Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- Seite 371 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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.371 Dikdek, -sondern -aus der deutschen .Grammatik. Und die Studenten setzen deswegen das Wort „Reb" davor und singen deswegen dabei, um diejenigen, welche das zufällig hören könnten, irrezuführen. Auch er hat auf diese Art betrogen, als er in die Jeschiwa gegangen ist, doch es hat nicht lange gedauert, bis man hinter seine.Schliche kam,'und er konnte, Gott sei Dank, nicht viel lernen. „Nu,. was Hab ich gesagt," triumphierte Reb Bünem. „Ein solcher lApikojres. Und dassoll des Rabbis Hausbocher sein!" Jetzt waren die Meinungen übereinstimmend und die allgemeine Auffassung, daß Liweitzer keine Minute länger des Rabbis Hausbocher bleiben dürfe. Ueberhaupt könne er nicht mehr in der Jeschiwa bleiben. Man müsse ihn Hinausweisen. Berele Beer hätte am liebsten geweint und schalt sich einen Idiotenweil er durch sein Geschwätz über das Haupt des armen Liweitzer solche Gefahr gebracht habe. Vergeblich servierte ihm Bruchele klein geschnittene Zwiebeleier, vergeblich nötigte sie ihn, als die mit geräuchertem Fleische gekochte Bohnenspeise am Tische dampfte — den armen Berele reizten diese Leckerbissen nicht. Das Gewissen drückte ihm nicht nur das Herz, sondern auch den Magen ab. ,-Laß mich- Bruchele," flehte er- „ich kann nicht essen." „Berele," rief erschrocken das Mütterchen, „Du bist doch nicht krank?" „Ich bin nicht krank, aber ich bin kränker, als wenn ich krank wäre. Ach, Bruchele, ich habe eine große Schuld auf. meine Seele geladen." Und er erzählte, welche Schuld seine Seele belaste. Blümele erbleichte. Nach dem Essen ging sie in das andere Zimmer, setzte sich auf den Rand des Bettes, legte die Hände in den Schoß wie jemand, der sehr müde ist, und starrte vor sich hin. Sie rührte sich eine volle Stunde nicht vom Platze. Da ermannte sie sich plötzlich, stand aus, zog schnell ihr Feiertagskleid an und ging zu Efterchen. Esterchen überraschte der Besuch, doch sie wußte ihr Erstaunen zu verbergen. -Sie empfing sie ebenso freundlich wie ehemals, wie noch nichts zwischen ihnen vorgefallen war. Von den anderen unbemerkt neigte sich Blümele zu Esterchen und flüsterte ihr zu, daß sie mit ihr unter vier Augen zu sprechen habe. Esterchen. manövrierte so lange, bis sie einen Vorwand fand, mit-Blümele in; den Garten zu gehen. „ Esterchen," brach aus Blümele die Verzweiflung hervor, „man will ihn vertreiben." : „Wen?"; \ : j „Ihn." - Blümele sprach-seinen-Namen nicht aus und' dennoch gab es Esterchen einen Stich ins Herz und sie fühlte ihre Füße wanken. 'Kaum verständlich fragte'sie mit bebender Stimme: „Weshalb?" ' Blümele erzählte es. „Schmähliche Lüge!" rief Esterchenaus. „Du wirst sehen, Blümele,. daß. es Lüge ist." , „Möglich. : Doch immerhin wird - man ihn vertreiben." „Was -sollen wir machen?" . ' Mage'es Deinem Väter." - „Ich?" entsetzte sich Esterchen. - - „Nicht?" ,-Nein" . „Dann muß man -etwas anderes tun. Man muß ihn aufmerksam machen. Du verstehst zu schreiben. Schreibe ihm." „Aber jetzt darf man nicht." „So schreibe abends/- ' - Esterchen antwortete nicht, doch fühlte Blümele, daß sie schreiben werde. Dann gingen sie wieder .in das Zimmer zurück. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mttrilungrn. — David Pinski: Der Schatz, Komödie in vier Akten. Theaterverlag Eduard Bloch, Berlin 6. 2. Das Lustspiel, das Anfang Februar im Deutschen Theater zu Berlin aufgeführt wurde und nach -sehr kurzem Bühnenleben verschwand, ist durchaus nicht so schlimm, wie es nach diesem Durchfall erscheinen möchte. Die Idee ist vielmehr ganz lustig. Judke, der blödsinnige Sohn des Totengräbers Chone, findet beim Begraben seines Hundes eine größere Summe Goldstücke. Er gibt sie seiner Schwester Tille, die ihrer Mutter nur fünf Goldstücke ausliefert, den Rest aber dazu benutzt, sich Kleid, Hut, Mantel, Schirm, Händschuhe. Schmuckgegenstäude zu kaufen und bar zu bezahlen, an einem jüdischen Fasttag in einer Konditorei zu naschen und mit einer Droschke auf den Friedhof zu fahren. Infolge dieses Gebahrens verbreitet sich das Gerücht, der-Totengräber habe einen ungeheuren Schatz gefunden. Zuerst rückt der Heiratsvermittler an, der von der spaßhaften Tochter in. dem Glauben bestärkt wird, daß in der Tat ein ungeheurer Schatz gefunden sei, dann kommt der Gemeindevorsteher, um die Hälfte der Summe, da diese auf einem Gemeindegrundstück gefunden sei, für die Gemeinde zu reklamieren. Dann der reichste Mann der Gemeinde, der das Ganze für sich in Anspruch nimmt, weil er behauptet, die Summe müßte auf dem von ihm an : die Gemeinde verkauften Stück Land gefunden-sein. Am nächsten Morgen stellt sich der Totengräber krank, empfängt den Besuch von.mannigfachen Deputationen jüdischer Wohltätigkeitsvereine, die ihn zu großen Beiträgen veranlassen wollen. Die Gemeinde entsetzt ihn seines Amtes, und viele Mitglieder der Gemeinde eilen auf den Friedhof, um nach-dem Schatz zu graben- Endlich besinnt sichrder Blödsinnige, der-infolge eines epileptischen Anfalls den Ort, wo er seinen Hund verscharrt, vergessen hatte, dieses Platzes, der ganze Ertrag des neuen Nachgrabens besteht aber in vier weiteren Goldstücken. Diese liefert der Totengräber der Gemeinde aus, nachdem er das.schriftliche Versprechen seitens des Vorstehers erlangt ha eine Stelle wieder zu erhalten und solange zu behaupten-bis ert dieses Amtes überdrüssig geworden.' Daß zum Schluß die Toten und auch der fromme Rabbi, in dessen Grabhügel der Leichnam des Hundes verscharrt worden, auferstehen, ist eine ebenso überflüssige wie widerwärtige Zutüt. Höchst unangenehm sind die Menschen, welche die Hauptrolle spielen, gezeichnet: die Art, wie die Tochter ihren Eltern entgegentritt, ist so gemein und unjüdisch wie möglich; die Schimpf- und Flüchworte, welche die Eltern untereinander und gegen ihre Kinder brauchen, sind ekelhaft, aber die Aufregung, die sich wegen des Schatzes der ganzen Gemeinde bemächtigt, die Erregung, die über das ungewöhnliche Ereignis alle Menschen, die in ödem Stumpfsinn dahinvegetieren, ergreift, ist vortrefflich gezeichnet. Einzelne Szenen sind von gutem Humor erfüllt, z. B. die Art wie eines der Gemeindemitglieder nur dann weiter zu suchen unternimmt, nachdem ihm seine Frau versprochen, ihm bei der Rückkehr Tee mit Himbeergelee vorzusetzen. Freilich, echtes dramatisches Leben herrscht in dem Stücke nicht, und wenn, wie.vorausgesetzt, das Ganze eine treue Nachbildung der Sitten und Gewohnheiten, der Auffassung und Sprechweise einer kleinen jüdischen Gemeinde des Ostens istso müssen wir es höflich und entschieden ablehnen, wirkliche Genossen solcher Kreise zu sein. Daß ein deutsches Publikum an einem solchen Werke, zumal es von Fega Frisch recht schlecht verdeutscht worden ist, kein sonderliches Behagen finden konnte, ist wohl begreiflich.