und fühlend erkennen, unter welchen Umständen, zu wem diese Worte gesprochen sind, und vor allen Dingen, wer sie gesprochen hat. Je mehr das Wort Lebensäußerung, Bewegung, Tat ist, Kampf und Abwehr, um so inniger wird es erfaßt. Das Aesthetische darin wird vielleicht erst viel später zum Bewußtsein kommen, es mag, als Samen ausgestreut, im Verborgenen keimen und einst beglückende Ernte werden. Bei der Jugend gilt es vor allem, die großen Persönlichkeiten leibhaftig vors geistige Auge zu stellen. Wir kennen aus ihrer Sprache das Denken und Fühlen dieser Männer genauer, als von vielen anderen weit populäreren biblischen Personen, wir können ihnen ins Herz schauen und auch die äußeren Lebensumstände sind uns zum Teil nicht unbekannt. lSchluß folgt.) Ungarische Lultsndr. Von Prof. Dr. G. Schwarz, Agram. or drei Jahren habe ich in diesen Blättern die Zustände der Judenschaft in Ungarn geschildert (1908, Nr. 8 „Ungarische Zustände"). Damals regierte die Koalition, in der alle Schattierungen der Reaktion, von den Agrariern bis zu den verkappten Antisemiten, vertreten waren. Inzwischen ist die Koalition in sich zerfallen, nachdem sie von „oben" fallen gelassen wurde, und ihr Erbe hat die gouvernementale „Arbeitspartei" angetreten. Ihre Gründer, die Grafen Hederväry und Pisa, gehörten der einstigen liberalen Partei an, deren zersprengte Reste den Weg in die neue Partei wohl fanden, den liberalen Geist jedoch dort nicht mehr anträfen. Wohl war die alte „liberale" Partei nicht immer liberal, auch nicht jeder Volksschicht gegenüber. Sie hatte jedoch oft liberale Anwandlungen und zumindest das Streben, die Reaktion im Keime zu ersticken. Das ist jetzt anders geworden. Die Debatte über den Kultus- und Unterrichtsetat im Reichstage wälzte sich tagelang wie ein breiter Strom, in dem neben den kleinen Wellen der Unterrichtsfrage die großenWogen des konfessionellen Haders treiben. Den Anstoß zur Debatte gab die großangelegte Programmrede des Kultusministers Grafen Zichy. Dieser ist ein echter konservativer Grandseigneur. Einst Chef der sogenannten Volkspartei, jenseits der Leitha christlich-sozial genannt, wollte er sich mit dem Demagogentum dieser Partei nicht befreunden, trat abseits und galt seither infolge seiner persönlichen Konnexionen zum Thronanwärter als der „künftige Mann". Ein eifriger Katholik, aber doch Gegner des Hetzkaplanentums, ein Mann von umfassender Bildung, doch Anhänger des Konservativismus. Mit berechtigter Neugierde sah man dem Wirken dieses Mannes entgegen, besonders in jüdischen Kreisen. Was man bisher von ihm Hörte, klang verheißungsvoll. So erklärte er bei der Regelung der staatlichen Unterstützung der Konfessionen, d. h. bei der Ausführung des Gesetzes vom Jahre-1868, das Prinzip der Gleichberechtigung durchzuführen, obzwar jenes Gesetz von den rezipierten Konfessionen handelt, und die jüdische Konfession im Jahre 1868 noch nicht rezipiert war. Bezüglich der «Selbstverwaltung und Organisation der jüdischen Konfession erklärte er seine Bereitwilligkeit zu ihrer Durchführung, doch halte er es für wünschenswert, daß die beiden Richtungen, die Orthodoxen und Neologen, in diesem Punkte übereinstimmen, gesonnen wären zusammenzugehen, wogegen bekanntlich die Orthodoxen sich mit der größten Energie wehren,') daß wäre ein Zwang in konfessionellen Angelegenheiten, eine Vergewaltigung des Gewissens. Weniger beruhigend als diese Rede waren die Tatsachen, daß der Kongregationismus in der Mittelschule immer tiefere Wurzel faßte und damit im Zusammenhänge das jüdische Element im Professorenkörper zurückgedrängt wurde. Die Kongregationen sind Verbindungen katholischer Studenten unter der Leitung ihres Katecheten, und sie pflegen den religiösen Geist mit Gebet, Psalmengesang und Lektüre' kirchlicher Werke. Die V. Sektion im Kultusministerium galt als Sitz und Herd dieses klerikalen Vordrängens, und trotz mannigfacher Angriffe, mit denen auch der „Pester Lloyd", das angesehenste und den guten Geschmack niemals verleugnende Blatt, nicht zurückhielt, blieb an seiner Spitze Br. Bürkoczy, der aus seiner Sympathie mit der Volkspartei kein Hehl machte. Daß keine Wandlung bevorstehe, konnte man schon daraus erkennen, daß der Minister vor der Reichstagsdebatte im Klub der Regierungspartei die Angriffe auf die Kongregationen mit der Ausrede parierte, er habe von ihren Uebergriffen nichts gewußt — alle Spatzen auf den Dächern pfiffen davon —, doch werde er keinen konfessionellen Kampf zulasten. Diese laue Abfertigung erhielt dann in der ministeriellen Programmrede ihre Beleuchtung. Die große Rede enthielt ein weitgreifendes Unterrichtsprogramm, eine tiefe'Verbeugung vor allen Konfessionen, eine geharnischte Zurückweisung der Freidenkerströmung, eine Ankündigung des Kampfes gegen diese „destruktiven Elemente" und die Versicherung: die nationale Kultur nur auf christlicher Grundlage auszubauen und zu vertiefen, während die Uebergriffe des Kongregationismus gar nicht erwähnt, geschweige denn getadelt wurden. Es war charakteristisch, daß sich die Regierungspartei nach dieser Rede in tiefes Schweigen hüllte, den klerikalen Elementen der Opposition das Applaudieren überließ. Damit war das Signal zum Kampfe gegeben. Der „Pester Lloyd", der niemals der liberalen Fahne untreu war, fragte, ob der Minister unter der „christlichen" Grundlage die Lehre Jesus meinte oder diejenige des Katholizismus; im letzteren Falle scheine der Minister vergessen zu haben, daß es Millionen Anhänger anderer Konfessionen in Ungarn auch gebe, die sich keinesfalls von der Mitarbeit an der nationalen Kultur ausschließen. Wer sind denn die „destruktiven Elemente", denen gegenüber der Minister die „christliche Grundlage" schützen will? Die Freimaurer — sagen die einen; die Juden — sagen die anderen offen, denn diese bilden das Gros der Freimaurer. Gehauen werden die Freimaurer, gemeint aber sind die Juden. Hie Freimaurer, hie Kongregationen! So tobt der Redekampf. Was frommt es, daß Graf Tisza, eine führende Persönlichkeit im ungarischen Parlament, die antireligiöse Bewegung der Freimaurer für gerade so schädlich hält wie das Umsichgreifen der Kongregationen, die den interkonfessionellen Frieden stören? Was hilft's, daß ein angesehener jüdischer Parlamentarier Kelem e n aus den kongregationistischen Traktätlein eine Blütenlese blinden Glaubens und schrankenlose Subordination lehrender *) Vgl. meinen Artikel: „Organisation, und Selbstverwaltung in Ungarn und Kroatien", 1909, Nr. 40, 41.