Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 11. August 1911 7& Jahrgang Nr. 32 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung de» Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/d, zu richten. Verlag voir Rudolf Mosse, Berlin. TTnltRlt ®ie Stellung des Judentums zum Staat. Von N. Brett- Holz.. — Die Woche. —» Zum Breslauer Universitätsjubiläum (3. August). Von Dr. Carl Pinn. — Die Propheten in der jüdischen Volksschule. Von Seminardirigent Dr. M. Spanier-Münster i. W. Ungarische.Zustände.' Von Professor Dr.G. Schwarz-Agrämi — Aus, einem, englischen Badeorte. Von Dr. F. Chotzner-London. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Atitteilungen. Der Gemcin-cKote tBeilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Draunsberg (Qstpr), Hamburg, München, Frankfurt a. M., Brüssel, Paris, Wien, Belgrad. - Von Nah und Fern. Die Stellung des ssudrntums?um Staat. Von U. Brettholz. II. eher die häufig behandelte Emanzipationszeit will ich nicht ausführlicher sprechen, früher. oder später wird überall die Gleichberechtigung nach unsäglichemhartem Ringen erkämpft — leider häufig nur aus dem Papier! Ihre Rechte haben die Juden auch der fortschreitenden Bildullg und Kultur zu verdanken, denn für uns hat sich kein Fürst, kein Volk mit der ganzen Schwere seiner Geschütze eingesetzt, um die Kultur zu verbreiten, um die Menschenrechte zu verteidigen. Sicherlich durfte ein Gabriel Rießer in seiner aufgeklärten Zeit es wagen, unerschrocken und selbstbewußt aufzutreten, und das Recht, das volle Bürgerrecht für seine Glaubensgenossen zu fordern, ohne um teilweise Zugeständnisse zu betteln, „denn Bescheidenheit, wo es sich um Beachtung des Rechtes handelt, ist — Feigheit". v Und doch war Gabriel Rießer einer der Besten und Edelsten seines Volkes — ich meine der deutschen Nation, wie es ja am allerbesten sein Ausspruch charakterisiert, daß er die Emanzipation beinahe zu opfern imstande gewesen wäre, wenn er damit die politische Einheit hätte erkaufen können. Kann man einem solchen Manne sein deutsches Herz absprechen? „Ist es nicht merkwürdig," meinte er, „um die Polen zu Deutschen zu machen, scheut man keine Opfer, wir Juden wollen deutsch fühlen, deutsch denken — uns stößt man mit Faustschlägen zurück, so wir an unserer Religion keinen Verrat üben wollen." Betrachten wir demgegenüber die Beispiele, die uns die Geschichte liefert, sie zeigen, daß in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten die Juden glänzende Vorbilder dafür gegeben, wie man patriotisch sich betätigen und dabei ein guter treuer Sohn seines Volkes und seiner Religion bleiben kann. ■ ■ ,, - Die erquickende, neu belebende Luft, die warnten Sonnenstrahlen der aufgehenbew .Freiheil' haben?^.sehr t viele - derart geblendet, daß sie, um ja alle Leiden des Ghettos zu vergessen). um die dumpfen Erinnerungen ganz auszulöschen, sich entschlossen haben, ganz „unterzutauchen", wie das „fromme" Stichwort lautet. Wenden wir uns nun der unmittelbaren Gegenwart zu. Es wird uns noch jetzt in manchem Kulturland der Vorwurf gemacht, wir Juden können, dürfen nicht gleichberechtigt sein, da wir mehr oder weniger als „Fremdkörper" im Staate unser Leben fristen. Ich hätte es wahrhaftig nicht für möglich gehalten, und noch vor zwei Dezennien, als ich in Deutschland studierte, erschien es mir wenigstens ausgeschlossen, daß in unserer Zeit im Deutschen Reichstag ein Vertreter der Regierung den Mut finden würde, die Zurücksetzung der Juden damit zu begründen, daß man der Mehrheit der Nation Rechnung tragen müsse, ihre Gefühle nicht verletzen, „christlichen Untergebenen keine jüdischen Vorgesetzten geben dürfe". Ist es menschenmöglich, eine solche Aeußerung auch nur einen Moment ernst zu nehmen. Deshalb soll es keine jüdischen Offiziere geben! Das ist eine schwere Beleidigung, eine tiefschmerzende Kränkung, ich möchte fast sagen eine Belohnung um einen Ansporn seitens der Regierung, den Juden minder zu achten. Haben nun die deutschen Juden eine solche Behandlung auch im entferntesten verdient? Was berechtigt die deutsche Nation, den deutschen Juden eine solche Schmach anzutun? Wollten sich die Herren Alldeutschen doch einmal bei ihren Verbündeten umsehen; in Italien bringt es der Jude zum Kriegsminister, zum Botschafter, zum MinisterpräsideNteii, in Oesterreich zur Exzellenz, ja selbst im klerikalen Oesterreich zum General-Ingenieur (der General-Ingenieur ist der erste Mann nach dem Marineminister), zum Generalstabsarzt usw., und in Deutschland soll den Juden diese Fähigkeit gänzlich abgehen, der deutsche Jude soll ein inferiorer Stammesgenosse sein!! F Ich bedanke mich für die Verteidigung, „es gäbe auch anständige Juden". Ich will die Leser Ihres Blattes nur an den Ausspruch erinnern, den einst Dr. Bloch als Abgeordneter einem Judenfresser im österreichischen Reichsrat zugerufen: Habt ihr denn nur ausschließlich das Recht, Lumpen zu besitzen. darf sich nicht auch einmal einer zu uns verirren!" — Eine treffende und treffliche Antwort! — Und wenn jüngst ein Großgrundbesitzer an Dr. Rathenau ein Schreiben richtete, in dem er meinte, die Juden seien nicht englisch, nicht deutsch, nicht italienisch, sondern einzig und allein jüdisch und diese ansich höchst schätzenswerte Eigenschaft, die feste Stammeszugehörigkeit, welche noch durch die Stammesreligion erhöht wird, mache aus dem Juden einen „Fremdkörper" irn Staate,