Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228993--67673-3279903- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■ - ' /; . '-''/';•:;- -'-;-7;:'; " ——'"(3X!»7;>™Ä;, :^‘.f ';'r;'; .>-;.:.vr-\: ^:':f * S ':Tt; --1-'--;- :-.V-V;V alsj ehedem. Er sah, wie kleinlich das Denken der Naghsöröder sei -und wie sehr Aberglaube und Voreingenommenheit ihre Religiosität verzerre. Ost dachte er daran, daß man in diese Finsternis Licht bringen sollte, — aber wie? Ihm fehlte noch die Kraft dazu. j „Umsonst leugnen Sie es, Reb Gedalje," — bestürmte ihn der Bäcker. „Sre sind ein heiliger Mann und, wenn ein Wunder geschieht, so wissen Sie, warum es geschieht." I Liweitzer konnte nicht mehr länger an sich halten. ' j „Reb Bünem," brach die Erregung aus ihm hervor, „ich glaube an keine Wunder." Reb Bünem fiel beinahe um. „Sie glauben an keine Wunder?^' stotterte er zweifelnd. „Nein." j Reb Bünem kam zu sich.! „Sie glauben an keine Wunder", brüllte er jetzt in fürchterlicher Empörung. „So? Also so steht es mit uns? Also an was glauben Sie denn? Dann glauben Sie ja an gar nichts!" Und schaudernd wich er zur Tür zurück. Auf der Schwelle blieb er stehen. Seine Lippen bebten und man vernahm es kaum, als sich von diesen das Schmähwort löste: „Apikojres?' Der Bäcker machte sich noch.weiter auf der Gasse Luft. Er schimpfte Liweitzer aus vollster Ueberzeugung Apikojres. Ist denn, wer an kein Wunder glaubt, etwas anderes als ein Gottloser? Er bedachte nicht, daß das Leben dieses Menschen das Gegenteil beweise, das bedachte keiner. Weder Ochs, noch .Friedländer, noch Goldfinger, denen der Bäcker die schreckliche Aeußerung Liweitzers mitteilte. ■ „Vielleicht.trägt er gar. am Sabbat das Taschentuch in der Tasche?" sprach Goldfinger zaghaft. ' „Vielleicht?" versetzte daraus Reb Bünem. „Was heißt das, vielleicht? Ep wird sichs um den Leib binden, wie ein anderer ehrlicher Jude. Wenn er sich es um den Leib binden möchte, würde er nicht sagen, daß er an keine Wunder glaubt. Haben Sie schon einen religiösen Menschen gesehen, der an keine Wunder glaubt? Ich bin ganz sicher, daß er das Taschentuchin der Tasche herumträgt. Und Gott weiß, was er noch macht?' Friedländer wollte Liweitzer, den bisherigen Stolz der Jeschiwa, doch nicht ganz fallen lassen. „Bis jetzt haben wir nichts Schlechtes über ihn gehört. Er ist ein großer Gelehrter, ich will nicht glauben, daß . . Reb Bünem unterbrach ihn: „Was wollen Sie nicht glauben? Ich möchte gern wissen, was Sie nicht glauben wollen? Ist es wahr oder unwahr, was ich gesagt habe? Nun, was wollen Sie noch haben? Daß er gleich Schweinefleisch esse? Und am Sabbat rauchen soll? Na, warten Sie nur, auch an das wird die Reihe kommen. Vielleicht nicht? Wisset Ihr, was für einen Argwohn ich habe? Daß dieser Mensch Deutsch lernt argwöhne ich." „So wahr ich lebe, das ist möglich," meinte Haschl Ochs, wobei ihm die Haare zu Berge standen. „Jener Mojsche Messer, der Doktor geworden ist, hat auch so angesangen. Alle fangen so an. Sie lernen Ungarisch und Deutsch und dann vergessen sie, daß ein Gott im Himmel ist." „Schande und Schmach," hetzte der Bäcker. „Und das soll der Hausbocher des Rabbi sein," spottete Hoschl Ochs. „Doch wie, wenn es nicht wahr ist?" öeschwichtigte Friedländer die sich Empörenden. „Wenn es nicht wahr ist? Wenn es nicht wahr ist?" ärgerte sich der Bäcker ,„Ich möchte gern wissen wollen, warum es nicht wahr ist?" . „Nun, haben Sie gesehen, daß er Deutsch lernt?" Die Leute; stutzten. Gesehen haben sie es nicht. Reb Bünem zupfte verlegen an seinem Bart. Wie, wenn es wirklich nicht wahr ist. Er selbst hat es ja auch nicht gesehen. Wortlos 'verharrten sie einige Minuten. Eine Art von Beschämung regte sich in ihrem Gewissen, doch nur vorübergehend. Denn der hartnäckige Bäcker warf abermals seinen Kops aus und sagte: „Na, ich werde der Sache nachgehen." Damit gingen sie auseinander. Jetzt konnte man beruhigt sein. Was sie gesprochen hatten, blieb nicht geheim. Am nächsten Tage wußte schon die ganze Gemeinde, daß Liweitzer das Wunder, welches mit dem Brote geschehen war, leugnete. Dies machte die Leute nachdenklich. Wie es scheint, ist dieser Liweitzer ein ganz gewöhnlicher Heuchler und überhaupt nicht jener Zadik, für welchen man ihn hält. Und man begann seiner'Lebensweise nachzuspüren, man belauschte, beobachtete jede seiner Bewegungen. Die Leute wurden zu wirklichen Spionen. Doch es verstrich die erste Woche und es verstrich .auch die zweite und das Spionieren blieb noch immer erfolglos. Reb Bünem blieb dessenungeachtet eigensinnig bei seinem Glauben, daß Liweitzer ein großer Apikojres sei, der Deutsch lerne. . Am Sabbat, vor dem Tempelbesuch stritt er auch über diese Sache. Berele Beer hörte eine Weile zu, dann gab er. empört seiner Mißbilligung Ausdruck: „Was für Reden sind das? Ein solcher Sproßtak.! Reb Gedalje wollen Sie einschwärzen? Wissen Sie denn, was für ein Mensch Reb Gedalje pst? Ein Zadik, sage ich Ihnen. Ein Heiliger, sage ich Ihnen. Kommen Sie bei Nacht mit mir, .dann.werden Sie wissen, was für ein Mensch das ist. Wenn Sie sich schon auf die andere Seite umgedreht haben und schnarchen, ist Reb Gedalje noch immer bei den Bochurim der Tante Breindl und leint;dort. Wie oft. setze ich mich dort unter das Fenster und höre. ihnen zu. Selbst durch den Eisenladen dringt ihr Singen. Und was, glauben Sie, was sie lernen? Den Rambam lernen sie und den Reb Hauptwort und den Reb Zeitwort, so soll ich leben.". Reb Bünem glaubte in die Erde zu sinken, so schämte -er sich. Berele Beer pflegt Nicht zu lügen. Die Leute schauten ihn auch sehr sonderbar an, und es fand sich mancher, der ihn ganz leise Verleumder schimpfte. Doch da trat ganz außer sich Haschl Ochs vor Berele hin und fragte mit bebender Stimme: „Was lernen sie dort, Berele? Reb Hauptwort lernen sie?" „So soll ich leben. Ich höre es jede Nacht." . Haschl Ochs schwang beide Arme, um sich Platz zu machen underklärtedannmitergreifenderFeierlichkeik: „Reb Bünem hat Recht. Rebojßem, jener Liweitzer ist ein gewaltiger Apikojres." . Die Neugierde drängte die Leute dicht aneinander, als sie Haschl Ochs mit tausend Fragen bestürmten. Und Ochs erklärte ihnendaß Reb Hauptwort kein Tanaite sei, kein. Amoreus, kein Gaon, kein Toßafite, daß Reb Hauptwort überhaupt kein heiliger Gelehrter, ja-gar kein Gelehrter, gar kein Mensch sei, sondern, nur „das Hauptwort", eine grammatikalische Bezeichnung. Und nicht - einmal aus dem.