Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-08-11 · Heft 32 (11.8.1911) · p. Seite 377

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
Seite 377 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228994--67685-3279916
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

31. Oktober 1817 — genau 300 Jahre nach dem Luthertage — das Licht der Welt erblickt hatte. Am 7. September 1891 schied er in München, wo er bei seinem Sohn, dem bekannten Physiker Professor Leo Graetz, zu Besuch weilte, aus dem Leben. Von den gegenwärtig in Breslau wirkenden außer» ordentlichen Professoren sind drei von Bedeutung Juden: Der Physiker Sackur, der Philosoph William Stern, der bekannte Forscher auf dem Gebiete der experimentellen Psychologie, und der Altertumsforscher Leopold Cohn, zugleich Oberbibliothekar an der Universitätsbibliothek. Auch die beiden Vertreter des Faches der Zahnheilkunde an der Universität, Prof. Dr. Walter Bruck und Dr. Hans Riegner, sind Juden. Mit dieser summarischen Uebersicht. die natürlich auf Vollständigkeit keinen Anspruch erhebt, schließen wir die Reihe der Breslauer jüdischen Dozenten. Von den Professoren zur Studentenschaft ist nur ein Schritt. Die Zahl der jüdischen Kommilitonen, die auf der schlesischen Universität ihre allgemeine und fachwissenschastliche Ausbildung ganz empfangen haben, ist natürlich Legion; auch nur die bedeutendsten auszuzählen ist daher unmöglich. Aufs Geratewohl greifen wir einige wenige heraus: Traube, der Kliniker von Weltruf, den noch unvergessenen Parlamentarier Dr. Eduard Lasker aus Jarotschin, seinen Landsmann Dr. Beigel, einer der ersten, der in Deutschland Versuche mit der Bluttransfusion machte, Lasters Vetter Mako wer aus Santomischel, der jahrzehntelang segensreich die Berliner Jüdische Gemeinde leitete, eine Autorität auf dem Gebiet des Handelsrechts, ebenso wie sein Kollege Justizrat Hermann Staub ans Nicolai, Dr. Gustav Karpeles, der Geograph Loewenb erg und andere. Alle die letztgenannten liegen in der Ehrenreihe auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Weißensee. Wenn wir noch den hochbetagt im vorigen Jahr verstorbenen Leiter des Reichenheimschen Waisenhauses, Professor Dr. Moritz Jutrosinski, besonders hervorheben, so geschieht dies aus demGrunde, weil Jutrosinski in der Burschenschaftsbewegung des „tollen Jahres" 1848 eine hervorragende Rolle spielte. Jutrosinski war alter Raczek, desgleichen der verdiente Berliner Stadtverordnetenvorsteher Dr. Wolfgang Straß mann aus Rawitsch mit verschiedenen seiner Brüder, der „alte Asch", das Vorbild von L^Arronges Dr. Claus, und manche im öffentlichen Leben bekannte jüdische Persönlichkeit. Heute, und zwar schon seit der rückläufigen Bewegung, die vor mehr als 30 Jahren begonnen, im Zeichen patentierter Schneidigkeit, nehmen selbst die Raczeks, einstmals die radikalste Breslauer Burschenschaft, keinenJuden mehr auf. So ändern sich dieZeiten! Immerhin hat sich auch manches zu unserem Vorteil gestaltet. -Als Ferdinand Cohn promovieren wollte, war ihm dies in seiner Vaterstadt Breslau als Jude nicht erlaubt. Einige Dezennien später war er und verschiedene andere Glaubensgenossen ordentliche Professoren an derselben Universität, die nach ihren Statuten die Promotion eines Juden nicht zulassen konnte. Hoffen wir, daß in weiteren 50 Jahren, wenn die älma mater Leopoldina Viadrina Vratislaviensis von neuem ein Jubelfest begehen wird,. die „Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft" dann im Mommsenschen Sinne zur Wahrheit geworden, „Klassen-, Rassen- und Massenhaß" um Victor v. Scheffels schöne Worte zu gebrauchen — als „Märchen aus uralten Zeiten" erscheinen wird. Dir Propheten in der jüdischen Volksschule. Von Seminardirigent Dr. M. Spanier-Münster i. W. II. s ist der Zwang göttlichen Geistes, unter dem der Prophesteht (Jer. 20, 4): „Da dachte ich: ich will seiner nicht mehr erwähnen, auch nicht mehr reden in seinem Namen! Da ward es aber in meinem Innern wie loderndes Feuer, das verhalten war in meinen Gebeinen: ich mühte mich ab. es auszuhalten, aber ich vermochte es nicht!" Und nun sollen unsere Kinder diese höchsten Offenbarungen des Geistes, gegeben in einer Form, deren gewaltige Schönheit unsere größten Dichter in Entzücken gesetzt hat, nachsühlen können? Sind sie reif für das Wort der Propheten? Wir .leben in einem Zeitalters, .,r der Verfrühung. Roüsseaus Klage, I j daß man das Kind nicht Kind sein! lasse, gilt heute mehr als je. Wir! können besonders in künstlerischen?. Dingen die Stunde nicht abwarten, i in der das kindliche Gemüt die! Stufe der Entwicklung erreicht hat, daß es gesteigerte Gefühlswerte erfassen kann. Es besteht heutzutage! eine gewisse Neigung zur Kunstmast. j Aber der Ofen brennt nicht, den man mit Heizmaterial überschüttet. Bei der Förderung kunstpädagogischer Bestrebungen konnten wir es bemerken, daß gerade jene Lehrer, die ihr künstlerisch fühlendes Herz plötzlich entdeckt hatten, gar nicht früh genug die klassische Literatur an die Kinder heranbringen konnten, daß nun besonders diese frischen Heilsboten mit einem wahren Fanatismus alles Geschriebene mit ihrem neuen Maßstab daraufhin prüften, ob es auch „künstlerisch" sei.. Plötzliche Erleuchtung führt leicht zu j ekstatischen Zuständen. Und da nun — ich will das wenigstens annehmen — das Schöne diesen Leuten selbst hohen Genuß bereitete, wollten sie in schenkender Güte auch den Kindern i von dem köstlichen Quell zu trinken geben — ohne Rücksicht auf den Durst. Was für sie selbst den starken Reiz der Neuheit hatte, das sollte alle beglücken, und in einem ästhetischen Pharisäertum (das Wort im landläufigen Sinne gebraucht) - hielten sie jeden für einen armen Sünder, der ihre unentwegte, der Tagesmode folgende Kunstpropaganda nicht mitmachen mochte und schädigten gerade damit die berechtigten Forderungen der ästhetischen Erziehung. Wir werden also, um nicht in den Fehler unserer Freunde zu verfallen,, bei der Auswahl des Stoffes stets gewissenhaft zu prüfen haben, was ist wirklich kindertümüch, was kann von den Kindern völlig erfaßt und Professor Dr. Siegmunö Frankel gestorben 1910

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.