Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- Seite 372 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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372 — Gespräche mit Tolstoi. Mitgeteilt von I. Teneromo, ö Berlin. Erich Reiß Verlag 1911. - Es sind Gespräche, die I. Teneromo in den Jahren 1885 bis 1908 mit Tolstoi in Jasnaja-Poljana geführt hatte. Sie sind nach Materien geordnet und handeln teils über Dramen und andere - Arbeiten des, grgßen Dichters, teils über allgemein politische, pädagogische und-religiöse Fragen. Den Schluß machen drei größere-' Abschnitte: „Jüdische Kolonisation"; »Der Zionismus"; „Ueber den j Antisemitismus". Die Anschauungen über Kolonisation faßt Tolstoi! in die Worte zusammen: »Es liegt etwas aufrührerisch Boshaftes in! dieser wilden Halsstarrigkeit des verwilderten Beamtentums, welches mit blinder Wut das schon so wieso gequälte jüdische Volk bedrängt und quält. Was würde es diesen papierenen Departements in Petersburg schaden, wenn sie dem erschöpften Volke die Möglichkeit; gäben, sich von neuem an die alte, von ihnen so geehrte Erdarbeit; zu machen. Man müßte ihnen ja nur irgendeinen Winkel zur Verfügung stellen, oder nicht einmal das, sondern ihnen einfach erlauben, sich überall in den Dörfern anzusiedeln, und dieses von seiner ' Lusammengekauerten Stellung erstarrte Volk würde wieder aufleben." \ Gegen den Zionismus sprach sich Tolstoi außerordentlich lebhaft,! zum Teil mit den allerstärksten Ausdrücken aus. Ueber den Anti-: semitismus sagte er geradezu „Der Antisemitismus ist eine Sünde". ' Er erklärte ihn ausdrücklich als „ein krankhaftes, schädliches Ge»! wachs". Ein besonders beherzigenswertes Diktum ist dieses: „Dem: Volk sind die antisemitischen Gefühle fremd, wie ihm die verschiedenen! Ausschweifungen fremd sind.- Und unter all,diesem Schmutz ist der - Antisemitismus der ekligste und giftigste. Er enthält alles: die - Galle des Hasses, den Speichel der Tobsucht, das Lächeln des Verräters, der Trunkenheit, der Vergewaltigung, der Brandstiftung und i alles, was nur die dunklen Tiefen einer menschlichen Leidenschaftbergen könnte." Nachdem der Redner eine Anekdote von Kaiser Hadrian erzählt, der einen Juden niederhauen ließ, der ihn zu! grüßen wagte, und einen anderen, der sich scheute, ihn zu grüßen,; mit der Begründung, „ich verachte sie und benutze jeden Zufall, um! sie zu vernichten", schließt der Autor mit den Worten: „Und so sind! alle Antisemiten. Was ist das?Jn welch einen bodenlosen Abgrund! ziehen uns diese verrückten von einem trüben Laster besessenen Leute, und welche Zersetzung bereiten sie dem Lande, wenn dieser Wahnsinn, sich ausbreitet und weite Kreise ergreift! Nicht Naturereignisse und auch nicht feindliche Heere vernichten Völker und Länder, sondernj der Zerfall der inneren Kräfte und die Trübung der seelischen Fein-! heit, die Verbreitung von Lastern, Bosheit und Ausschweifung, ver- -eint mit dem Wunsche, andere Nationen zu unterdrücken — dies ver-! nichtet Nationen. Länder und Staaten." Schon diese Aeußerungen verdienen, daß dies Werk weitestes Verbreitung unter uns finde! . L. 6. Die Krisis der jüdischen Jugend Deutschlands. Ein! Beitrag zur Geschichte der jüdischen Jugendbewegung von Hans Goslar. Berlin 1911. Verlag von Louis Lamm. 50 Pfennig. Der Verfasser steht durchaus auf zionistischem Standpunkte, der der unsrige nicht ist. Wenn der Zionismus wirklich, wie der Verfasser meint, zur Wahrhaftigkeit und Sittlichkeit erzöge, so wäre er gewiß allgemein zu billigen. Was er mit Sittlichkeit zu tun hat, vermag ich nicht zu sagen, und für uns kann er unmöglich die Jugend zur Wahrhaftigkeit geleiten, weil die Volks- und Stammesidee, die er predigt, eine grobe Lüge ist. Die Behauptung des Verfassers „das liberale Judentum hat seine Unfähigkeit zur Eklatanz bewiesen, eine Generation heranzuziehen, die sich mit Lust und Liebe in den Dienst einer wirklich jüdischen Sache hätte stellen können," klingt zwar recht entschieden, bewiesen ist sie freilich nicht. Auch den Schlußsatz „eine stark zionistische Jugendbewegung aber bietet der älteren Generation die sicherste Gewähr für die Erhaltung in Gegenwart und Zukunft" kann ich absolut nicht unterschreiben, denn was der Verfasser als Judentum ausgibt, ist nicht das Judentum, dem wir anhängen. -- L. G. * Skizzen und Studien zur Geschichte derJuden in Polen, von Dr. Majer Balaban. 1911. Berlin, Lamm. Preis 3 Mark. Eine Sammlung von 10 Studien aus dem Gebiete der politischen und Kulturgeschichte, meist aus dem 16. . aber auch aus dem 17. .und 18. Jahrhundert. Diese Skizzen haben alle das gemeinsam, daß sie aus unbekanntem^ meist handschriftlichem Material öffentlicher Archive entnommen sind. Sie machen im ganzen den Eindruck solider Arbeit, obgleich es natürlich für Außenstehende unmöglich ist, das einzelne zu prüfen und den Verfasser zu kontrollieren. '- Vor. allem Hab wich die vierte Skizze interessiert, die den Titel führt: „Dichtung und Wahrheit über den Eintagskönig von Polen Saul Wahl." Der Aufsatz war schon früher in der österreichischen Wochenschrift gedruckt, auch manche andere sind bereits in Zeitschriften erschienen. Gerade dieser Aufsatz erweckt das günstigste Vorurteil für den Verfasser. Er zeugt von solider Arbeit und räumt in günstiger und glücklicher Weise mit einer alten Legende auf. Auf den Inhalt sämtlicher Abschnitte kann natürlich in einer kurzen Besprechung nicht eingegangen werden. Gegenüber dem erwähnten Vorzüge leidet freilich die Schrift an zwei Mängeln: sie ist erstens nicht sorgsam genug geschrieben und vermengt zweitens zu sehr historische mit novellistischer Darstellung. Ich. glaube, das Büchlein würde sehr gewonnen haben, wenn der Verfasser die deutsche Sprache sorgsamer handhabte und den novellistischen Charakter nicht so stark hervortreten ließe. L. G. Lessings Religion. Zeugnisse gesammelt von M. Joachimi De ge. Erschienen 1911 bei Eugen Rentsch, Verlag. München.^lPandori geleitet von Oskar Walzel, Band 3). In drei Abschnitten sucht die Verfasserin Lessings Religion darzustellen oder vielmehr die Zeugnisse zu ordnen, welche aus Lessings Briefen und Schriften entnommen sind. Diese Abschnitte führen den Titel: Wissen um Gott; im Kampf um Toleranz und Menschlichkeit; im Kampf um die Wahrheit. Aus dem zweiten Abschnitt hebe ich den großen ersten Paragraphen hervor: „Die Juden". Er enthält eine AnzahlStellen aus dem Lustspiel „DieJuden" und eine merkwürdige Aeußerung über das jüdische Volk als Träger seiner Religion aus den Papieren eines Ungenannten 1778. Indessen, diese Stellen sind es nicht allein, die das Interesse unterer Leser erwecken werden, vielmehr sind die Paragraphen „Gegen die Eiferer, Toleranz und Menschlichkeit" eben sogeeignet den großen Kämpfer zu würdigen, zu dessen genauerer Betrachtung die stimmungsvolle Vorrede der Herausgeberin auffordert. L. G. Letzte Kachrichtrn. Berliner Zeitungen vom 1. August enthalten folgendes: Washington. 31. Juli. (Preß-Zentrale.) Nach neueren Informationen soll der bisherige Botschafter in Rom Leishman, der längere Zeit die Vereinigten Staaten. in der Türkei vertrat, zum Nachfolger Hills in Berlin ernannt werden, während an seine Stelle Thomas O'Brien, der bisherige amerikanische Botschafter am Hofe des Mikado, nach Rom gehen soll. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, daß Leishman den Berliner Posten erhalten dürfte. Er wäre der erste Jude, der am Berliner Hofe als Botschafter akkreditiert würde. Leishman, der im 55. Jahre steht, ist sehr vermögend. Er war lange Zeit die rechte Hand Carnegies und fungierte jahrelang.als Präsident der Carnegie Steel Company. Petersburg, 31. Juli. Im Ministerium für Volksaufklärung wird gegenwärtig an der Vorbereitung eines Gesetzentwurfs gearbeitet, wonach für die Zulassung von Juden, die im Auslande den Doktortitel erworben haben, za russischen Staatsprüfungen dieselbe Norm eingeführt werden soll wie für die Aufnahme von Juden in russische Universitäten. Es ist bezeichnend, daß diese Maßnahme mit der Notwendigkeit begründet wird, wohlhabende Juden, die die Mittel haben, im Auslande zu studieren, mit den Armen gleichzustellen. Dabei versendet die Kanzlei des Ministerrats im Namen der Regierung eine Agitationsschrift gegen die Juden, die mit Hilfe von Zitaten aus antisemitischen Blättern die Juden unlauterer Machenschaften im Getreidehandel beschuldigt.