Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- Seite 368 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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k kindische Gerede — wir haben Falles mitgemacht. Nur der jüdische Ma^ Paul fehlt noch, der die biblischen Geschichten rimwandelt, als ob sie sich kürzlich in der schönen Stadt Leipzig zugetragen hätten. Aber die Stelle wird schon besetzt werden. Welche Verheerungen im kindlichen Gemüte bei uns der sogenännte systematische Religionsunterricht bewirkt, welche' Kraftvergeudung er verursacht hat, wenn ihm jene Leitfäden 1 zugrunde gelegt wurden, die eine dem Wesen unserer Religion völlig fremde KateHismusmanier nachahmten, ist allgemein i bekannt. Aber mag man auch mit Recht jede gedankenlose Nachäffung verurteilen, eine Beeinflussung unseres Unterrichts in der Religion hinsichtlich der Methode ist weder zu verhindernnoch braucht sie von schädlichen Wirkungen begleitet zu sein. Der Geist läßt sich nicht durch Grenzen abstecken, auch nicht durch die Schranken der Konfession, und man soll doch annehmen, daß Geist in der Methode steckt. Es handelt sich um das Problem, wie ein episch-didaktischer Religionsstoff zu ver^ arbeiten ist, damit er von der kindlichen Psyche erfaßt wird und heilsam nachwirkt. Die religiöse Tendenz, ich möchte sagen, die religiöse Nebentendenz, die diesem Stoffe seine ganz besondere Stelle im Gefüge der Anschauungen der Glaubensgemeinschaft zuweist, muß selbstverständlich in ihrer charakteristischen Besonderheit gewahrt bleiben, aber das allgemein Ethisch-Religiöse wird allgemein menschlich sein. Und ist die Methode der naturgemäße Weg des Unterrichts, der sich genau nach den Gesetzen des menschlichen Geistes richtet, um aus Stoff Kraft zu bilden, so kann es ebenso- ' wenig eine konfessionelle Methode geben, wie es eine konfessio-; nelle Psychologie oder Heilkunde, wie es ein konfessionelles Einmaleins geben kann. Das darf man sagen trotz der sehr modernen Neigung, alles zu konfessionalisieren, ganz besonders auf dem Gebiete der Schule. Noch ein Umstand muß erwähnt werden. Man kann die Erfahrung machen, daß dem jüdischen Lehrer der Sinn für das speziell Methodische, wenn auch nicht fehlt, so doch im allgemeinen nicht sonderlich stark entwickelt ist. 'Mag man mit Recht spotten über jene methodischen Präparationen, die bis ins einzelste alles in Frage und Antwort auflösen, wenn sie wirklich originelle Vorbereitungen eines Meisters sind, können sie anregen und reichen Segen stiften. Es liegt vielleicht in der jüdischen Art, da nicht vorher im Kleinlichen und Abstrakten zu grübeln und zu überlegen, wo die lebendig immer eigenartig sich gestaltende Gegenwart ihre stets wechselnden Forderungen stellt, die schnell erfaßt und erfüllt werden müssen. Es ist ja auch eine ganz moderne Anschauung, daß die anregende Lehrerpersönlichkeit, die geistige Wärme um sich verbreiten^and alle guten Keime wachsen lassen kann, die in ihrer künstlerischen Begabung aus den Geschenken des Augenblicks wirklich organisch wachsendes Wissen, gefühlte Erkenntnis zu gestalten versteht, daß diese Persönlichkeit mehr wert ist als alle ausgetüftelte Methodenweisheit. Freilich sind solche Persönlichkeiten weit seltener als Lehrer, die sich dafür halten. Und gerade die geborenen Lehrer verschmähen gewöhnlich nicht, Anregungen aus der methodischen Kleinarbeit anderer in sich auszusaugen, die sie dann allerdings in völlig selbständiger Weise sich affimilieren. Es ist nicht meine Absicht, unser Thema von irgendeinem religiösen Parteistandpunkte zu betrachten. Aber ich darf nicht - übergehen, daß von orthodoxer Seite zuweilen das Interesse für den Prophetismus ein wenig verdächtigt wird mit der Behauptung, daß man so nachdrücklich die ethisch-religiöse! Seite betone, weil man die traditionell-zeremonielle Seite gern ignorieren möchte. Es ist höchst unklug, so zu sprechen. Denn kein Orthodoxer wird leugnen, daß es sich bei der Prophetie um die Verkündigung von Gottes Wort handelt; und es grenzt ja fast an Blasphemie, wenn man diese, wo immer, sie wirksam gemacht werden soll, irgendwie zu beeinträchtigen sucht. Die Verhältnisse liegen nun einmal so — und wir jüdischen Lehrer sind sicher nicht schuld daran —, daß mau nicht in allen Gerneinden religiöse Erfolge erzielt mit Verbreitung der Kenntnis ritueller Gesetzesvorschriften, aber überall muß man, auch in den orthodoxesten Gemeinden, die ewigen sittlichreligiösen Wahrheiten lehren, die uns die Propheten übermitteln. Es muß auch ausdrücklich hervorgehoben werden, — und das richtet sich nun gegen eine einseitig liberale Aus-k faffung — daß es unangebracht ist, die Propheten als Eides-A Helfer im Kampfe gegen das zeremonielle Judentum in Anspruch zu nehmen. Selbstverständlich haben die Propheten niemals ihre Stimme erhoben, um einen altjüdischen Brauch und eine altjüdische Sitte oder gar ein Gesetz zu bekämpfen. Für die Heiligung des Sabbats z. B., der ja für die soziale Fürsorge von der größten Wichtigkeit war, haben alle gewirkt. Nur den Mißbrauch. äußerer gottesdienstlicher Handlungen haben sie gegeißelt, die Wertlosigkeit von Kultsitten ans Licht gestellt, die nicht mit echter Hingabe an Gott und sein heiliges Gebot gepaart, als ein opus operrüum dasHerz gleichgültig ließen. Das schärfste Wort gegen den Opferkult hat wohl Jeremia- (Kap. 7, 21 f.) gesprochen: „Tut eure Ganzopfer sdie do^ganz verbrannt werden mußten!] zu euren Schlachtopfern und esset Fleisch! Denn ich habe euren Vätern, als ich sie aus Aegypten führte, nichts gesagt, und nichts geboten in bezug j auf Brandopfer und Schlachtopfer!" In der Anerkennung der göttlichen Forderungen, in der Heiligung des Herzens sieht Jeremia den Kern des Religiösen; aber wenn dieser Prophet eine sonnige Zukunft für Israel ausmalt, — eine Zukunft freilich, die er nicht in der größten Zeitenferne gedacht hat — so spricht er auch davon, daß die Opfer in alter Weise dargebracht werden. Den Eindruck hat allerdings jeder objektiv Prüfende," daß bei unseren Propheten das Sittlich- Religiöse absolute Geltung und aller äußere Kultus nur relativen Wert hat. Mit einer gewissen Absichtlichkeit wird häufig behauptet, i die Propheten lehrten nichts, was nicht bereits in der Lehre | Moses offenbart fei. Diese Tatsache kann man zugeben, — 5 es ist hier nicht der Ort, sie kritisch zu erklären. Aber was in der Lehre gewissermaßen rein theoretisch gefordert wird, das zeigt uns die Geschichte der Propheten in Betätigung, im Widerstreit, in Kampf und Leidenschaft. Und wenn der sittliche Charakter nicht in der Stille zur Festigkeit sich bildet, wenn er sich im Leben, im Handeln bewähren muß, indem er Lockungen widersteht und Anfechtungen überwindet, so werden die religiösen Forderungen der Lehre Moses noch eindringlicher auf uns wirken, wenn wir diesen Kampf des Guten mit dem Bösen anschaulich vor uns sich entwickeln sehen, wenn wir auf seiten der Propheten stehend gewissermaßen selbst mitkämpfen gegen die Erniedrigung des göttlichen Wortes, gegen Ungehorsam und Sünde. Also gerade aus dem Streben nach Vertiefung religiöser Bildung fordern wir gründlichere Kenntnis der Prophetie. Wichtiger als die Einwürfe, die wir bisher zurückgewiesen haben, scheinen mir die Bedenken, die man vom pädagogischen Standpunkt aus gegen die eingehende Behandlung der Propheten hegen kann. Man rühmt mit Recht die hinreißende poetische Schönheit des prophetischen Wortes. Es ist eine ungewollte Poesie. Die Propheten dachten nicht daran, künstlerische Gebilde zu schaffen. Im Drange ihrer religiösen und politischen Leidenschaft gaben sie ihren Gefühlen und t