Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 unter Zustimmung des Polnischen Heerführers Koseiuszko eine jüdische Kavallerie-Abteilung bildete, die sich der polnischen Sache angenommen und die blutigen Kämpfe mitgemacht hat. Er und seine jüdischen Kriegsgenossen zeigten bei jeder Gelegenheit bewundernswerten Heldenmut. Die polnische Heeresleitung würdigte seine Verdienste dadurch, daß sie ihn zum Obersten ernannte und ihm das Kreuz des polnischen Militärordens verlieh. In der Schlacht bei Gruchow kämpfte die jüdische Schar unter Berek so lange, bis sie gänzlich aufgerieben war. Nur Berek entkam dem Blutbade. Er entfloh mit vielen anderen seiner besiegten Landsleute nach Frankreich und beteiligte sich sofort an dem Kriege, den Napoleon nach Polen gewälzt hatte. Es wurde, ihm die Führung eines polnischen Reiterregiments anvertraut, mit dem er auf Napoleons Kommando in Galizien eindrang und dann nach Polen marschierte, wo er den Tod eines Helden fand. Seine Soldaten führten einen Hügel über sein Grab auf und verherrlichten seinen Tod in einem Volkslied, das noch heute nicht vergessen ist. Als vor zwei Jahren in Galizien der hundertjährige Todestag des Berek Josselowitsch gefeiert wurde, faßte der polnische Edelmann Eduard Szukowski (im Gouvernement Sjedlez) den Entschluß, aus eigenen Mitteln dem um die Geschichte Polens hochverdienten jüdischen Helden ein Denkmal zu errichten. Interessant ist, daß die russische Regierung die Erlaubnis zur Errichtung des Denkmals ohne weiteres erteilt hat. Es wird jetzt in dem Bildhaueratelier der Gebrüder Bartmanski in Warschau angefertigt und wird demnächst in dem Städtchen Kozk auf dem Hügel über dem Grabe -des Helden zur Aufstellung gelangen. Die Inschrift lautet: Hier ruht Berek Josselowitsch, geboren im Jahre 1760, gestorben im Jahre 1809. Aus Petersburg wird der „N. I. K." geschrieben: In hiesigen gutunlerrichteten Kreisen führt man die Verschiebung des Wiener Emigrationskongresses auf Hen Einspruch Mr. Jacob Schiffs zurück, der erklärte, die Abhaltung eines Emigrationskongresses im gegenwärtigen Zeitpunkte würde eine schwere Gefahr für die amerikanisch-jüdische Emigration bedeuten. Die vor kurzem in Petersburg abgehaltene Emigrationskonferenz halte eine Abordnung an die großen jüdischen Organisationen in Westeuropa entsandt, um sie für den Plan des Emigrationskongresses günstig zu stimmen und zur Beschickung der Wiener Versammlung zu veranlassen. Diese Abordnung besuchte auch Mr. Schiff in Frankfurt a. Main. Herr Schiff erklärte den Herren jedoch, daß nach seiner Kenntnis der Sachlage ein internationaler Emigrationskongreß wie der jetzt geplante die Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen in den Vereinigten Staaten zur Folge hätte, also gerade das Gegenteil von dem erreichen würde, was seine Veranstalter beabsichtigten. Diese Erklärung des Herrn Schiff hat auf das Wiener Organisationskomitee einen solchen Eindruck gemacht, daß es die Verschiebung des Kongresses beschloß. Es ^wird auch versichert, daß die Idee des Emigrationskongresses überhaupt fallen gelassen worden sei, und daß an Stelle des Kongresses im nächsten Jahre eine geschlossene Konferenz in kleinerem Maßstabe abgehalten werden soll, an der sich dann auch die Jca und der Hilfsverein der Deutschen Juden beteiligen dürften. Zum JÖmlaurr Anmrrsitstsjululsmn (3. August). Von D. Carl Pinn. m. I. Rosanes, des bereits oben kurz erwähnten letzten jüdischen Ordinarius in Breslau, Verdienste um seine Spezialwissenschaft, die Mathematik, von der er^ einen Zweig, die analytische und darstellende Geometrie, mit besonderer Vorliebe pflegt, hier näher zu verfolgen, müssen wir uns leider versagen, da bei der Sprödigkeit der Materie die richtige Wertschätzung von einschlägigen Leistungen nur Eingeweihten vergönnt ist. Auch sind wir dieser Aufgabe durch die kurze Autobiographie, die der verehrte, im 70. Lebensjahr stehende Gelehrte vor wenigen Wochen erst in diesem Blatt veröffentlicht hat, mit Fug und Recht überhoben. Hervorheben wollen wir nur noch zweierlei, was für unsere Leser von besonderem Jntereffe sein dürste: zunächst, daß Rosanes, der aus Brody stammt und eigentlich zum Kaufmannsstand bestimmt war, sich als Autodidakt selbst den Weg zur Gelehrtenlaufbahn erschlossen hat, in der er es bereits im Alter von 30 Jahren zum Ordinariat brachte. Daß er das Dekanat in der philosophischen Fakultät und das Rektorat bekleidet hatte, hat er in seiner schlichten Weise nur kurz erwähnt, kann jedoch als Beweis für das hohe Ansehen gelten, dessen er sich im gesamten Lehrkörper erfreute. Seine Schüler rühmen neben seinen hervorragenden Charaktereigenschaften den lichten und klaren Vortrag seiner Deduktionen. Wenngleich nur „Außerordentlicher", weit über die Grenzen seiner Heimatsprovinz bekannt war Professor Hermann Cohn, der unermüdliche Vorkämpfer für die Hygiene des Auges, ein Fürst im Reiche der Wissenschaft. Er hatte eine schier unermüdliche Arbeitskraft; weit über 200 Abhandlungen hat er veröffentlicht, die meist ins hygienischophthalmologische Gebiet schlugen und teilweise grundlegend für die Augen- und Schulhygiene waren. Eine Anzahl seiner^ Arbeiten wurde ins Französische, Englische und Russische übersetzt. Als akademischer Lehrer war Hermann Cohn sehr beliebt. Sein berühmtes Publikum über die Hygiene des Auges hörten Studierende aller Fakultäten und auch das nach Bildung lechzende Laienpublikum jeglichen Standes. Auf den großen medizinischen und hygienischen Kongressen fehlte er nie; stets bildete er eine der markantesten Erscheinungen dieser Tagungen. Aeußere Ehren und Anerkennungen blieben bei einem so gewaltigen Lebenswerk naturgemäß nicht aus. 1883 überreichte ihm der damalige Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich, in Berlin persönlich die von der Kaiserin Äugufta gestiftete goldene Medaille für hygienische Leistungen. Zu seiner immensen wissenschaftlichen Tätigkeit gesellte sich noch sein anstrengender Beruf als Arzt, in dem er bei seinem humanen und liebenswürdigen Wesen segensreiches leistete. Tausenden von Blinden hat er das Augenlicht wiedergegeben. Jeder Zoll ein echter Mann der Wissenschaft, zugleich ein Lebenskünstler im wahren Sinne des Wortes, ist in Hermann Cohn dahingegangen. lieber Heinrich Graetz, den Geschichtsschreiber des Judentums par exeellvnee, dessen Wirken und Schaffen in erster Reihe dem Rabbinerseminar zugute kam, der aber auch an der Universität als Privatdozent und seit 1870 als außerordentlicher Professor lehrte, uns hier näher zu verbreiten erübrigt sich, da wir seine Tätigkeit und Leistungen bei den Lesern dieses Blattes als bekannt voraussetzen können. Nur seine Lehrtätigkeit soll hier kurz beleuchtet werden. An der Universität wie im Seminar übte er einen großen Einfluß auf seine Schüler aus. Er versah sie nicht bloß mit der Kenntnis der Resultate seiner wissenschaftlichen Forschung, sondern gestattete ihnen auch einen Einblick in das innere Getriebe seines geistigen Schaffens, fern von jeder dogmatischen Einseitigkeit. Mit liebevoller Teilnahme, ohne sie in ihrer individuellen Geislesrichtung zu hemmen, stand er ihnen stets fördernd zur Seite. Wie Braniß und Caro stammte auch er aus der Provinz Posen, und zwar aus dem Städtchen Xions, wo er am