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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-08-11 · Heft 32 (11.8.1911) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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so befindet sich der Herr in einem ganz gewaltigen Irrtum. Im Gegenteil, man darf uns gerade den umgekehrten Vor- Wurf machen, die Juden sind päpstlicher als der Papst, englischer als der Engländer, ungarischer als der Ungar, deutscher als der Germane, französischer als. der Franzose, irredentistischer als der Italiener, kroatischer als der Kroate usw, usw. Der Jude ist der größte Eh a uv inist, er vergißt in der Jetztzeit nur zu leicht seine Herkunst, die Pflichten gegen seine Gemeinschaft. Mit welcher Ueberlegenheit blicken nicht die deutschen Juden aus die des Ostens Herab. Wer ist noch empfindlicher, wessen Ohr ist. noch so kitzlig bei einer mangelhaften Aussprache nur eines deutschen Lautes wie das — eines deutschen Juden! Und nun will man diesen Glaubensgenossen, die an ihre Vergangenheit so gar nicht erinnert sein wollen, ihr Deutschtum abstreiten. Wer ein Ungetrübtes Urteil über die Zugehörigkeit der Juden zu den Nationen gewinnen will, dem kann nur der Rat erteilt werden, er werfe doch einmal einen Blick nach Oesterreich hinüber. In Oesterreich haben wir Polen, Deutsche, Ungarn, Slowenen, Italiener jüdischen Glaubens, also in einem und demselben Staate haben wir Juden keiner einheitlichen Nation, geschweige denn in den verschiedenen Staaten!! Es ist ja auch erwiesen und fest dokumentiert, daß im österreichfranzösischen Heere sich ungefähr 15 000 Juden gegenüberstanden, im französischen Heere waren über 350 Offiziere, wieviel jüdische Soldaten fochten heldenmütig Schulter an Schulter mit den deutschen Kameraden, umgekehrt auch so die französischen Juden; ist es aber auch nur ein einziges Mal vorgekommen, daß der deutsche Jude sein Gewehr weggeworfen hätte, weil ihm der französische Glaubensgenosse feindlich gegenüberstand?! Im Jahre 1866 sollen 'über 20600 Juden in beiden Heeren gedient haben; ist auch nur ein einziger Fall von Unzuverlässigkeit zu verzeichnen?! Abgesehen von jeder patriotischen Gesinnung ist denn auch nür die materielle Möglichkeit vorhanden, daß die Juden der gegenseitigen Heere sich verständigen? Fort also mit solch naiven, einfältigen Beschuldigungen, die doch nicht so dumm sind, von den aufgehetzten Mafien nicht geglaubt zu werden. — Kein Staat der Welt hat so viele Verpflichtungen den Juden gegenüber als gerade der deutsche, ist doch unlängst ziffernmäßig nachgewiesen worden, daß 80 Prozent der Gesamtjuden deutsch sprechen! "Aber angenommen, die Juden bildeten gar eine Nationalität für sich, wie dies seit einiger Zeit in Galizien der Fall sein soll, was ergibt sich daraus? Leben nicht in der Schweiz Deutsche, Franzosen, Italiener? Mag nun ein Staat, sei es der deutsche, französische, italienische die Schweiz angreifen wollen — würden nicht alle Schweizer wie ein Mann sich erheben, um gegen den gemeinsamen Feind ihres Staates ins Feld zu ziehen? Setzen wir den Fall, der ja vor kurzem nahe lag, in einen Krieg mit Rußland verwickelt, würden die Ruthenen oder die Polen den Dienst versagen, da es. sich \um ihre Stammesangehörigen handelt? Nur bei Juden kommt man auf einen solch unfinnigen Gedanken. Und nur deshalb, weil die Juden — nach der Meinung manches hirnverbrannten Schädels eine Nationalität bilden — sollen sie vom Staate zurückgesetzt werden? Wo bleibt da die staatliche Behörde? Ihre Pflicht ist es, den Schwächeren vor dem Stärkeren zu schützen, denn wären Macht und Gewalt im Recht identisch, so gäbe es sehr wohl Gewalt, aber kein Recht. Nun, wie gesagt. Der Chauvinismus der Juden mag in der Anlage seine Erklärung finden, die Aristoteles und Maimonides dem Menschen zuschreiben, daß man, um vom einem Lasten geheilt zu werden, erst in das Gegenteil verfallen müsse, um dann ins Gleichgewicht zu kommen! Wie aber der Geizige mitunterin€ leichtsinnige, verschwenderische Leben verfällt und durchaus nicht mehr auf die Mittelstraße zu bringen ist, so geschieht es auch bei uns Juden — wir sind vom Kosmopolitismus, der eine Zeitlang das oberste Schlagwort war, in das Nationale verfallen — aber an uns denken wir am allerwenigsten. Da verfällt wieder einer auf das sehr trügerische Mittel, auf. die Mischehen, ich kann die Wirkung dieses Heilmittels auf Grund praktischer Erfahrung verraten. Dieses Heilmittel ist leider in Italien sehr stark in Anwendung gebracht worden, und nun betrachtet man die Wirkung — die Verheerung. In meiner Gemeinde konnte ich feststelleu, daß ein Fünftel, sage ein fünfter Teil aller Mitglieder durch die Mischehen dem Judentum verloren gegangen ist. Lernen wir allen solchen Torheiten gegenüber aus der Geschichte! Fahren wir Juden also weiter fort, unsere heiligste Pflicht für allgemeine Wohlfahrt zu erfüllen, tragen wir zur allgemeinen Kulturarbeit nach Kräften bei, lassen wir uns nicht verstimmen, nicht verbittern, nicht isolieren, kämpfen wir weiterhin für die Menschenrechte im allgemeinen, für die Kultur und Verbreitung der Bildung — für die Veredlung, für das Annähern, Sichkennen, Schätzen und Würdigen; es kommt schon ein Tag, an dem die Völker ihr an uns begangenes Unrecht einsehen werden, wie sie es zum Teil eingesehen haben; halten wir jedoch auch treu zu unseren gemeinsamen Heiligtümern, schätzen und achten wir uns selber, und die allgemeine Achtung wird .nicht ausbleiben. Die Wache. Berlin, 8. August. tfjß§ ift leider eine Trauerbotschaft, mit der wir heute unsere Wochenübersicht ein leiten. Am 4. d. M. ist in St. Moritz, wo er Erholung und frische Kraft suchte, Rabbiner D r. Vögelst ein-Stettin plötzlich aus dem Leben geschieden. Die schmerzliche Kunde von dem so jäh erfolgten Ableben dieses ausgezeichneten und selten begabten Mannes wirkte erschütternd auf uns und wirb nicht-verfeM.y^4N.den weitesten Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft innige 'Teilnahme und aufrichtige Trauer hervorzurufen. Mit Hehnemann Vogelstein, dessen Name ein Programm und defien^eben zielbewußtes und tatkräftiges Wirken im vollsten Sinne des Wortes bedeutete, scheidet ein Mann aus unserer Mitte, zu dem der überwiegende Teil der deutschen Judenheit mit Stolz und Verehrung emporblickte, und für den schwerlich ein geeigneter Ersatz zu finden sein dürfte. Er galt mit Recht als Führer, als das Haupt des lib era len Judentums in Deutschland, das in ihm einen Kämpfer und Wortführer besaß, dessen lautere Gesinnung und redliches Streben selbst die Gegner seiner religiösen Richtung respektierten. Rabbiner Dr. Vogelstein kannte, wie nur wenige Auserwählte seiner Standesgenossen, das Seelenleben und die religiösen Bedürfnisse der deutschen Judenheit. Darum beschränkte er seine Wirksamkeit nicht bloß auf seine Gemeindein der er länger als 30 Jahre lehrte und wirkte, sondern er bemühte sich, von einem heiligen Eifer geleitet, den Gedanken des religiösen Liberalismus, der ihm als die sicherste Bürgschaft für den Fortbestand des Judentums galt, in alle Gemeinden des Reiches zu tragen und überall die Herzen zu wecken und die Geister aufzurütteln zum gemeinsamen Kampf für Erkenntnis und Wahrheit gegen die Mächte des Rückschritts und der Finsternis, die besonders in den letzten zehn

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