Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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S7b Jahren stark um sich griffen und jede fortschrittlichem Regung, jede freiheitliche Errungenschaft auf dem. Gebiete des religiösen Lebens zu unterdrücken und zu zerstören drohten und drohen.. Wir müssen es; einem Berufenern überlassen, das erfolggekrönte. Leben und Wirken dieses trefflichen Mannes gebührend zu würdigen. Für heute verweisen wir nur auf die Nr. 8 im laufenden Jahrgange unseres Blattes, in der Rabbiner Dr. Freüdenthal-Nürnberg anläßlich des 70. Geburtstages des Entschlafenen mit wahrer Meisterschaft sein Lebensbild zeichnete -und rufen dem langjährigen, treuen Freund und bewährten Mitarbeiter unserer Zeitung den letzten Scheidegruß nach: Lech besehalo'rn! Ziehe hin in Frieden! Aus Anlaß der Hundertjahrfeier der. Breslauer Universität hat der dort erscheinende „Generalanzeiger" bei den Professoren der Universität eine Umfrage gehalten, welche Wünsche sie für die Zukunft der Universität haben. Unter den eingelaufenen Schreiben ist die Antwort des Professors vr. tdeol. et phil. Hoennicke von besonderem Jntereffe. Er schreibt unter anderem: „In dem theologischen Lehrfach sollte das Judentum nicht vernachläffigt werden. Notwendig sind Vorlesungen über die Geschichte des Judentums und Interpretationen alter jüdischer Schriften. Wir haben nicht nur j ein Vermächtnis von der hellenischen und römischen Kultur; überkommen, sondern auch vom Judentum. Zum geschichtlichen Verständnis des Wesens des Christentums ist das Studium des Judentums unbedingt erforderlich." In einer interessanten Arbeit „Ueber die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Deutschland" in der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden (Juni 1911 s.) kommt Dr. Segall-Berlin zu folgenden bemerkenswerten Resultaten : „Die deutschen Juden finden zwar nach wie vor in erster Linie h durch den Handel ihren Unterhalt; der Zug zur Industrie und den!« freien Berufen wird aber auch bei ihnen in den letzten Jahren R immer mächtiger. Die Erscheinung, für welche wir ziffernmäßige « Beweise haben, steht in hellem Widerspruch mit der von juden-« feindlicher Seite allerorts und allezeit aufgestellten Behauptung, die ü Juden seien ein Schachervolk. und besäßen einen ausgeprägten K Handelsgeist. Wenn sie wirklich nur einen „ausgeprägten Handels-1 geist" besäßen, so läge angesichts der höheren Bedeutung, die heute dem Handel sowohl als Binnen-, wie vorzugsweise als Welthandel zukommt, nichts mehr als ein möglichst restloses Aufgehen in diesem Berufszweige. Wir sehen im Gegenteil bei den deutschen Juden das Bestreben, aus diesem Berufszweig herauszukommen und mit an der Spitze der Armee zu marschieren, welche die Industrie erobert." . . . „Der deutsche Jude hat den modernen Zug, der in der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands zum Ausdruck kommt, frühzeitig erkannt. ist ihm willig gefolgt und nimmt in immer stärkerem Maße Anteil an der industriellen Blüte Deutschlands. An sich ist auf den, ersten Blick das verhältnismäßig rasche Sinken der Handelsbetätigung » unter den Juden sogar etwas sonderbar^ zumal doch gerade jetzt der I Handel so sehr an Macht gewinnt. Einem aufmerksamen Beobachter | der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands kann!!' aber der Grund für diese seltsame Erscheinung nicht verborgen L bleiben." Es liegt nach Dr. Segall in dem Eindringen, der landwirtschastlichen Bevölkerung in den Handelsstand Und dem Antisemitismus der Angestellten, wodurch es dem vorwärtsstrebenden jüdischen Kaufmann unmöglich gemacht wird, sich eine Position zu verschaffen. Mit Bezug auf die im österreichischen Abgeordnetenhaus stattgefundene Debatte über die Vorgänge in Drohobhcz schreibt die in Wien erscheinende „Wahrheit": Man hätte glauben sollen,, daß bei der Debatte über, das Drohobyczer Blutbad ein Sturm der Entrüstung durch das österreichische Abgeordnetenhaus loben werde, der dafür Zeugnis ablegt, daß in diesem Hause der Gesetzgebung Gewalt Und Unrecht, und wenn es auch dem geringsten der Staatsbürger zugefügt wird, nicht geduldet werden kann. Allerdings, läge Drohobhcz nicht in Galizien und wäre tschechisches oder deutsch-nationales Blut vergossen worden, dann wären die hohen Säulenhallen des Abgeordnetenhauses erzittert von den Rufen nach Sühne der schrecklichen Ereignisse. So aber handelte es sich nur um ein paar Dutzend lumpiger polnischerIndem Wozu denn also ein überflüssiges Echauffement? Nur in schwach gemessenen Dosen wurdedie Affäre Drohobhcz vor das Haus gebracht, damit ja nicht die Gemüter durch die Schilderung der unerhörten Gewaltakte allzusehr erhitzt werden und zum Schluß der zahmste der Dringlichkeitsanträge angenommen, der die Regierung auffordert,, die Schuldigen zu ermitteln und zu bestrafen, die Opfer zu entschädigen und über das Ergebnis der Untersuchung dem Haus Bericht zu erstatten. Bis das Haus wieder Zusammentritt, wird längst schon Gras über die ganze Sache gewachsen sein, und/es wird eben nur ein paar verelendete jüdische Familien mehr in Galizien geben. Angesichts solch betrübender Erscheinungen freut es uns um so mehr, auf einen Lichtblick hinzuweisen, den die zu gleicher Zeit im österreichischen Abgeordnetenhaus zur Verhandlung gestellten Bankvorlagen boten. Zum Referenten über diese umfangreiche, nicht nur schwierige volkswirtschaftliche und finanztechnische Materialien Nmfassende, sondern auch unsere geldwirtschaftlicken Verhältnisse zu Ungarn regelnde Gesetzesvorlage wurde ein jüdischer Abgeordneter, und zwar Hofrat Camill Kuranda, bestellt. Daß die Fähigkeiten eines jüdischen Abgeordneten vom Hause so hoch geschätzt werden, und daß derselbe die ihm übertragene, ehrenvolle Aufgabe in so glänzender Weise löste, das kann uns Juden nur zu vollster Genugtuung dienen. . * Die Juden in Dänemark erfreuen sich völliger Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsbürgern, und doch läßt j sich beobachten, wie das Judentum Schritt für Schritt in Dänemark verschwindet. / Die Mehrzahl der zirka 4000 Seelen! zählenden jüdischen Bevölkerung wohnt in Kopenhagen. Ihres materielle Lage ist glänzend. Es gibt unter ihnen zehnmal! soviel Advokaten als unter den Christen, auf einen christlichen Künstler kommen vier jüdische. Während jedoch die christliche Bevölkerung innerhalb der letzten 60 Jahre sich fast verdoppelt hat, ist die Zahl der Juden um ein Bedeutendes zurückgegangen. Die Ursache liegt in der starken Zunahme der Mischehen. Schon vor 30 Jahren standen 17 reinen jüdischen Ehen 8 Mischehen gegenüber. Gegenwärtig aber nimmt die/ Zahl der Mischehen geradezu schreckliche Dimensionen an. Es ist unter den Juden zur Mode geworden, sich mit christlichen Familien zu verbinden. Die Kinder ffMcher Ehen gehen selbst-, verständlich dem Judentum verloren. Vor-etwa einem Jahrhat die Kopenhagener jüdische Gemeinde ihren Rabbiner ab-- gesetzt, weil er angeblich Mischehen nicht einsegnen wollte. Daraus entstand ein Prozeß, welcher erst dieser Tage entschieden wurde. Die Gemeinde muß dem Rabbiner eine bedeutende Summe als Schadenersatz bezahlen. '• * Vor zwei Jahren (1909) waren hundert Jahre verstrichen, seit dem der jüdisch-polnische Freiheitskämpfer Berek Josselowitsch im Kriege zwischen Polen und Oesterreich unweit des Städtchens Kozk einen ehrenvollen Tod gefunden hat. Berek oder auch Berk o J os selowitsch (hebräisch: vod den Joseph) war ein glühender polnischer Patriot, der im Jahre 1794